Gebrochene Zeit
Jüdische Paare im Exil

Von vier Frauen und vier Männern handelt dieses Buch. Ausgangspunkt ihrer Biographien ist die Schweiz. Hier lernen sie sich kennen, verweilen und brechen dann in verschiedene Richtungen und Welten auf. Wir begegnen Léon Reich, der Auschwitz und Buchenwald überlebt und zum Erfinder und Mitgestalter der helvetischen Uhrenproduktion aufsteigt. Erzählt wird die Geschichte von Hermann Levin Goldschmidt, der aus Berlin flüchtet, in einer Zürcher Galerie seiner Frau Mary begegnet und zum Philosophen wird. Wir lernen Simche Schwarz aus Bukarest und Ruth Hepner aus Leipzig kennen, die in Paris mit Marc Chagall ein Puppentheater gründen und nach Buenos Aires weiterziehen. Und es treten Lotte und Herbert Strauss auf, die mit viel Glück über die Grenze in die Schweiz gelangen und von dort aus nach New York, wo sie das Thema Migration und Exil nie wieder loslassen wird.
Eine Gemeinsamkeit der Porträts ist, daß diese Überlebenden und Entronnenen in der Zeit nach Erniedrigung, Flucht oder Konzentrationslager aus ihrem Leben neue Zuversicht gewinnen konnten. Sie schufen bemerkenswerte Dinge und brachten außergewöhnliche Ideen hervor – in Form von Kunst, Erfindungen, Wissenschaft oder sozialem Engagement. Jacques Picard spürt diesen Ideen nach, die er als Ausdrucksweisen des Überlebens deutet.

Kurzkritik

Um zu zeigen, wie schwierig es ist, jüdische Schicksale im 20. Jahrhundert nachzuerzählen, stellt Jacques Picard, Professor für jüdische Geschichte in Basel, mittels Recherchen und Dokumenten das Leben von Menschen dar, die als Verfolgte des Holocaust in die Schweiz flohen. Da ist der polnische Uhrenmacher Leon Reich, der Auschwitz überlebte und den es am Ende ins Uhrenland Schweiz verschlug, wo er seine Frau kennenlernte und schliesslich Besitzer eines weltweit erfolgreichen Uhrenzulieferbetriebs wurde. Der Philosoph Herrmann Levin Goldschmidt kam 1938 in die Schweiz, fand die Unterstützung seiner späteren Ehefrau, der Galeristin Mary Bollag, und war einer der Ersten, die sich philosophisch mit dem Holocaust auseinandersetzten. Ganz anders verlief das Schicksal von Ruth und Simche Schwarz-Hepner, die als Internierte in der Schweiz eine jiddische Theatertruppe gründeten, mit der sie nach dem Krieg auch in Frankreich Erfolg hatten, bis sie nach Lateinamerika weiterzogen. Picards Buch macht eindrucksvoll klar, was für eine schicksalbestimmende Rolle der Holocaust auch für jene jüdischen Menschen spielte, die ihn überlebten. (lins)