Heimspiele
Prosa

Urs Jaeggis Erzählband Heimspiele handelt von Menschen, deren Leben in Abkapselung, Flucht oder Freitod endet: vom Obdachlosen Alois, der als Mordverdächtiger in Haft genommen wird, vom homosexuellen Ferdinand, von Stefan, aus dessen Innerem Stefanie zum Durchbruch kommt, vom Psychiatriepatienten Tuttut oder von dem politisch couragierten, in seinem Umfeld geschnittenen Bankbeamten Seraphin. Deren Geschichten flankieren die längste des Buchs: Aus «rassischen» Gründen ist Hans, Sohn eines Wiener Klavierbauers, vor den Nazis geflüchtet, besucht in den Staaten College und Universität und avanciert zur Koryphäe für Radiotechnik und Kryptographie. In der Zuwanderer-Metropole New York findet der distinguierte Musikologe und «maskierte Überlebenskünstler» einen Ort, an dem er als Einheimischer wahrgenommen wird.

Im virtuosen Spiel fragiler Perspektivierung sowie in einer Sprache, die einen originellen, unvermittelten Zugriff auf die Objekte forciert, schafft Jaeggi eine brillante Form für seine feinsinnige Analyse heutiger Dissoziationserscheinungen. Eine mitreißende Parteinahme für das Unsichere und Irritierende gegenüber immer gleichen Erklärungen!

(Buchpräsentation Ritter Verlag)

Kurzkritik

«Die Geschichte fängt da an, wo ich nicht mehr wusste, wo ich war, und trotzdem redete, als wüsste ich es», sagt Edgar Zweigensatz im vierten dieser sechs Prosastücke und gibt preis, was ihnen allen gemein ist: Sie sprechen von Ortslosen und «homeless», für die es keinen richtigen Ort gibt und die doch an der Hoffnung festhalten, einen zu finden. Sie finden ihn nur mehr in «Zweigensätzen» wie Alois, der als verurteilter Mörder zum Selbstmörder wird: «Ich bin mein Zuhause», behauptet er. Aber für ihn wie für all diese Ausgesonderten stimmt eher, was Hans, der in die USA vertriebene Halbjude, sagt: «Man hat mich früh umhergeirrt.» In diesen Figuren und ihren Sätzen zeigt sich das, was uns Kunst heute nach Jaeggis Worten kostbar macht: «das Irrige und das Ausserhalbsein, das Unfassbare und das Unregelmässige.» (Daniel Rothenbühler)