Schwirrflug
Roman

Ruth und ihr Mann Markus reisen 1984 als Brigadisten nach Nicaragua. Überzeugt von den Idealen der Revolution, setzt sich das Paar unermüdlich für soziale Gerechtigkeit ein. Unter schwierigsten Bedingungen versuchen sie mitzuhelfen, ein neues Nicaragua aufzubauen. Doch die politische Lage spitzt sich laufend zu und wird durch die Attentate der Contras für alle Beteiligten lebensgefährlich. Dreißig Jahre später erfahren Ruths Töchter Alma und Judith vom Einsatz ihrer Eltern. Sie begeben sich als Touristinnen auf Spurensuche nach Nicaragua, in der Hoffnung, Antworten auf neu aufgeworfene Fragen zu finden. Doch plötzlich tun sich ungeahnte Abgründe auf, und Gewissheiten geraten ins Schwanken.

Regula Portillo schildert in ihrem Roman packend, welche Konflikte Ruth und Markus durchstehen müssen beim Versuch, ihre Ideale Realität werden zu lassen. Die drängenden Fragen, mit denen sich Alma und Judith Jahre später konfrontiert sehen, verlangen nach einer neuen Auseinandersetzung mit den Eltern und zeigen auf, wie wenig wir oftmals von den Menschen wissen, die uns am nächsten stehen. Portillo verwebt geschickt die beiden Erzählebenen und lässt die Höhen und Tiefen des politischen Engagements, aus der Sicht von Ruth erzählt, auf die unbedarften Reiseeindrücke und quälenden Zweifel ihrer Töchter prallen.

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Meine Mutter, die Revolutionärin

von Florian Bissig
Publiziert am 14.03.2018

Nachdem die Schwestern Alma und Judith, gegen Ende zwanzig, ihre Mutter verloren haben, geht es ums Sichten und Ausmisten der Hinterlassenschaften in der Stadtberner Altbauwohnung. Dass ihr Vater sich politisch engagiert hatte, war den Schwestern vage bekannt. Doch als sie sich durch eine Schachtel mit Briefen und Dokumenten arbeiten, machen sie eine Entdeckung. Ruth und Markus, ihre Eltern, lebten bis kurz vor Almas Geburt, während acht Monaten in Nicaragua. Als Teil einer internationalen Brigade unterstützten sie im Jahr 1984 eine Dorfgemeinschaft bei der Ernte und beim Aufbau eines Gesundheitszentrums.

Zur Trauer um die Mutter tritt bei den Schwestern die Irritation darüber, dass dieser aufregende und gefährliche Einsatz für die sandinistischen Revolutionäre innerhalb der Familie nie ein Thema gewesen ist. In der Schachtel finden sich an die Mutter adressierte Briefe eines gewissen Paul, in denen von einer gemeinsamen Lüge die Rede ist – was die Neugier und einen gewissen Argwohn weckt. Die Schwestern beschliessen, sich mit dem kleinen Erbe im Sommer eine gemeinsame Reise nach Nicaragua zu leisten, auf den Spuren ihrer verstorbenen Eltern.

Nicht erst während dieser Reise, sondern durch das ganze Buch, wechselt die Erzählperspektive zwischen Alma, der älteren Schwester, und der Mutter Ruth hin und her. So kennt der Leser die Geschichte des Revolutions-Abenteuers der jungen Eltern immer detaillierter, während er den Töchtern dabei folgt, wie sie die Hinweise zu ihrer familiären Vorgeschichte zu deuten versuchen.

Regula Portillo fängt in ihrem Debut das Nicaragua von damals und heute in einer anschaulichen und wohlrecherchierten Erzählung ein, die nebenbei auch ein hässliches Kapitel aus der Geschichte der US-Aussenpolitik aufrollt. Während die Schwester, der Vater, dessen eventueller Nebenbuhler und weitere Figuren eher schematisch bleiben, gelingt der Autorin eine einfühlsame Gegenüberstellung von Alma und ihrer Mutter als junger Frau.

Insbesondere mit der Ankunft Almas und Judiths in Nicaragua nimmt die Erzählung Spannung auf und entwickelt eine berührende Intensität. Schwirrflug ist ein raffiniert und effektvoll komponierter Roman. Die Dialoge mögen zuweilen etwas platt und fernsehhaft klingen, doch insgesamt ist Portillo ein stilistisch ausgegorenes und lesenswertes Romandebut gelungen.