Siebenundsiebzig Geschwister

Meine Cousine betritt weinend das Zimmer,
kurz darauf wirft sie mich zum Fenster hinaus.

Am nächsten Tag kommt sie wieder,
und nun will ihr die Geduld reißen.
Mir sei immer alles zu leicht gelungen,
daher meine Unaufmerksamkeit, sagt sie.
Ich werfe sie zum Fenster hinaus.

Sie haut mir eine runter.
Ich haue zurück. Dann
wirft sie mich zum Fenster hinaus.
Endlich denke ich. Ich bin müde,
es ist mir gerade recht,
im hohen Bogen hinauszufliegen,
nur ist das nicht das Ende.

»Geschwistergeschichten beginnen mit zwei Kindern und sind zu steigern, zehn Schwestern sind denkbar, und jeder könnte mit zwanzig Schwestern und Brüdern aufwachsen oder zu zweit bleiben, schwindelerregend vertraut über Jahre hinweg als Zwillinge, als Zwillingspaar.« Zsuzsanna Gahses neues Buch ist unterwegs in der Fülle von Geschwisterkonstellationen und ihren Gestimmtheiten.
Wahrscheinlich sind es mehr als 77 Geschwister, die in diesem Buch auftreten und von ihrer Umgebung reden, von ihren Verwandten und Familien, mitunter sogar von den Genen. Die meisten Protagonisten stammen aus Wien, sind aber alle schon flügge und können weltweit umherziehen. Auch die wiederkehrenden Samstagstreffen mit Gesprächen über das Lachen, das böse Lachen, und dem so wichtigen Singen finden bei Winnie in Wien statt.
Die Vielfalt von Schwestern und Brüdern spiegelt sich bei Gahse in ihrer Sprachvielfalt. Virtuos bewegen sich ihre Sätze in der Nähe von Gedichten, Prosaerzählungen und Essays, um immer wieder neue Textformen zu generieren. Mit ihren Erzählzellen und literarischen Echos zeichnet sie ein faszinierend flimmerndes Bild unterschiedlich temperierter Geschwisterbeziehungen.

(Buchpräsentation EditionKorrespondenzen)

Kurzkritik

«Ge-Fieder sind viele Federn, Ge-Birge hat mit mehreren Bergen zu tun, Ge-Schwister sind mehrere Schwestern und Brüder.» Sprachspielerisch, essayistisch, erzählerisch und poetisch befasst sich die Autorin mit dem Thema Geschwister in achtzehn mit einer jeweils anderen Kombination der DNA-Buchstaben überschriebenen Kapiteln, die Gedichte und Prosa mischen. Darin finden sich Erinnerungen, Betrachtungen über die Gesellschaft und über die Sprache, über Tiere und Menschen ebenso wie Anklänge an Figuren aus Literatur, Oper und Film, vom Einzelkind Heidi zu den Brüdern Kain und Abel, von Zwillingen zu Tschechows Drei Schwestern. «Fast alle sagen, was alle sagen», notiert die Autorin. Sie selbst gehört zu den wenigen anderen – und das ist hinreißend. (Ruth Gantert, siehe auch Viceversa 12, 2018)