Randgut
Aphorismen und Kurztexte

'Mit vierzig verspürt man allmählich den Wunsch, jemand zu sein. Und sei es sich selbst.'
'Mein Glaube an die Literatur reicht immer nur ein paar Sätze weit.'

«...Gegenüber den etablierten Gattungen hat der Aphorismus den Vorteil der Narrenfreiheit. Wer nicht für vollgenommen wird, kann aus dem Vollen schöpfen. Dabei ist das Spielfeld für den Aphorismus erstaunlich gross: Es reicht vom Alltäglichen zum Philosophischen, vom Trivialen zum Poetischen, vom Verspielten zum Polemischen.
Im vorliegenden Bändchen habe ich gesammelt, was mir in den letzten Monaten auf- und zugefallen ist. Nicht immer waren das Münzen, in manchen Fällen nur Bierdeckel, fast immer aber Fundstücke aus den Aussenbezirken des zeitgeistigen Denkens: Randgut eben.»

(Heimito Nollé, aus dem Vorwort)

Schnuppertexte:

'Der Konsument hätte es in der Hand, hätte er noch eine Hand frei.'
'Nur unausgegorene Ideen machen besoffen.'
'Bei manchen gelüfteteten Schleiern war das ganze Geheimnis der Schleier.'
'Warum die Intelligenz meist friedlich ist? Weil sie kein Heer zusammenkriegt.'
'Esoterik ist der Wühltisch der Religionen.
'Durststreckenläufer.'
'Wer leserfreundlich schreibt, wird auch nur aus Leserfreundlichkeit gelesen.
'Wer ganz verstanden wird, ist erledigt.
'Die, denen wir nur flüchtige Aufmerksamkeit schenkten, standen eines Tages als Flüchtlinge vor uns.

(Buchpräsentation Brockmeyer Verlag)

Kurzkritik

Als Aphoristiker sieht sich Heimito Nollé als Literat am Rand des Geschehens. Diese Positionierung, und auch die Frage nach der Definition seiner Textgattung bilden ein zentrales Thema seiner Kurztexte. «Aphorismen sind Anhalter, die den Haltenden ein Stück weiter bringen», definiert und fordert er zugleich. Diesen Anspruch löst Nollé durchaus ein, mit kritischen Bemerkungen zur Digitalgesellschaft und zu den Medien, zu Moral und Lebenskunst oder zu Sterben und Tod. In seinen bis zum einzelnen Wort verdichteten Aphorismen (etwa: «Fremdwortgänger») zeigt er einen kreativen und hintersinnigen Umgang mit der Sprache, der nur zuweilen etwas gar kalauerhaft wird. (Florian Bissig)