Dogs in Untended Fields / Hunde in verwahrlosten Feldern

Daniele Pantano
Übersetzung von: Jürgen Brôcan

Mit seinem unbestechlichen Blick für das, was ist, für die Verheerungen und den Zerfall, aber auch für die Lichtblicke menschlichen Daseins, hat sich Daniele Pantano im englischsprachigen Raum einen Namen gemacht. Es ist an der Zeit, dass wir diesen Schweizer Lyriker auch auf Deutsch lesen können.

Last Visit & Supper prior to the Invasion

Only We Knew About
Finally. Dessert. He opened

The shutters and revealed

Everything that would cease

To matter the next day. Alleys

Where men were playing another

Round of chess––accents equally

On time and women parading

Like citrus trees in a market of dates.

Pubs. Songs. Palaces of worship.

No. Not even the orphanage

Or his pregnant wife’s glutted breasts

Would matter. My host insisted

I spend my time writing the important,

Not the beautiful. What else can we do?

He asked. Continue, I answered.

And excused myself. All of it.

Except my uncleared plate:

Lemon wheels and spilled milk.

Letzter Besuch & Abendmahl vor der Invasion,

von der nur wir etwas wussten
Endlich. Dessert. Er öffnete

Die Fensterläden und enthüllte

Alles, was am nächsten Tag

Nicht mehr zählen würde. Alleen,

In denen die Männer eine weitere Partie

Schach spielten — mit Akzenten auf

Zeit und Frauen, die wie Zitronenbäume

Auf einem Dattelmarkt spazieren.

Kneipen. Lieder. Paläste der Anbetung.

Nein. Nicht einmal das Waisenhaus oder

Die schweren Brüste seiner schwangeren Frau

Würden zählen. Mein Gastgeber beharrte,

Ich solle die Zeit nutzen, Wesentliches zu schreiben,

Nicht das Schöne. Was können wir anderes tun?

Fragte er. Weitermachen, antwortete ich.

Und entschuldigte mich. Für alles.

Außer meinen nicht geleerten Teller:

Zitronenschnitze und verschüttete Milch.

(Buchpräsentation Wolfbach Verlag, 2015)

Kurzkritik

Ein Dichter aus Langenthal schreibt englische Lyrik – was eigenartig anmutet, lässt sich aus der Biographie von Daniele Pantano erklären. In den USA literarisch ausgebildet hat er dort auch sprachlich eine Zuflucht vor der Unbeugsamkeit der Muttersprache gefunden. Die erstmalige Auswahl im Deutschen verblüfft durch ihre breite Formpalette, die Pantano souverän beherrscht. Mit grimmiger Freude am schöpferischen Chaos erblickt er Welten, in denen Verfall, Verstörung und Tod lauern. In Schichten, Splittern und Spiegelungen fängt er sie ein und verwandelt sie in Zeilen von morbider Schönheit. Jürgen Brôcan übersetzte sie in nahem Kontakt mit dem Autor ins Deutsche. (Beat Mazenauer)