Eine Lichtsekunde über meinem Kopf
Gedichte

Gerhard Meisters Gedichte sind an vielen Orten unterwegs: weit weg im Weltall oder an einer Strassenecke, die niemand beachtet. Sie rauschen vorbei an einem Kühlturm in der Nähe von Olten oder schmecken behutsam die blumige Sprache des Antiquariats ab. Seine Gedichte gehen durch die Jahreszeiten, von Herbst zu Herbst, und scheuen das Beiläufige nicht. In seinem ersten Gedichtband untersucht Gerhard Meister die Welt, und er tut das mit grosser Lust und Neugierde. Immer wieder wechselt er die Form und wie nebenher reisst er so manches aus vertrauten Verankerungen heraus. Oft sind es kleine, unscheinbare Dinge am Rande, die ihn interessieren. Die Buddha-Figur etwa, die nach dem Auszug der Nachbarn im Treppenhaus zurückgeblieben ist und mit ihrem Lächeln irritiert. Oder die kleine Szene im Flugzeug, wo beim Fall ins Luftloch der balancierte Tee ins Schwappen gerät. Gerhard Meister macht seine Beobachtungen überall, in einem kleinen «Museum der wenig bedichteten Dinge» so gut wie bei «Rosskastanien spätnachts». Und über allem schwebt -«Eine Lichtsekunde über meinem Kopf» - der Mond: «Oh Mond / wie gerne sehe ich / durch deine weisse Nacht / meinen Schatten wandern».

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Kurzkritik

Gerhard Meister ist ein ausgesprochen quirliger Dichter, der das poetische Spiel mit Konvention und Verstoss besonders liebt. Mit Vergnügen greift er klassische Topoi wie Sonne oder Mond auf, nur um sie mit einer ironischen Nachlässigkeit ins rechte Licht zu rücken. Mal findet Gerhard Meister die perfekte Balance zwischen Ernst und Ironie, hin und wieder erliegt der Witz etwas zu sehr dem Spieltrieb. Das ist das Risiko dieses poetischen Verfahrens, das dem lyrischen Pathos mit Argwohn begegnet, dennoch nicht davon lassen will. Doch die Entzauberung behauptet mit Macht ihr poetisches Verlangen. (Beat Mazenauer in viceversaliteratur.ch und Viceversa 11, 2017)