Niemals keine Nachtmusik
Gedichte

Niemals keine Nachtmusik enthält thematisch höchst unterschiedliche, informell, nach «innerer» Notwendigkeit angelegte, teils in Prosa-Betrachtung mündende Gedichte Felix Philipp Ingolds aus den letzten zehn Jahren, dazu ein Hörstück für drei Stimmen. Konzentriert und nonchalant zugleich unternimmt der findige Form-Experimentator und Forscher von Wirkungen poetischer Sprache Sondierungsgänge ins System sprachlicher Zeichen und untersucht im kreativen Prozess Mechanismen der Produktion von Bedeutung und Sinn. Ingold durchstreift dabei einen ganzen Kosmos an Tradition von Kunst, Dichtung, Musik und Philosophie, umkreist Fremdes mit Anspielungen und amalgamiert solches mit Eigenem zu hochkomplexen poetischen Gebilden.
Eine solche Lyrik befördert eine Art umfassenden Verstehens: Im Gleiten über die Brüche zwischen Wörtern und Sätzen, im Driften entlang von Gleichklang und Mehrfachbedeutung, im Nachvollzug gedanklicher Zickzackbewegungen und Rösselsprünge werden kognitive, emotionale und körperliche Effekte zugleich stimuliert. Mit Ironie, akkuratem Humor und Wortwitz beutelt Ingold konfektionierte Lyrismen und gängige Weisen metaphorischen Denkens durcheinander und führt uns vor, wie sich poetisches Sprechen heute aus jedem Gedicht heraus neu zu entwerfen vermag.

(Buchpräsentation Ritter)

Mehr Sinnlichkeit, mehr Sinn

von Florian Bissig
Publiziert am 29.11.2017

In seinen jüngsten Publikationen lotet Felix Philipp Ingold zweierlei sinnlich-konkrete Momente seiner Lyrik aus. Die Titel deuten es schon an: Die Gedichte seines Bandes Niemals keine Nachtmusik sind gleichsam lautlich-musikalische Ereignisse, und sind passenderweise auf einer mitgelieferten CD in Lesungen des Autors nachzuhören. Das Langgedicht Fortschrift ist insbesondere ein typografisches und damit optisches Ereignis.

«Ein Gedicht in fünfzehn Würfen» heisst das Langgedicht im Untertitel. Damit, und auch in seiner Nachbemerkung weist Ingold sein Werk als Auseinandersetzung mit Stéphane Mallarmés Gedicht «Un coup de dés jamais n’abolira le hasard» aus. Nicht nur typografisch ist sein Gedicht eine «Fortschrift» von Mallarmés epochalem Gedicht von 1897, diesem Urtext der typographischen Dichtung, in dem die Worte und Phrasen in einem luftigen doppelseitigen Layout in verschiedenen Schriften über die Seiten verteilt sind. Ingold knüpft auch an Mallarmés Motive, Begriffsfelder und Probleme an. So tauchen etwa die Nautik und die Mathematik immer wieder auf, sowie die Frage des Zufalls.

Ingold bezeichnet sein eigenes Werk als Mischung aus «Übersetzung, Überschreibung und Entfaltung». Diese Herangehensweise sieht er in Mallarmés eigenem Ansatz legitimiert. Der «coup de dés» habe vorläufigen Charakter und lade seine Leser dazu ein, den Sinn zu vervollständigen – auch im Sinn eines tatsächlichen Fortschreibens.

Die Erweiterung des Sinnhorizonts springt, nach 120 Jahren, sofort ins Auge, wenn es etwa schon auf der ersten Seite heisst: «Steigt / Hoffnung – diesmal im Outfit der Schönheit – aus tieferer Einsicht / und Sehnot.» Die trendig mit einem Anglizismus gepimpte «Schönheit» hilft der «Sehnot» in fetten Lettern ab. Diese kippt in der Folge trotzdem in eine Seenot, indem die Rede auf Wracks kommt, die lautlos auf dem Grund vor sich hin rotten.

Fast deutlicher noch als bei Mallarmé scheint bei Ingold zuweilen das Schriftbild als ikonisch. Etwa, wenn eine einsame «Schlucht» allein unter einer fast blanken Seite klafft, oder wenn der «Moment des / Fliegens-Fallens-Torkelns» beim «Würfelwurf» den Blick des Lesers in schwungvollem Bogen über die Seite führt, bevor er unten in der Ecke zum «Stillstand» kommt.

Die Wahrheit des Klangs

Auch im Band Niemals keine Nachtmusik, in dem Ingold einige längere Gedichte versammelt, spielt die Sprache eine Hauptrolle. Einerseits als Klang, der immer wieder den Impuls für den Fortschritt der Gedichte zu geben schein, etwa wenn es nach dem «Schmerz» mit einem «Scherz» weitergeht, oder wenn der Strophen-Umbruch die Sprache ausfransen lässt, und so die Aussage unterstreicht: «Doch immer schön // ausgefranst.»

Andererseits ist Ingolds Sprache weit mehr als Klangmalerei. Sie hat eine selbstreflexive Dimension, die zuweilen fürchten lässt, dass die Fake News schon in der Sprache angelegt sein könnten: «Über den Triumph hinaus ist die Angst zum Einjagen da.»

In den strophischen Gedichten tauchen viele Motive aus der Fortschrift wieder auf, etwa die Zahl und der Gegensatz von Einzahl und Mehrzahl. Hinzu kommen Versuche mit nummerierten Sequenzen, mit Oktaven und dem Alphabet, wobei die Bewegung oft wie ein Countdown von Z nach A verläuft, gleichsam nach dem Motto: «Das Ende nie / nicht zuerst.»

«Nie nicht», «niemals kein», das sind doppelte Negationen, die es Ingold augenscheinlich angetan haben. «Nie ist Kain nicht der Bruder. So wie kein Meer / nicht von Homer ist.» Gilt da der Logiker-Spruch «duplex negatio affirmat»? Damit könnte man es sich zu leicht machen.

Doch wie schwer muss man sich die Lektüre von Ingolds Gedichten machen? In seiner Nachbemerkung gibt der Dichter Entwarnung. Er will die Sprache nicht auf die Bedeutung eingeschränkt wissen, sondern auch der Klanglichkeit eine Art Wahrheitsanspruch zugestehen: «Immer wahr der Klang!» Anders als bei Eugen Gomringer, dem kein «nichts» ins Haus kommt, verschliesst sich Ingold jedoch auch dem Klang der Negation niemals nicht.

Sein Anspruch ist, «zwischen dem Automatismus des Bedeutens und der klanglichen Selbstkundgabe einen wechselseitigen Ausgleich zu finden» und so zugleich die «Wahrheit des Sagens und die Wahrheit des Gesagten» zur Geltung zu bringen. Gern folgt man Ingold dabei, kostet seine Verse als sinnliche Ereignisse – und lässt sich von ihnen trotzdem etwas sagen. Es ist in der Tat gut zu wissen, was das Gedicht «Zwölfender» über sich selbst sagt: «Geht verloren / sobald es – gut zu wissen! – ganz verstanden ist.»