Der lachende Zahn meiner Grossmutter
Dresdner Poetikvorlesungen

Längst schon wurde »in der Schule das Ende der Erzählung des Romans gefordert (…), danach kam das Ende des Erzählers und wenig später sprach man vom Tod des Autors.« Und auch die Autofiktion ist nur eine Mode (so der Erzähler in Francesco Micielis Schwazzenbach). Die Dresdner Poetikvorlesungen Micielis führen in eine Erzählwelt, die sich von schlichtem Realismus verabschiedet hat, um unserer Wirklichkeit näher zu kommen, eine Erzählwelt, in der die Fremde, das Andere, die Nichtidentität akzeptiert und verteidigt werden müssen, um Freiheit zu gewinnen. Immer wieder neu verwirklichen die Werke Micielis diese Freiheit. Freiheit lässt dem Schreibenden die Wahl: »Ich habe vier Muttersprachen, drei lasse ich aus.« In seinen Poetikvorlesungen erkundet er die Voraussetzungen eines Lebens und Schreibens, das »mehrheimisch« ist.

(Buchpräsentation Thelem)

Kurzkritik

2016 war es dreissig Jahre her, dass Dragica Rajčić und Francesco Micieli in der deutschsprachigen Schweiz «ein neues Kapitel Literaturgeschichte» (Elsbeth Pulver) eröffneten, dasjenige der inzwischen zahl- und erfolgreichen Schreibenden, deren Namen «auf ein Leben zwischen zwei Kulturen» hinweisen. Zu diesem Jubiläum hat Micieli gleich zwei Bücher veröffentlicht: Der lachende Zahn meiner Grossmutter, seine Dresdner Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2011, und die Erzählung Hundert Tage mit meiner Grossmutter, sein neuntes literarisches Werk in Prosa. Beide Texte setzen mehrere Grundmotive fort, die das Schreiben dieses Autors seit jeher bestimmen: der Verlust nahestehender Personen durch Wegzug oder Tod, das Fremdsein, das sich daraus ergibt, die daraus erfolgende «Suche nach der Sprache», das mit ihr verbundene Schreiben im Austausch zwischen den Generationen und das traumhafte Ziel eines magischen Ortes, «in welchem es nicht darauf ankommt, wer Gast und wer Gastgeber ist.» Die Poetikvorlesungen sehen die Angst vor dem Fremden in der Angst vor dem Tod begründet, vor der Tatsache, «dass wir hier nur zu Gast sind», die Erzählung zeigt eine krebskranke Grossmutter und ihr Enkel, die sich dieser Angst stellen und für die Erstere ein gelingendes Sterben suchen. (Daniel Rothenbühler im Fokus-Artikel «Die Fraglichkeit jeder Verwurzelung»)