Rückvergütung Roman
Jürgen Theobaldy hat sich in der jüngsten Geschichte des Versicherungswesens und seiner Skandale umgetan. Er findet in dieser Branche konspirativer Sicherheit eine jener vielen Falltüren, die ohne Widerstand sich der Gier und der Lust öffnen. Tragisch und komisch taumelt sein Held der eigenen Leere hinterher.
Renner, der Erzähler, hat den Job nötig, aus dem alten wurde er rausgekickt, aus guten Gründen, aber doch auch wie ein Bauernopfer. Jetzt wird nicht mehr lange gefackelt: kleines Versicherungsunternehmen, unerwartet gute Marktposition, eine dringend neu zu besetzende Stelle, zutrauliche Vorgesetzte. Was Renner zu tun bekommt, die Fortführung von Karteien, die sein Vorgänger hinterlassen hat, entpuppt sich bald als ein Coup, ein Betrug im großen Stil. Er will und darf daran verdienen. Die Drahtzieher laden ihn zuvorkommend in die Konspiration ein. Was winkt, ist das Leben auf großem Fuße, für ihn und seine junge Familie. Renner ist klug genug, das Risiko zu erkennen – bremsen will er den Taumel nicht. Zu sicher erscheint die Situation, gegenseitige Abhängigkeit als Schutz, dann ist noch Timing nötig, rechtzeitig abspringen, bevor die Behörden aufmerksam werden.
(Buchpräsentation, Das Wunderhorn, 2015)
«Wertfrei betrachtet, hatte er eine ansehnliche Leistung vorgelegt», sagt sich der Buchhalter Renner, als der Betrug um Millionengewinne aus dem Risikoausgleichsfonds der Krankenkassen aufzufliegen beginnt, den er im Auftrag seiner Chefs in der Krankenversicherung «Corsa» vorangetrieben hat. Im zügigen Erzähltempo einer Novelle zeigt der Roman die ruinöse Verstrickung eines Durchschnittsschweizers, der «wertfrei» zugreift, wenn sich ihm die Möglichkeit zu Extraprofiten und zu ausgiebigem Sex mit der Frau seines Chefs bietet. «Wertfrei» stellt der Roman dar, wie Renner kriminelle mit kreativer Energie verbindet, und verführt uns so zur Teilnahme am Schicksal eines Gauners, dessen Vergehen aus der Sicht eines Grossbankers wohl als Peanuts zu bezeichnen wären. (Daniel Rothenbühler)