Widerworte Geschichten, Gedichte, Reden, Reportagen
So streitbar, angriffig und zugleich sprachsensibel ist kaum eine andere Schweizer Autorin. Als Journalistin beteiligte sich Mariella Mehr massgeblich an der Aufarbeitung der Pro-Juventute-Aktion «Kinder der Landstrasse», als Jenische kämpfte sie für die Anliegen der Fahrenden und als Reporterin und Schriftstellerin beleuchtete sie vor allem die Ränder der Gesellschaft. Ihre Texte beschäftigen sich mit Gewalt in all ihren Ausprägungen. Sie zeugen von einer ganz eigenen Sprachkraft.
Anlässlich ihres 70. Geburtstages bietet der Band erstmals einen Überblick über Mariella Mehrs literarisches und journalistisches Schaffen. Das von Christa Baumberger und Nina Debrunner herausgegebene Buch versammelt zum Teil unveröffentlichte Kurzprosa, publizistische Texte und Gedichte von Mariella Mehr sowie Essays ausgewählter Autorinnen, Literaturwissenschaftlerinnen und Kritiker.
Die Autorin wird in all ihren Facetten sichtbar: als streitbare Publizistin ebenso wie als sensible Literatin mit einem feinen Gespür für sprachliche Zwischentöne.
(Buchpräsentation Limmat)
Wider die Gleichgültigkeit
«In Gegensätzen denken», hielt Peter Weiss 1970 in seinem Notizbuch fest, ist «meine Triebkraft, die all meine Arbeit erzeugt». Sich an einem Gegenüber reiben, es herausfordern und ihm zugleich widerstehen – daraus zieht auch Mariella Mehr Ansporn und Energie für ihr Schaffen. Dementsprechend steht die Vorsilbe «wider» nicht nur im Titel des neuen Bands Widerworte, der aus Anlass ihres 70. Geburtstags am 27. Dezember 2017 erscheint. Das Zuwider begegnet uns in vielen der darin versammelten Texte; und 2001 war schon ein Gedichtband mit Widerwelten überschrieben. Im Zentrum all der Widerworte und Widerwelten steht Mariella Mehrs Widerstand gegen ein System von gesellschaftlicher Gewalt, das sich mitunter gut zu tarnen weiss.
Was die Autorin darunter versteht, macht eine Vorbemerkung deutlich, die sie 1998 anlässlich der Auszeichnung als Ehrendoktorin der Universität Basel machte: «Vor Ihnen steht eine 'verstimmbare, haltlose, impulsive und geltungsbedürftige Psychopathin mit neurotischen Mechanismen und einem starken Hang zur Selbstüberschätzung, was ihr Wunsch, Schriftstellerin zu werden, beweist.'» Dieser Sarkasmus ist kaum zu steigern, doch Mariella Mehr hat lediglich ein «Gutachten» (was für ein Wort!) zitiert, das sie in ihrer «Kinder der Landstrasse»-Akte fand. Sie ist trotzdem Schriftstellerin geworden, mit einem ebenso kraftvollen wie leidenschaftlichen Werk. Aus ihm ragt, vielleicht, die Trilogie der Gewalt heraus, die die Romane Daskind, Brandzauber und Angeklagt umfasst und zwischen 1995 und 2002 erschienen ist. Nach anfänglichem Aufsehen ist die Trilogie allerdings auf skandalöse Weise in der Versenkung verschwunden: vergriffen und vergessen. Mehrere Ehrungen und der erwähnte Geburtstag sind endlich Grund genug, dass sie wieder aufgelegt wird, notabene in einem sorgfältig und schön gestalteten Band.
«Die Kenntnis der Quellen, aus denen dem Künstler Eingebung floss» würde die Leser und Leserinnen «oftmals verwirren, abschrecken und so die Wirkungen des Vortrefflichen aufheben», zitiert der Band Widerworte gleich eingangs einen Satz von Thomas Mann. Im Fall von Mariella Mehr taugt dieses Zitat nur ansatzweise. Selbstverständlich ist ihr Werk eigenständig, also losgelöst von der Biographie zu lesen. Freilich heisst dies nicht, wie Thomas Mann suggeriert, dass es das «Schöne» in die Welt setzt. Mariella Mehr erzählt unmissverständlich unschöne Gewalterfahrungen. Die klaustrophobische Dichte ihrer Prosa hebt die Trennung von Leben und Literatur auf. Die Kenntnis der schmerzvollen Geschichte als Kind von Fahrenden, die in die Gesellschaft der Ordnungsliebenden integriert werden sollten, steht ganz in Einklang mit Mariella Mehrs Schreiben. Ihr gelingt es, wie sie in einem Interview mit Anna Ruchat geäussert hat, «dem Leser ins Bewusstsein zu rufen, dass das Ungewöhnliche, das Unmenschliche in jedem Augenblick zu einer pervertierten Norm werden und ihn persönlich bedrohen kann».
