Waldleute
Roman

Ein Gruppe alter Frauen und Männer geht in den Wald, den Tod zu suchen. Mit dem Eintritt in den Wald verlieren sie ihre Namen, aber nicht ihre Geschichte. Eleonore Frey erzählt von der Frau mit dem Kopftuch in den Herbstfarben der Wälder ihrer Heimat, von dem Blinden, der die Stille hört, dem Wiedergänger, der zum zweiten Mal auf dem Weg in den Wald ist, von der Frau mit dem weißen Schopf und der Märchenfrau, die dem Kind, das sie im Wald finden, sagt: «Du wirst dein Leben lang erinnern müssen, was du gelebt hast. Je älter du wirst, desto mehr. Ich will bei euch bleiben, sagte das Kind, und wenn ihr alle gestorben seid, bin ich groß und gehe rund um die Welt.» Mit Eleonora Freys Prosa gehen wir immer tiefer in diesen Wald, der uns an unser Leben erinnert und doch mit jedem Schritt unvertrauter wird, traumhaft wahr und betörend schön.

(Buchpräsentation Engeler)

Rezension

von Martina Keller
Publiziert am 03.04.2018

Aus reiner Neugierde folgt die namenlose Hauptfigur in Eleonore Freys neustem Roman Waldleute ihrem Untermieter bis an den Waldrand. Da trifft sie auf eine Versammlung von älteren Menschen, die sich auf den Weg in den Wald machen, um dort zu sterben. «Schon oft hatte mich mein Wissenwollen, um nicht zu sagen mein Besserwissenwollen, in missliche Lagen gebracht», sagt die Erzählerin zu Beginn und folgt der Gruppe mit einigem Abstand. So beobachtet sie das Geschehen als Aussenseiterin (sie ist auch die einzige, die am Ende wieder aus dem Wald kommt und also überlebt), wird aber gleichzeitig auf erschreckende Weise Teil der Gruppe. Meist erzählt sie in der Wir-Form, bei der man nie genau weiss, wer dazugehört. Die einzelnen Menschen verlieren im Wald ihre Namen, ihre Individualiät und werden zum Kollektiv: Ein Blinder, eine Märchenfrau, eine Frau mit Kopftuch, ein Kind ist dabei, einige Personen verschwinden auf dem Weg, einige kommen dazu.

Die Anlage in Eleonore Freys neustem Buch - der Wald als ausgedehnte Metapher für den Tod - ist skurril. Der Wald dominiert die Erzählung, fast jedes der kurzen Kapitel beginnt damit: «Es gibt einen Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht», «Rundum Bäume: Links, rechts», «Waldtiere, Waldtiere gingen durchs Gehölz». So bleibt die Erzählung auch sehr statisch. Einmal sagt die Erzählerin: «Egal, ob wir auf unserer Reise geradeaus gingen oder im Kreis: Wir kamen nicht vom Fleck. In rundum gleichmässig weiten Abständen standen die Bäume da». In diesem Text breitet sich der Wald aus als Raum und widerspricht der Erzählung in ihrem Fortschritt, setzt dem chronologischen Hintereinander ein räumliches Nebeneinander entgegen. Es scheint, als ob in jedem Kapitel ein neuer Anlauf genommen wird, ein Einatmen, auf das kein Ausatmen folgt. So kommt auch die Erzählung nicht vom Fleck.

Wie der Wald ist sie ein Geflecht von verschiedenen Personen und ihren Geschichten, alle nur flüchtig skizziert, von verschiedenen Mythen und Vorstellungen vom Tod: Der Tod als freier Fall, als Ort hinter einem Fluss, den es zu überqueren gilt, als friedliches Einschlafen. Der Tod als Raum, als Wald, der Tod als Traum. Die «Waldleute» schlafen und träumen: «Wie aber kommt es, dass wir alle den gleichen Traum haben? fragten wir uns. Der Wald ist der Traum fiel mir dann ein. Und dass wir alle in ihm drin waren». Und so ergibt sich eine Parallelisierung vom Wald, den Waldleuten, dem Tod, dem Traum und auch der Erzählung - alles verschwimmt und alles wird eins. Eleonore Frey schafft mit dieser Anlage einen literarischen Raum mit Möglichkeiten.

Leider vermag sie diesen Raum nicht zu füllen. Die Waldleute und deren Geschichten sind so flüchtig und lose angedeutet, dass sie nicht haften bleiben. Im Kapitel «Der wilde Mann» taucht ein Mann auf: «Ein Riss ging durch die Stille. Ein Mann sprang von einem Baum herab uns vor die Füsse». Indem er sich in die Gruppe fallen lässt, stört er deren Gleichgewicht. Er ist zu jung und passt nicht zu ihnen, dennoch will er dazugehören. Dieses überraschende Ereignis verpufft aber nach einer Seite wieder im Nebel und der Gleichheit des Waldes, so endet das Kapitel mit: «Oft ist mir, als lösten meine Träume sich auf und rännen von einer Nacht zur andern und noch einmal anderen ineinander wie ein Meer in ein Meer in ein Meer.» Die Verwischung, die Vernebelung ist sicher gewollt, tut aber der Erzählung nicht gut. Alles bleibt distanziert, das schwierige Thema des Todes wird ohne Wärme und Humor angegangen. Die Sprache ist in einzelnen Teilen berührend und poetisch, vermag aber kein Ganzes zu werden. Als Leserin betritt man diesen Wald, gleich der Protagonistin, verirrt sich, denn jeder Baum sieht gleich aus, und am Schluss ist man auch ein bisschen froh, wieder herausgefunden zu haben.