Fast ein bisschen Frühling
Ein wahres Räuberstück in Basel
Marie und Ernst sind sich ein ebenbürtiges Verlobten-Paar. Kein Zweifel, sie würden sich dereinst das Leben recht schön zur Hölle machen. So ist es gekommen, dass Jahrzehnte später Max Mohn, der für Alex Capus schon die Munzinger-Biographie recherchiert hat, mit den beiden Grosseltern getrennt reden muss. Er sammelt Informationen im Fall Sandweg / Velte, der sich 1933/34 in Basel zutrug. Ernst grollt der Marie noch immer, dass sie damals irgendwie darin verwickelt war. Gewiss, der schlaksige Kurt Sandwerk konnte ein Mädchen derart bezirzen, dass es an ihn denken würde. Auch wenn die weiteren Vorfälle keineswegs gute Erinnerungen hinterliessen.
Abermals hat Alex Capus einen interessanten historischen Kasus dem Vergessen abgerungen. Eine wahre Räubergeschichte, die noch heute das Volksempfinden in Wallung versetzen würde. Kurt Sandwerk und sein Freund Waldemar Velte waren im Grunde zwei herzliche Burschen, letzterer ein wenig düster und verschlossen, was das sonnige Gemüt des anderen aber mehr als wettmachte. In Basel, wo sie im Dezember 1933 ankamen, erregten sie keinerlei Aufsehen; und wenn, dann lediglich bei Dorly Schupp in der Schallplattenabteilung von Globus. Die Art, wie die beiden bei ihr Tangoplatte um Tangoplatte kauften und sie zu Spaziergängen einluden, schmeichelte ihr, ohne dass sie freilich mehr davon erwartet hätte.
Kurt und Waldemar waren Deutsche, aus politischen Gründen verschwiegen sie ihren vollen Namen. Ein bisschen Vorsicht war also am Platz, doch weshalb eigentlich? Dorly Schupp hatte nie etwas zu befürchten, und von der dunklen Seite des Geschehens würde sie erst später erfahren.
Zum Beispiel davon, dass die beiden auf der Flucht waren, weniger vor dem verhassten Naziregime als vor dessen Polizei, die sie wegen eines Banküberfalls mit Todesfolge suchte. Basel war nur Durchgangsstation, doch die nette Verkäuferin bewegte Kurt und Waldemar zum Verweilen. So geschah hier, was andernorts vielleicht zu vermeiden gewesen wäre. Die beiden überfielen abermals eine Bank, mit zwei Toten, in der anschliessenden Verfolgung gerieten noch drei Polizisten in ihr Visier. Dabei waren es eigentlich zwei nette Kerle, der eine lustig, der andere ein bisschen verdüstert durch seine Nietzsche-Lektüre.
„Fast ein bisschen Frühling“ erzählt diese tragische und damals Sensation heischende Geschichte mit Zurückhaltung. Capus enthält sich voyeuristischer Zuspitzungen. Er legt lediglich vor, was einst in den Zeitungen geschrieben und in den Gerichtsakten niedergelegt wurde, ergänzt durch die Befragung von Zeugen. Erzählerische Passagen berichten von den nicht protokollierten Umständen am Rande.
Wirkt das aufzählende Zitieren von verbürgten Quellen mitunter ein bisschen steif und überkorrekt, so verleihen die frei hinzu gedichteten Passagen dem Roman eine Leichtigkeit, die von den Helden jede Schwere nimmt, dafür die Ratlosigkeit über ihr Tun vergrössert. Und indem sie bis heute weiter streiten, stimmen auch Marie und Ernst die Lesenden versöhnlich. Der Schrecken ohne Ende triumphiert über das Ende mit Schrecken.
Beat Mazenauer (erschienen in: Der Bund)