Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen

Anna ist Tänzerin. Gut verheiratet lebt sie ein schönes Leben. Dann trifft sie auf Gürkan. An der Seeprome­nade spricht er sie an. Und nichts ist mehr wie zuvor.

Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen erzählt von einer ungewöhnlichen Liebe in Zürich, aus dem Herzen einer Gesellschaft, die dem schönen Leben frönen will. In einer hellen, flirrenden Atmosphäre entsteht das Bild einer heterogenen Gesellschaft, in der Exotik und Zugehörigkeit sowie die Rolle der Kunst neu ausgehandelt werden.

Eine hinreißende Geschichte über die Sehnsucht nach Sinn und Sinnlichkeit und über die Zeiten hinweg eine Hom­mage an Anton Tschechow.

(Buchpräsentation Dörlemann Verlag)

Rezension

von Martina Keller
Publiziert am 07.02.2018

Nach ihrem erfolgreichen Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit publiziert Dana Grigorcea eine Novelle, ein kleines, rotes Büchlein. In Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen trifft die Balletttänzerin Anna auf den Stadtgärtner Gürkan; der Beginn einer Liebesgeschichte. Anna ist eine erfolgreiche Tänzerin, lebt mit ihrem Mann, einem Arzt, in einem schicken Haus am Zürichberg, wo sie als perfekte Gastgeberin für eine illustre Gästeschar ihre legendären Dinnerparties gibt. Es fliesst immer viel Champagner und Anna ist «stolz darauf, dass viele ihrer Gäste namhafte Naturwissenschaftler oder Ökonomen waren, allesamt Kunstliebhaber, und dass sie alle so kultiviert waren und darauf bedacht, schön zu leben». Gürkan hingegen, ein Kurde, lebt mit Frau und Kinder in einem aargauischen «Kaff» und kommt nur nach Zürich, um das Seeufer zu bepflanzen. Eine nicht ganz neue Geschichte: Eine reiche ältere Frau verliebt sich in einen jüngeren, gutaussehenden Mann, beide verheiratet; eine Liebe, die nicht sein darf.

Sie lernen sich an der Seepromenade kennen. Er versucht ihr Hündchen anzulocken, so kommen sie ins Gespräch. Anna weiss mit Männern umzugehen: «Sie konnte ihre Wirkung auf Männer längst einschätzen. Das Interesse an ihrer zierlichen Erscheinung ermutigte sie zusätzlich mit grazilen, getakteten Gesten». Als erfolgreiche Primaballerina ist sich Anna gewohnt, dass ihr die Männer zu Füssen liegen. Sie ist von Anfang an dominant, bestimmt den Takt ihrer Begegnungen. Obwohl sie nicht in der Ich-Perspektive erzählt, übernimmt sie doch klar die Führung in der Erzählung und fühlt sich offensichtlich wohl in ihrer Rolle als Protagonistin. Dabei wird jedoch nie ganz klar, was Anna eigentlich will. Aus ihrem Alltag, ihrer Ehe ausbrechen? Eine weitere flüchtige Affäre? Im Unterschied zu Anna Karenina, deren Geschichte Anna nicht nur als Ballett aufgeführt hat, die auch als Parallelgeschichte hörbar mitschwingt, scheint sie nie als Opfer ihrer Umstände, sie hat die Kontrolle über das Geschehen. Und natürlich gibt es noch eine andere Anna, mit der die Protagonistin viel gemein hat: Anna Ssergejewna aus Tschechows Novelle Die Dame und das Hündchen. Die Ähnlichkeiten sind nicht nur im Titel frappant, geschickt hat Grigorcea aber kurzerhand die Rollen vertauscht: Bei Grigorcea ist die Frau die Protagonistin, die Herzensbrecherin, die Erzählung orientiert sich an ihr – eine interessante neue Interpretation.

Mit dieser Umkehrung hat sie auch dem Hündchen, das in beiden Titeln prominent vorkommt, eine neue Deutung gegeben. In der Erzählung kommt es zwar kaum vor, ist aber doch irgendwie Protagonist. Es steht am Anfang ihrer Bekanntschaft und es dient Anna zum Vergleich mit Gürkan: «Sie ärgerte sich schon, wenn sie daran dachte, dass man sie gleich nach der Herkunft seines Namens fragen würde, wie man sich sonst nach der Rasse ihres Hündchen erkundigte.» Auch wenn sich Anna über diese Tatsache ärgert, lässt ihr Vergleich doch ihre Überheblichkeit zum Vorschein kommen und als Leserin kommt man umhin, die Beziehung zu ihrem Hündchen als Metapher für die Beziehung mit Gürkan (und wahrscheinlich auch anderen Affären) zu lesen. Anna ist hin und her gerissen zwischen ihrer Liebe zu Gürkan und der offensichtlichen Diskrepanz zwischen den Welten, in denen sie sich bewegen. Gleichzeitig ist sie aber stark von sich selbst eingenommen. Ihr Leben dreht sich um ihre Karriere als Tänzerin, besonders ihr Ehemann, aber auch Gürkan scheinen daneben nebensächlich. Anna blüht auf, wenn sie vom Ballett erzählt, das kann sie gut und da wirkt sie echt.

In manchen Teilen der Erzählung ist das nicht der Fall. Viele Beobachtungen Annas wirken klischiert. «Es begann dieses beschwingte Geplauder der zufriedenen Menschen, die nichts als einsehen, dass es ein schöner Tag ist, mit einer hellen Sonne und weissen Schwänen auf dem See». Die tänzerische Leichtigkeit der Sommerliebe, die vergnüglichen Stunden am Zürichsee, die erzählte flüchtige Unbeschwertheit kippen oft ins Belanglose. Wenn Gesprächsfetzen der Spaziergänger am Zürichsee wiedergegeben werden, wirkt das nicht authentisch: «Die Welt hat sich schon sehr verändert», staunte eine ältere Dame in der Badi Utoquai». Wenn wir Annas Assoziationen beim Spazieren folgen, stolpern wir manchmal oder stören uns an den sprachlichen Bildern. Oft wirken ihre Beobachtungen und Überlegungen zu aufgeräumt, zu unnatürlich, all zu sehr auf ihren Auftritt, ihre Äusserung bedacht. Und das passt eigentlich ja zu Anna: Nach einem Abschied von Gürkan am Bahnhof Zürich geht sie davon: «Eine Geschichte ging zu Ende, und sie war wieder einmal perfekt aufgetreten, sensibel und grazil, hatte ihren eigenen Part routiniert gespielt, mit eher geringer Achtung für den Partner.» Anna ist von ihrer Rolle als Tänzerin durchdrungen und auch die Erzählstimme kann diese Inszeniertheit nicht ablegen. So ist Anna eine rätselhafte Protagonistin, die trotz ihrer Omnipräsenz undurchschaubar bleibt, der wir weder vertrauen noch unsere Sympathie schenken können. Eine interessante und neue Frauenfigur!