Schildkrötensoldat Roman
Zoltán Kertész, blauäugiger Sohn eines »Halbzigeuners« und einer Tagelöhnerin mit ständig wechselnden Liebhabern, ist der Außenseiter in einem kleinen Ort in Serbien. Als Kind ist er dem Vater in voller Fahrt vom Motorrad gefallen, und der Bäcker, dem er die Mehlsäcke nicht schnell genug durch die Backstube schleppte, hat ihm den Kopf blutig geschlagen. Seither hat er das »Schläfenflattern«, sitzt am liebsten in seiner Scheune und löst Kreuzworträtsel. Als 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg ausbricht, sehen das die Eltern als Chance für den Sohn: In der Volksarmee soll der »Taugenichts«, der »Idiot« zuerst zum Mann und dann zum Helden werden. Aber Zoltán passt auch dort nicht ins System, stellt die falschen Fragen und die auch noch stotternd. Als sein einziger Freund bei einem Trainingsmarsch in der Folge sinnloser Schleiferei tot zusammenbricht, verweigert sich Zoltán endgültig einer Ordnung, die alle Macht dem Stärkeren zugesteht.
(Buchpräsentation Suhrkamp)
Verstanden! Aber wo ist die Einsicht?
Kriege fressen die Seele auf. Es sind nicht nur die Gefechte, die traumatisieren, rings um kriegerische Konflikte entsteht eine aufgeheizte Stimmung, in der humane Zwischentöne und emotionale Feinheiten kaputt gehen. Es gibt nur weiss hier und schwarz jenseits der Front. In ihrem neuen, dritten Roman nach Im Schaufenster im Frühling (2004) und Tauben fliegen auf (2010) erzählt Melinda Nadj Abonji mit poetischem Mitteln von diesen niederschwelligen, oft unsichtbaren Verstümmelungen.
Das Buch spielt in der serbischen Vojvodina, nahe an der Grenze zu Bosnien, wo sich 1991 der gegenseitige Hass in einem grausamen Gemetzel entlud. In einem der Dörfer lebt der unbescholtene Zoltán Kertész, oder Zoli, wie er gerufen wird. In einem verwunschenen Schuppen trug er als Kind allerlei Fundsachen und ordnete sie in einem kleinen Universum aus Schachteln, das er mit Hilfe seiner Cousine Anna Ujházi immer wieder umgruppierte. Inmitten dieser «Schachtelwelt» gab es auch eine von Zoli geschnitzte Schildkröte. Das Tier erhielt seinen Platz in den Zwischenräumen, denn, wussten die beiden insgeheim, es trug «die ganze Welt auf seinem Panzer». Aus dem Schildkröten-Zoli sollte nach vielen Jahren ein Schildkrötensoldat werden. Genauer ein S-C-H-I-L-D-K-R-Ö-T-E-N-S-O-L-D-A-T.
Anna ist zu dieser Zeit längst in die Schweiz umgezogen, deshalb weiss sie nur vom Hörensagen, wie es Zoli seither ergangen ist. Aus dem Dummling wird ein Soldat werden, dachten seine Eltern, und damit ein Kerl, ja sogar ein Held. Doch einer wie Zoli würde immer ein liebevoller Idiot bleiben, ein unfähiger Krüppel, ein «Gartennarr» – oder wie immer es die andern nennen wollen. Zuerst war er als Junge vom Motorrad seines Vaters gefallen, dann wurde er von seinem Lehrmeister in der Bäckerei geohrfeigt und zum Säckeschleppen verdammt. Er begann zu stottern und bekam epileptische Anfälle, mit denen keiner was anzufangen wusste, auch der Arzt nicht.
Zoli lebte und lebt in einer anderen Welt. Er mag die Blumen, getreu seinem Namen Kertész, also «Gärtner». Er versenkt sich in seine Beobachtungen und verliert sich darin. Vor allem aber liebt er Worte und Sprache, auch wenn sie ihm nur stockend über die Lippen kommen. Es sei «Z-W-E-T-S-C-H-G-E-N-K-N-Ö-D-E-L-T-A-G» hatte ihm Vater gesagt, als er ihn nach dem Unfall vom Boden auflas. Das weiss er noch ganz genau, deshalb bewahrt er das Wort neben anderen sorgsam in einem Heft mit karierten Seiten auf. Oder er schreibt sie als Lösung in eines der Kreuzworträtsel, die er gerne löst.
Deshalb wird im Militär aus Zoli, respektive aus dem Soldaten Kertész, nie ein Held werden. Er wird als Tölpel herumgeschoben und gehänselt. Doch er hat einen Freund, Jenö, mit seinen Fettpolstern selbst ein Aussenseiter. Jenö hat ihm einmal gesagt, dass Lachen «in der Armee oft eine lästige Krankheit» ist – ausser sie richtet sich humorlos gegen solche wie sie beide. Zoli und Jenö schützen und helfen sich gegenseitig, als letzterer aber auf einem Marsch zusammenbricht und stirbt, wenige Tage, bevor sie nach Vukovar geschickt worden wären, da verstummt auch Zoli. Er verweigert das Essen und wird nach Hause geschickt.
