Mädchen für Morris
Roman

Albert Keller, pensionierter Literaturdozent, trauert noch immer um seinen Sohn, der mit vierzehn Jahren bei einem tragischen Verkehrsunfall gestorben ist. Dass Morris nie die Erfahrung der Liebe machen durfte, empfindet Albert als kaum zu ertragende Ungerechtigkeit. Ist er unterwegs, hält er Ausschau nach Mädchen, die für Morris infrage gekommen wären. Trost sind dem Alleinlebenden zudem die Bücher des Schriftstellers Jean Mason, in denen er Morris wiederzufinden glaubt. Als Mason stirbt, sucht Albert dessen Familie auf, um für eine Biographie zu recherchieren. Dabei trifft er auf dessen Tochter, die zwölfjährige Joëlle. Sie wird von ihm zum «Mädchen für Morris» auserkoren, bis er eines Tages erkennt, dass er in Wahrheit selbst das junge Mädchen begehrt – und schließlich zu weit geht.

Ein raffiniertes Spiel mit dem Thema «Fiktion und Wirklichkeit» sowie mit Klassikern von Vladimir Nabokov, Lewis Carroll und Thomas Mann. Nie kann sich der Leser sicher sein, ob das, was erzählt wird, tatsächlich geschieht. Wer zieht die Fäden in dieser Geschichte? Wer ist hier Erzähler und wer literarische Figur? Und welche Macht hat ein Schriftsteller über seine Figuren und damit auch über die Phantasien und Reflexe seines Lesers?

(Buchpräsentation Knaus Verlag)

Kurzkritik

Zwei Projekte treiben den pensionierten Literaturdozenten Albert Keller um. Erstens möchte er eine Biografie über den von ihm verehrten jungen Schriftsteller Jean Mason schreiben. Und zweitens hält er zwanghaft die Erinnerung an seinen Sohn Morris wach, der mit vierzehn Jahren nach einem tragischen Unfall verstarb, und fantasiert diesem eine Gespielin an die Seite. Die zwei Unterfangen überlagern sich, als Mason überraschend stirbt und Keller dessen Witwe und 12-jährige Tochter kennenlernt. Auf dieses «Mädchen für Morris» hat es der unzuverlässige Ich-Erzähler, der nur seine eigenen Bedürfnisse wahrnimmt, bald selbst abgesehen. Roman Graf macht in seinem dritten Roman hintersinnige Anleihen bei Nabokovs Lolita und treibt ein raffiniertes und kurzweiliges Spiel mit Realität und Fiktion. (Florian Bissig in Viceversa Literatur 11, 2017)