Ungewisses Manifest 2
Unter dem Himmel von Paris

Frédéric Pajak
Übersetzung von: Ruth Gantert

1926: Walter Benjamin verliebt sich in Paris, doch die Stadt erwidert seine Liebe nicht. Unverstanden, verkannt, geht er schier zugrunde an der Einsamkeit. Im gleichen Jahr trifft André Breton Nadja, die seine Heldin wird und ihn in eine Stadt des Zufalls und des Wunderbaren entführt. Doch die Geschichte nimmt ein böses Ende. Ludwig Hohl streift seinerseits durch die Grossstadt, erwandert Stadtteil um Stadtteil. Sein Blick des fremden Schriftstellers begegnet jenem des nostalgischen und geistsprühenden Léon-Paul Fargue, einem waschechten Pariser. Ironisch und voller Melancholie beschwört dieser zweite Band des Ungewissen Manifests die Schatten der Stadt, die Vorkriegszeit und die Gegenwart anhand einer poetischen Erzählung, im Widerstreit mit hundertfünfzig Zeichnungen.

(Transparentes Buchband, Edition Clandestin)

Presseschau

Waren in den ersten Band des Manifests kleine Porträts von Beckett, Bram van Velde und Ernst Toller eingearbeitet, befasst sich Pajak im zweiten Teil unter anderem mit der Pariser Zeit des Schweizer Autors Ludwig Hohl, der dem verhassten Heimatland, in dem er später viele Jahre in einem Genfer Keller schreibend verbringen sollte, zu entkommen versucht. Ein Kapitel ist der nur zehn Tage währenden Liebesgeschichte zwischen André Breton und Léona Delacourt im Jahr 1926 gewidmet, die den «Papst der Surrealisten» zum Roman Nadja inspirierte. Eine weitere nur auf den ersten Blick schwache Frau und eine Unbekannte lässt sich in den Passagen über die Sängerin Gribouille entdecken. [...] Stets drängt aber auch die Gegenwart in das Manifest, etwa wenn Pajak einen Besuch im Berliner Benjamin-Archiv schildert, über Edward Hopper nachdenkt oder mit den gesellschaftlichen und architektonischen Veränderungen in Paris ins Gericht geht, die er an der Schleifung und dem Neubau von «Les Halles» reflektiert. [...] Es ist viel Erinnerung, Einsamkeit und Verlorenes in diesem Manifest des Ungewissen. Und viel Zeitgenossenschaft. Benjamins «Engel der Geschichte», dessen rückwärtsgewandter Blick auf einem Trümmerfeld ruht, erkennt im Ruinenfeld ein Erlösungsversprechen und den Schlüssel zu einem Traum. Paris, so Pajak, hat es mit Benjamin, der die Stadt so sehr liebte, nicht gut gemeint: «Und dennoch bleibt sein Name mit der Stadt verbunden», und zwar in dem, was Paris noch immer besitzt, einen Instinkt für Utopien. (Stefan Gmünder, Der Standart, 18.6.2017)