Mahlstrom
Roman

Am Anfang steht Barbara. Barbara, die sich mit zweiundzwanzig im Fluss ertränkt. Ihr Tod, der im ganzen Dorf die Telefone schellen lässt, bringt die anderen zum Reden: ihren Bruder Adam, ihre Freundin Nora und Yann, den Eindringling, der aus der Stadt neu zugezogen war. Sie alle sind mit der Verstorbenen und den falschen Zwillingen Annemarie und Hans zur Schule gegangen. Es waren kinderreiche Zeiten, und die Enge im Elternhaus trieb die Kinder nach draußen. Doch unter den Erinnerungen an das Jagen über die Felder oder jenes Streichholzspiel auf dem Pausenhof liegt etwas anderes, Unausgesprochenes begraben: In einer unbeobachteten Nacht verübten sie ein Gewaltverbrechen an einem von ihnen. Einen starken Sog auslösend, erzählt Mahlstrom die Geschichte sechs junger Menschen, die in einer dicht verwobenen Dorfgemeinschaft herangewachsen sind. Zugleich geschützt und bedroht von den engen Banden, sind sie im Erwachsenenleben angekommen und stecken doch noch knietief in ihrer Kindheit. Erst Barbaras Selbstmord bringt den Stein ins Rollen und zwingt die Übriggebliebenen, sich mehr als zehn Jahre nach dem Verbrechen dem Geschehenen zu stellen.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag)

«Die Stimme setzt den Körper zusammen.»

von Ruth Gantert
Publiziert am 20.11.2017

Die Rede ist von einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Die Erwachsenen treffen sich in einer der beiden Dorfkneipen, die Kinder ziehen nach der Schule in Scharen durch Felder und Wälder und vergnügen sich mit einfachen Spielen. Bekannte Motive einer ländlichen Kindheit aus vergangener Zeit treten auf: die nächtliche Mutprobe im Bach, das gemeinsame Kirschenessen, das zu Bauchweh und Erbrechen führt, der gestrenge Lehrer, die Spiele auf dem Pausenhof, wo man sich verbündet und bekriegt. Ein fremdes Kind kommt dazu, später zieht ein Jugendlicher weg. Handelt es sich um einen Dorfroman, der eine idyllische Heimat zelebriert? Mitnichten:

«Wenn ich es von heute aus beschreiben müsste: Erziehung an jeder Ecke. Mahnende Zeigfinger, erhobene Hände, bereit, kräftig zuzulangen. Tu das nicht, tu dies nicht, komm sofort her.»

So beschreibt eine der der drei Erzählstimmen in Yael Inokais zweitem Roman Mahlstrom die Atmosphäre, in der sie aufwuchs. Eltern und Lehrer fordern, befehlen, verbieten und strafen. Die Kinder geben die Gewalt, die sie von den Erwachsenen erfahren, untereinander weiter. Die Grossen plagen die Kleinen, die sich wiederum an den Kleinsten schadlos halten – das wird nüchtern festgestellt.

«Keiner war zu jung, um getriezt zu werden, und kein Plärren und Betteln konnte das Gegenüber in seinem Angriff besänftigen. An den Waden gepackt und kopfüber wie ein Sack Kartoffeln ausgeschüttet zu werden, gehörte zur Kindheit wie das Verlieren der Milchzähne.»

In diese Welt kommt das Einzelkind Yann aus der Stadt im Alter von neun Jahren. Der Junge nimmt seinen Platz zuunterst in der Hierarchie der Kinder wie selbstverständlich an und schickt sich drein: Er ist klein und schüchtern, kommt von woanders, spricht einen fremden Dialekt – wie sollte er da nicht Opfer der täglichen Gemeinheiten werden? Sein Klassenkamerad Adam erklärt ihm in einem friedlichen Moment: «Manchmal bist du eben dran, [...] aber dann sind auch wieder andere dran. Das darfst du nicht persönlich nehmen.»
Der raue Umgang, die ländliche Umgebung, in der die Kinder oft sich selbst überlassen sind, ihr Spielzeug selber basteln, sich von der «komischen Welt» der Erwachsenen möglichst fernhalten und sie doch reproduzieren, könnte an Pergauds Krieg der Knöpfe denken lassen – und verlorene Knöpfe spielen tatsächlich eine wichtige Rolle in dem Roman. Die Geschichte, die Mahlstrom erzählt, ist jedoch ernst, ja tragisch, so viel ist von Anfang an klar, denn sie beginnt mit dem Selbstmord einer jungen Frau aus dem Dorf. Barbara hat sich im Alter von 22 Jahren im Fluss ertränkt. Sie war eines von fünf Kindern, die zusammen herumzogen und vor elf Jahren ein Verbrechen begingen, das erst in der Mitte des Buches benannt wird. Es erinnert an ein schreckliches Ereignis, das sich 2002 im Wallis zugetragen hat, als der italienische Junge Luca Mongelli schwer verletzt im Schnee aufgefunden wurde und man zuerst seinen Hund dafür verantwortlich machte, danach eine Gruppe Jugendlicher verdächtigte (Oskar Freysinger veröffentlichte unter dem Pseudonym Janus darüber den Roman Canines (Xenia, 2010)).