Wenig später erreicht Anna, die in Zürich als Lehrerin arbeitet, die Nachricht von seinem Tod: Zoli wurde mit Medikamenten vergiftet aufgefunden, mit einem Stück Brot in der Luftröhre. Anna braucht ein paar Monate, um nach der traurigen Nachricht nach Serbien zu reisen, Horvaths Ein Kind unserer Zeit im Gepäck, in dem sie den Satz findet: «Und wir führen keine Kriege mehr, wir säubern ja nur.»
Auch wenn Melinda Nadj Abonji ihren Roman zeitlich exakt anfangs der 1990er Jahre situiert, schwingt darin eine grundsätzliche Kritik am militärischen Korpsgeist mit. Im Mai 2014 hat die Autorin ihren Stoff als Bühnenstück für das Theater Basel eingerichtet. In einem Begleittext verwies sie darauf, dass der sinnlose Tod Jenös nicht einer serbischen Quelle entnommen, sondern im Schweizer Militär geschehen sei. Es sind auch solche Weitungen, die den Roman über den historischen Kontext des Balkankriegs hinausheben.
«Die Wahrheit liegt nicht auf der Hand und schon gar nicht in den Wörtern», spricht Anna vor Zolis Grab zu sich. Die Wahrheit liegt in den Zwischenräumen, in den Schlupflöchern der Wörter. Der Schuppen der Kindheit war ein solcher Unterschlupf. «Sonderschicht» dagegen, lernt Zoli in der Armee, hat kein Schlupfloch, ebensowenig wie S-I-E-G. Auch deshalb liegt er auf dem Friedhof.
Diese poetische Sensibilität ist dem Roman von Melinda Nadj Abonji einbeschrieben. Die Autorin verwebt zwei Erzählstränge ineinander. Zum einen legt Anna ihre Erinnerungen an Zoli vor sich aus, um sich schliesslich doch noch auf die Reise zu machen und die Kaserne in Zrenjanin zu sehen, sowie ein letztes Mal den alten Schuppen. Zoli hat seine Cousine immer Hanna genannt, weil «das H die feinste Möglichkeit sei, sich hinzusetzen, sich auszuruhen».
Unterteilt wird ihr Bericht von Passagen, in denen Zoli einem Therapeuten von sich erzählt. Dieser Strang, der ganz ohne Punkte auskommt und so einen stockenden und sogleich wieder neu ansetzenden Erzählfluss entwickelt, ergreift mehr und mehr von dem Buch Besitz. Von der Autorin fein und sorgfältig rhythmisiert zieht er seine Leserinnen und Leser in den Bann.
Zoli gerät in ein Wechselbad der Emotionen. Er ereifert sich über die militärische Schinderei und fällt umgehend wieder zurück in kindliche Fantasien. Aus diesem Hin und Her bildet sich ein Erzählsog, der vor wunderbarer Unbescholtenheit funkelt und einen Menschen zeigt, der trotz Stottern und Stocken ganz in der Sprache lebt. In der Sprache findet er Unterschlupf: seine Wahrheit, die der militärischen Realität weit voraus ist. «Hörst du, das ist ein Befehl, Kertész!» erzählt er seinem Gegenüber, «und Kertész Zoltán schreit, verstanden! alles verstanden! aber wo ist die Einsicht?»
Robert Prosser hat jüngst im beeindruckenden Roman Phantome mit effektvoller Direktheit von den Grauen des Balkankriegs erzählt. Dieser Krieg taucht bei Melinda Nadj Abonji nur am Rande auf: «ein paar Kilometer weiter entfernt wird geschossen, gemordet...» Sie zielt auf eine andere, verschattete Wirklichkeit, vielleicht die Kehrseite der Ehrenmedaille: die Gewalt der Sprache, die die Seele verwüstet. Mit markigen Worten behaupten Militär und Bürokratie ihre Geltung. Für Poesie bleibt darin kein Platz, ebensowenig für einen, der «wie ich alle Wörter und Sätze und Silben in mich hineinlöffle, um sie dann zu platzieren, in den Lücken». Zoli mag naiv sein, dumm ist er nicht. Mit kindlich anmutender Unbescholtenheit widerspricht er der umgangssprachlichen Rohheit und Brutalität und plaudert sich förmlich in die Sprachlosigkeit hinein. Es ist seine Weise, verantwortlich zu sein und sich der Macht-Maschinerie zu entziehen.
Seine Mutter wüsste eine Antwort auf die Frage, weshalb es sei wie es sei: «Der arme Scheisser bleibt arm, der reiche Pinkel geniesst die Aussicht auf die Ewigkeit!» Aber ist das wirklich der Lauf der Welt? Auch wenn ihn viele für verrückt hielten, wusste es Zoli besser. Jeder ist für seine eigene Wahrheit verantwortlich. Auch Anna weiss das. Vielleicht deshalb lässt sie bei ihrem Besuch die Schildkröte im Schuppen stehen, der wohl bald abgerissen wird. Jeder muss sich seine Wahrheit selber suchen. Mit diskreter, berührender Schlichtheit erzählt Melinda Nadj Abonji davon. Ihr Roman will nicht brillieren. Vielmehr kriecht ihr Text bei der Lektüre ganz sachte unter die Haut.