In Mariella Mehrs Texten ist von Schmerz die Rede, von Schuld und von unsäglicher bürokratischer Amtsanmassung wie der Aktion «Kinder der Landstrasse», die gewaltsam in ihr Leben eingriff. Davon erzählen auch die Texte, die die Herausgeberinnen Nina Debrunner und Christa Baumberger unter dem Titel Widerworte versammelt haben. Der Band enthält verstreut erschienene und teils auch unpublizierte Prosatexte sowie eine Auswahl von Gedichten. In ihrer Gesamtheit zeigen sie ein eindrückliches Panorama, das den Blick frei gibt auf Mariella Mehrs leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Deren Hintergrund bilden, wie immer wieder durchscheint, jene ernsten, von Verantwortung gezeichneten Männer in weiten Mänteln und mit einer dicken Hornbrille auf der Nase, die gänzlich frei von Ironie pedantisch exakt gewusst haben, was für eine junge Frau gut ist und sittlich.
In der Abteilung Reportagen rekapituliert sie in zwei furiosen Texten für das Tages Anzeiger Magazin die Geschichte, die ihr und ihrer Familie widerfahren ist. So wie sie als Embryo von ihrer Mutter getrennt wurde, so wurde auch der siebzehnjährigen Mariella Mehr das Kind nach der Geburt weggenommen. Indem man so die Sünden des «fahrenden Volkes» zu korrigieren versuchte, nahm man in Kauf, elementare Regeln der Mitmenschlichkeit zu verletzen. Aus der Perspektive der betroffenen Autorin sieht das freilich weniger gutmeinend aus. Ihre Kindheit und Jugend gleicht einer Odyssee durch Kinderheime und kirchliche Fürsorgestellen, gegen die sich das Mädchen mit Renitenz wehrt. «Ich war Bettnässerin und schielte, und meine Mutter nannten sie eine betrunkene Schlampe» – doch «auch wir waren liebenswert». Der Diebstahl von Büchern, Nietzsche und Sartre zum Beispiel, die sie heimlich unter der Bettdecke las, brachten Linderung durch Erkenntnis.
Mariella Mehr schreibt den gesellschaftlichen Verwerfungszonen am Rand entlang, die wir, notiert sie sarkastisch, «paradoxerweise Milieu nennen, MITTE». «Ich tauge nicht für's moderate Schreiben», schrieb sie 1997 in «Vom Mythos der Schweiz als Insel». Ihre Literaturkritiken nehmen leidenschaftlich Partei, ihre Nachrufe auf Pasolini, Walter Arnold Steffen oder Gilbert Tassaux (Vorbild für den Protagonisten in Zeus oder der Zwillingston) sind lebhafte Weckrufe. Und ihre Reportagen kritisieren die fürsorgliche Amtsanmassung aufs Schärfste. Für die Vehemenz ihrer Texte hat Mariella Mehr allerdings mit Angriffen auf ihre Person bezahlt. 1997 verliess sie nicht zuletzt deretwegen die Schweiz und wanderte in die Toskana aus.
Der Band Widerworte versammelt eine eindrückliche Auswahl an Beiträgen, in denen Widerstand spürbar wird: «wider das Vergessen» und «wider die Lüge» – allem voran aber «wider das Verbrechen der Gleichgültigkeit». Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann diesen. In der Reportage «Alptraum eines Embryos» schrieb sie 1975:
«Cham 1962. Die Gleichgültigkeit ist eine grosse Mutter. Über diese Gleichgültigkeit lächelte auch Christus nicht mehr.»
Die Herausgeberinnen haben feine Arbeit geleistet und einen eindrücklichen Überblick über Mariella Mehrs Werk zusammengestellt. Der Band ist mit privaten Fotografien sowie Bildern von Walter Arnold Steffen und Meret Oppenheim angereichert, die Mariella Mehr überaus schätzt. Wenn eine gelinde Kritik am Band anzubringen ist, dann vielleicht die, dass die Leser und Leserinnen sich anfänglich durch mehrere, hinter einander gestaffelte und sich überschneidende Vorworte und Einführungen hindurchlesen müssen, bis sie zu Mariella Mehrs Texten durchdringen. Nun gut, der eine oder andere dieser Texte lässt sich auch überfliegen und im Nachhinein lesen – ein Buch erlaubt ja ein Umblättern.
Die Anthologie erfüllt ihren Zweck erst recht im Verbund mit der parallel dazu erschienenen Neuausgabe der Trilogie der Gewalt, mit der sich Mariella Mehr radikal in die Schweizer Literaturgeschichte der Neuzeit einbeschrieben hat.