Hundert Tage mit meiner Grossmutter Erzählung
Soeben zwanzig geworden und mit dem Gefühl, dass nun das richtige Leben beginnt, erreicht Mario die Nachricht, dass seine Grossmutter im Sterben liege. Wie in einem Computerspiel ist plötzlich ein Hindernis da. Nur mit Vorsicht und Aufmerksamkeit lässt es sich meistern, nötig sind eine ruhige Hand und ein klarer Verstand. Das alles nimmt sich Mario vor, als ihn seine Grossmutter bittet, die, wie sie sagt, «letzten hundert Tage» mit ihr zu verbringen. Sie verspricht ihm dafür grosse und letzte Weisheiten. Sie beide kennen das Spiel mit den Weisheitssätzen, sie haben es schon oft gespielt. Mario mietet ein Zimmer in der Nähe des Pflegeheims, ist jeden Tag bei ihr und führt ein Journal. Hundert Tage mit meiner Grossmutter ist ein leichter und spielerischer Text. Der nahende Tod lässt die beiden insofern unbeeindruckt, als dass sie Tag für Tag einfach da weitermachen, wo sie ihre Zuwendung hinbringt. Die Begegnung ereignet sich in einem Raum zwischen Wirklichkeit und magischer Welt. Micieli erzählt sparsam und gleichzeitig beglückend reichhaltig von Erinnerung und Hingabe.
(Buchpräsentation Zytglogge)
Die zwei jüngsten Bücher von Francesco Micieli sprechen in ihrem Titel beide von einer Grossmutter. Seine Dresdner Poetikvorlesungen heissen Der lachende Zahn meiner Grossmutter, seine neue Erzählung Hundert Tage mit meiner Grossmutter. In der Erzählung begleitet ein zweiundzwanzigjähriger Enkel seine aus Italien in die Schweiz eingewanderte Grossmutter in die grösste Fremde, in den Tod. Für den Weg dahin braucht die Sterbende Helfer, lebende und tote. Mit dem Auftauchen der letzteren wechselt die nüchterne Sicht des erzählenden Enkels mehrmals zwanglos in eine Art magischen Realismus. Gibt es ein gelingendes Sterben? Grossmutter und Enkel suchen es beide im geistigen und körperlichen Arbeiten daran und in einer Mischung aus einfühlsamer Nähe und humorvoller Distanz. Dem Autor gelingt so das, was grosse Kunst bewirkt: dass wir uns im Nachempfinden einer untröstlichen Trauer zugleich beglückt fühlen. (Daniel Rothenbühler in Viceversa 11, 2017, siehe auch Fokus «Die Fraglichkeit jeder Verwurzelung»)