Glas im Bauch
Betrachtungen durch verschluckte Brillen

Statt sich nach dem verpassten Flugzeug ein neues Ticket für die Heimreise zu buchen, legt sich Gabriela in die Badewanne des neu erbauten Airporthotels …

Um den Hals der Gärtnerin zu küssen, die im Garten vor dem Fenster Rosen köpft, verlässt Heiner seine eigene Hochzeitsfeier ...

Weil ein Kind schreit, ohne dass ein Laut zu hören ist, kommt ein Arzt, erkundet ein Höhlenforscher seinen Schlund, fährt die Feuerwehr auf ...

Es sind diese kleinen Momente im Leben, die plötzlich alles verändern – ihnen verschafft der bisher als Theaterautor bekannte Lukas Holliger in 87 kurzen und kürzesten Geschichten große Auftritte. Mal bricht das Unvermutete wie eine Naturgewalt herein, mal deutet es sich in leisen Ahnungen an, gebiert Verwunderung, Versuche der Gegenwehr oder die Gewissheit, eine einmal gewonnene Einsicht nicht zurücknehmen zu können.

Nicht selten bleibt die Wendung aber auch noch unverstanden, dann entsteht in den reduzierten, oft skurrilen Szenen viel Raum für das Staunen und Rätseln, das das Leben liebens- und die Lektüre von Holligers Prosaminiaturen so unbedingt lesenswert macht.

(Buchpräsentation Edition Meerauge, 2015)

Kurzkritik

Welt, Geschichte, Evolution verkehrt herum denken: dazu setzt Lukas Holliger in seinem Band mit meist einseitigen Texten an. Der verschrumpelte Mensch wird aus dem Boden gezerrt, glättet sich allmählich, verjüngt sich und endet im Bauch der Mutter, die ihn ausscheidet. Alles lässt sich auch anders herum sehen und denken, bezeugen diese Kurzgeschichten. Sie muten skurril und absurd an, vor allem aber verraten sie eine sehr kindliche Note. Holliger macht sich ein Spiel daraus, mit schielendem Blick die Wirklichkeit zu erkennen, und die Welt zu sehen, als ob alles unvermutet neu wäre. (Beat Mazenauer)