Wie eine Feder übern Himmel Gedichte
Die Litanei ist durch das halbe
Jahr schon bald vorbei und hat
doch kaum geblüht kein einzig
Mal geglänzt wie Lenze glänzen
sollten ich schaue auf den Grund
der Zeit und er ist grau
und gänzlich leer
Stille, behutsame Gedichte des Lyrikers Jochen Kelter. Beobachtungen der Welt und der eigenen Seele voller Melancholie.
(Buchpräsentation Weissbooks)
Woher diese Trauer
Jochen Kelters neue Gedichte lassen im Titel etwas Schwebendes anklingen. In den zehn mal sieben Gedichten findet es in einer melancholischen Note sein Echo, beispielsweise ganz zum Schluss:
Am Ende bist du allein
wie ein Hund unterm Mond
mit allen die dein Alleinsein säumen
mit allem was dich quält und beträumt
Diese letzten Zeilen ziehen doppelte Bilanz. Äusserlich als Gedenken zum Jahresabschluss gedacht, hallt darin ein unaufgeregtes, doch unüberhörbar dringliches memento mori mit. Die Hoffnung halten «mit fröhlichem Mundwerk» die vierjährige Lucia ebenso wie die achtzigjährige Angie aufrecht, die «ihre Münder spitzen / in die Zukunft fallen in allen Worten».
Das Wort, das Schreiben, das Gedenken bietet Halt und lindert all das, was ein wacher Zeitgenosse wie Jochen Kelter wahrnehmen, mit ansehen, erfahren muss und musste. Zwischen dem Traum und dem «was dich quält», tut sich eine Kluft auf, aus der diese Gedichte aufsteigen.
Es sind die Gegensätze, die den Band auszeichnen. Jochen Kelter zeigt sich von einer sehr persönlichen Seite. Er erinnert sich, mit grosser Zurückhaltung, an nicht immer glückliche Beziehungen und erwähnt wiederholt sein «Vaterland», dessen Geschichte ihm keine Heimat bieten konnte. Er verarbeitet zahlreiche Reisen, nach Paris oder in alle Welt auf der Suche nach dem anderen, und kehrt doch immer wieder zu sich selbst zurück. Er sucht Linderung in der milden Natur, und wird permanent durch kriegerische menschliche Grausamkeit brüsk aus dem Träumen gerissen. Er ist «allein auf dem Grund der Zeit». Hier verliert sich das Lichte und Leichte unweigerlich und schnell, es wird schal und grau.
Diese Gegensätze finden in der lyrischen Form ihren Widerhall. Hin und wieder gerät Jochen Kelter geradezu ins lyrische Schwärmen. Solche Gedichte zeichnen sich durch Klarheit und rhythmische Beschwingtheit aus. Doch schnell und unvermittelt weichen sie, machen einer harten, kantigen Sprache Platz, die sich förmlich in ein syntaktisches Labyrinth hinein schraubt. Unter Verzicht auf Interpunktion, Reim und regelmässiges Versmass wuchert seine Lyrik über die Zeilen- und Strophenenden hinweg. Gedanken und Bilder verschachteln sich ineinander und ziehen das lyrische Ich mit sich, so dass wir Leser beim Lesen alles behutsam wieder auseinander setzen müssen, um auf dessen Grund zu gelangen. Das impliziert mehrmalige Lektüre und konzentriertes Eintauchen, während dessen die Auseinandersetzung sich zwangsläufig vertieft.
Dabei wird das lyrische Ich beständig aus persönlichen Erinnerungen zurück ins Politische geworfen. Manifestationen des Grauens kommen hervor, wie das Massaker von Distomo, als 1944 eine SS-Einheit ein griechisches Dorf auslöschte. Kelter vergisst in seiner Coda aber nicht speziell an drei Jugendliche zu erinnern, die Kindern «den Weg wiesen sich zu verbergen».
Das leidenschaftliche Engagement für die «gerechte Sache» und gegen das Vergessen klingt manchmal erzwungen und mit eisernen Willen gesetzt, als ob sich der Dichter Kelter eine politische Verantwortung dafür auferlegt. Diese Härte weicht indes immer wieder elegischen Zeilen von wunderbarer Ruhe und Demut: «Woher auf einmal die tiefe Trauer / wo doch die Tage ziehen wie stets».
In «Geduldige Sehschärfe» wünscht sich der Dichter:
Ich möchte den schnellen Blick
den zupackenden gegen den langsamen
tauschen den ich auf der eigenenHaut spüre der keine Musik
aus dem Hintergrund braucht unvertraut
Mal macht es den Anschein, dass sich Jochen Kelter zu diesem Blick zwingen müsste, mal stellt sich die Bedachtsamkeit unwillkürlich ein. Es ist dieses Schwanken, das dem Gedichtband seinen Reichtum und letztlich doch einen Anflug von schwebender Federleichtigkeit verleiht. Gibt es ein richtiges im falschen Leben, nimmt er die alte Frage mit spürbarer Ernsthaftigkeit auf. Seine Antwort darauf ist poetisch differenziert:
... bedenke ob unser
Schreiben geeignet sei aus uns
heraus und uns gegenüber zu treten
stark genug Todesangst zu parieren