Das Leben ist ein Steilhang
Sprechtexte

Ein amerikanischer Student schreibt an einer Dissertation über den Lötschentaler Dialekt und gelangt in einem Karaoke-Bistro zu einer überraschenden Einsicht. Ein fernsehsüchtiges Hobbyschafzüchter-Ehepaar entdeckt auf der Schafweide die Erotik des Küssens neu. Und am Gymnasium Sanctus Jubilate fristet ein kurioses Lehrervölklein sein pädagogisches Dasein zwischen sinnloser Weiterbildung und Kulturreisen ins Waffenmuseum von Venedig.

In seinem ersten Spoken-Script-Band versammelt Rolf Hermann witzige und aberwitzige Texte. Pointenreiche Kürzest- und Kurzgeschichten prallen auf zärtlich-absurde Laut- und Liebesgedichte. Dadaistisch anmutende Frauen- und Männerlisten gesellen sich zu brachialen Sagen und rasanten Slam-Texten. Hommagen an Ernst Eggimann und Ernst Jandl stehen wie selbstverständlich neben einer Reihe von Familienporträts, die abstruser kaum sein könnten.

Mit schelmischem Humor widmet sich Rolf Hermann dem alltäglichen Wahnsinn. Herausgekommen ist ein vielgestaltiges und äusserst vergnügliches Buch. Und weil das Walliserdeutsche nicht gerade eine Weltsprache ist, können die meisten sprachlichen Steilhänge gleich zweimal erklommen werden: uff Wallisärtiitsch und auf Hochdeutsch.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Kurzkritik

Der Schriftsteller und Spoken-Word-Performer Rolf Hermann hat eine blühende Fantasie, die in seinen nun in Buchform versammelten Sprechtexten mit der Gewöhnungsbedürftigkeit seiner Walliser Alltagssprache wetteifert. Exemplarisch geschieht dies etwa in der Kürzesterzählung des 27-jährigen Dialektforschers, der in einer Walliser Kolonie in Argentinien die 108-jährige Esmeralda heiratet. Mit der Begründung, dass sie «äsoo näs reins Wallisärtiitsch» spreche, wie er es sonst nur aus der Forschungsliteratur kenne. Während die Mehrzahl der Texte auch in einer sorgfältigen Übersetzung (Rolf Hermann und Ursina Greuel) zu genießen ist, fehlt eine solche zu Recht in den lyrischen Stücken, welche an die konkrete Poesie Ernst Eggimanns und Ernst Jandls anknüpfen. Hier führt kein Weg um das Walliserdeutsche mit seinen langen Lauten und singenden Phrasen, wenn man Hermann in seine tierisch-knorrig-musikalische Fantasiewelt folgen will. (Florian Bissig in Viceversa 12, 2018)