In einem kurzen Abschiedsbrief sagt Barbara, es tue ihr leid. Wofür entschuldigt sie sich – für ihren bevorstehenden Selbstmord oder für eine Tat, die hinter ihr liegt? Aus den Reaktionen der Dorfbewohner auf Barbaras Tod, aus Erinnerungen an die Vergangenheit und Begegnungen in der Gegenwart setzt sich eine Geschichte zusammen, in der es um Gemeinschaft und um Ausgrenzung, um Freundschaft und Verrat, um Schuld und Verleugnung, um Sühne und mögliches Verzeihen geht.

Im Zentrum des Romans steht das Schweigen. Man grüsst sich höflich in der kleinen Dorfgemeinschaft, und man verschweigt vieles. Dafür findet Yael Inokai eine eindrückliche Form: Drei der sechs damals etwa elfjährigen Kinder, nun junge Erwachsene, ergreifen wechselweise das Wort. Nora, Adam und Yann erzählen ihre Beobachtungen und Erinnerungen. Nora war Barbaras Freundin, Adam deren kleiner Bruder und Yann das Opfer der Gewalttat. Die drei anderen Beteiligten haben keine Stimme: Barbara ist tot, Hans ist aus dem Dorf weggezogen und seine Schwester Annemarie, die Friedhofsgärtnerin, spricht höchstens über Bodenheizungen.

Die drei Erzählstimmen weben ein dichtes Netz an Motiven, in dem einige Episoden sich überlappen, da sie aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden, andere sich wie Puzzleteile in die Lücken fügen. Das Porträt von Nora, Adam und Yann setzt sich also aus der Perspektive der jeweils anderen und aus ihrer eigenen Erzählung zusammen, während Barbara, Hans und Annemarie nur von aussen gesehen werden. Alle sechs werden plastisch, sowohl körperlich als auch psychisch unverwechselbar. Dabei gelingt es der Autorin, jeder Figur ihre eigene Stimme zu geben, ohne die Sprechweise zu karikieren. Sie schafft auch die Gratwanderung einer glaubwürdigen Mündlichkeit in einer poetisch verknappten, bildreichen Sprache.
So entsteht in wenigen Sätzen die Atmosphäre eines Pausenhofs, auf dem man sich halb hinter seinem Apfel versteckt oder ihn zur Sanduhr beisst. Nur angedeutet und doch präzise zeichnen sich zarte Freundschaften ab, auf die als instinktive Abwehrreaktion umso schlimmere Grausamkeiten folgen. Angreifbar ist jeder, der ein wenig aus der Norm schlägt – eine geistig behinderte Frau, ein Mädchen, das zu dick, zu klug, zu unabhängig oder zu hartnäckig erscheint oder ein Junge, der zu zierlich, zu künstlerisch, zu fantasievoll oder gar eine «Schwuchtel» ist.

Schimpfwörter, Geflüster, Anstandsfloskeln unterbrechen das Schweigen der Dorfgemeinschaft: Echte Gespräche gibt es ebenso wenig, wie Emotionen benannt werden. Gefühle erscheinen eher als ein technischer Defekt: Barbara wurde «ohne Filter» geboren, Yann hat seit der Tat manchmal einen «Wackelkontakt», bei Adam gerät «die Schaltzentrale oben ausser Betrieb.»
Wie aus der Sprachlosigkeit ein verwundertes Beobachten, ein schamvolles oder betont distanziertes Erinnern, ein Abstreiten und zögerliches Einräumen, ein öffentliches Geständnis und zuletzt auch wieder kurze Zwiegespräche entstehen – dieser sorgfältig komponierte, anschwellende Redefluss entwickelt einen unwiderstehlichen Sog.

Presseschau

Dieses Buch fasziniert und verstört. [...] Yael Inokai erfüllt mit diesem Buch die hohen Erwartungen, die man nach ihrem Erstling Storchenbiss haben durfte. Es überzeugt durch seine Dringlichkeit, Dichte, Welthaltigkeit und Exaktheit. (Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 1.10.2017)

Mahlstrom verbindet Präzision mit Poesie. Es ist der zweite Roman der 28-jährigen Autorin. Schon in ihrem Debüt Storchenbiss (unter dem Namen Yael Pieren) hat sie von den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen erzählt. Doch nun ist die Sprache prägnanter und kantiger geworden, die verschiedenen Erzählstimmen sind souverän komponiert. (Martina Läubli, NZZ, 27.10.2017)