Das Klavier auf dem Schillerstein
Prosa

Elf Texte aus den Jahren 1989 bis 2016 versammelt der Band, und bereits die Titelgeschichte «Das Klavier auf dem Schillerstein» signalisiert, was alles geschehen kann, wenn die Kräfte der Phantasie zu wirken beginnen. Dies umso mehr, als Gertrud Leutenegger im vorliegenden Band aus kleinen Alltagssituationen heraus die Ahnenreihe ihrer literarischen und künstlerischen Anregungsfiguren erstehen läßt. Der Besuch bei einem alten italienischen Augenarzt führt zu einer Begegnung mit Kleists «Marquise von O...»; aus der stockdunklen Nacht eines Tessiner Tals bei Stromausfall entwickelt sich eine Unterhaltung mit Novalis; die Erinnerung an die kindliche Faszination für die Verpackung von Zwieback Hug führt zu Viscontis legendärer «Gattopardo»-Verfilmung. Autorenkollegen wie Gerhard Meier und Giovanni Orelli erlebt man als Reisebegleiter in Österreich oder China, während aus der Landschaft des Genfersees die archaische Familiensaga von Catherine Colomb wieder lebendig wird. Dazwischen stehen Huldigungen an Dinge, Erlebnisse und Stimmungen, deren scheinbare Alltäglichkeit in Wahrheit Residuen der Poesie sind: kühle Treppenhäuser in der Tessiner Sommerhitze, morgen- und abendliche Pendlerbusfahrten in entlegene Täler oder die plötzliche Erinnerung an eine der ersten selbstgekauften Schallplatten. Am Ende fährt die Erzählerin auf den Furkapass, wo mit lächerlichen weißen Tüchern verzweifelt versucht wird, das Abschmelzen der Gletscher zu verhindern, während zugleich ein innerer Film in ihr abläuft: Wie einst Rimbaud im Winter den Gotthard überquerte – bis unter die Achseln im Schnee versinkend und der weißen Hölle nur mit knapper Not entrinnend. Es ist ein traumwandlerisches Neben- und Ineinander von Erleben und Erinnern, das die Texte bestimmt, durchdrungen von Poesie in jedem Satz.

(Buchpräsentation Nimbus)

Kurzkritik

Wer hievte wie und warum ein Klavier auf die abgeplattete Spitze des Schillersteins im Vierwaldstättersee? Die Autorin zitiert das Bild in einer Laudatio für Giovanni Orelli, dessen «subversive[s] Verfahren, Dinge in einen neuen Zusammenhang zu stellen», sie hervorhebt. In elf prägnant gearbeiteten Prosastücken von 1989 bis 2016 stellt auch sie Beobachtungen und Erfahrungen in einen neuen, meist literarischen Bezug. So erinnert ein mysteriöser Augenarzt in Portofino mit seiner «ebenso zarten wie kruden Rücksichtslosigkeit» an Kleist, ein Stromausfall im Tessin an Novalis’ Hymnen an die Nacht, eine Reise zum «sterbenden» Rhonegletscher an Rimbauds Brief nach seiner Gotthard-Überquerung. Lese- und Lebenserinnerungen verzahnen sich mit subtilen Widerhäkchen. (Ruth Gantert, siehe auch Viceversa 18, 2018)