Helen Meier (1929-2021)

Helen Meier (1929-2021)
© Yvonne Böhler

Helen Meier wurde 1929 in Mels (SG) geboren. Sie starb am 13. Februar 2021 in Trogen (AR). Die Autorin war als Grund- und Sonderschullehrerin tätig und arbeitete für das Rote Kreuz. 1984 wurde sie beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt für ihre Erzählung «Lichtempfindlich» mit dem Ernst-Willner-Stipendium ausgezeichnet. 1985 erhielt sie für ihren Erstling Trockenwiese den Rauriser Literaturpreis. Sie lebte seit 1987 als freie Schriftstellerin in Trogen.

Bibliographie

Zürich, Xanthippe, 2019.

Märchen von Helen Meier? Der Autorin jener bitterbösen Geschichten, deren unbarmherzig-brutaler Blick auf die Geschlechterverhältnisse vielleicht erst in Zeiten von #MeToo aktuell geworden ist? Das müssen schaurige Blaubart-Texte sein, denkt man, und tatsächlich: eines der 23 Märchen, «Mondnacht», stellt dar, wie ein Modell in einem surreal-märchenhaften Ambiente einen frauenverachtenden Künstler gnadenlos zur Strecke bringt. Sonst aber überraschen die Geschichten mit ihrer überbordenden Phantasie, ihrer bunten Farbigkeit, ihrem Figurenreichtum, ihrem Tiefsinn und nicht zuletzt mit ihren fast schon lieblich zu nennenden sprachlichen Ausdrucksmitteln.
Da schreibt eine 25jährige Melser Primarlehrerin, 30 Jahre bevor sie mit «Trockenwiese» erstmals literarisch an die Öffentlichkeit tritt, zunächst wohl für ihre Schulkinder, bald aber viel eher für Erwachsene und zuletzt gar nicht mehr jugendfrei über Prinzessinnen, Nixen, Drachen, Zauberer, verliebte Knaben, unglücklich Liebende, aber auch über die Nacht, eine Mauer, einen verzauberten Hut – und steht 65 Jahre später als 90jährige erstaunt vor diesen Texten, die noch ganz den Schmelz des Beginns, des ersten Abtastens eines Talents vermitteln, bei näherem Zusehen aber doch schon jene Abgründe ahnen lassen, die später das Radikale, Kompromisslose ihres Schreibens untermauern werden.
Charles Linsmayer hat die Märchen in Helen Meiers Nachlass entdeckt, sie mit der Autorin zusammen redigiert und publiziert sie nun erstmals anlässlich des 90. Geburtstags der Autorin am 17.April 2019. Verena Monkewitz variiert und veranschaulicht die Themen und Motive der Märchen auf eine eigene, künstlerische Weise.

(Edition Xanthippe)

Die Agonie des Schmetterlings , Unveröffentlichte frühe Texte, Zürich, Edition Xanthippe, 2015.
Kleine Beweise der Freundschaft , Zürich, Xanthippe, 2014.
Schlafwandel , Zürich, Ammann, 2006.
Liebe Stimme , Zürich, Ammann, 2000.
Letzte Warnung , Zürich, Ammann, 1996.
Die Novizin , Zürich, Ammann, 1995.
Ingrates prairies , Übersetzung von Anne Lavanchy , Genève, Zoé, 1993.
Nachtbuch , Zürich, Ammann, 1992.
Lebenleben , Zürich, Ammann, 1989.
Das Gelächter , Zürich, Ammann, 1989.
Das Haus am See , Zürich, Ammann, 1987.
Das einzige Objekt in Farbe , Zürich, Ammann, 1985.
Trockenwiese , Zürich, Ammann, 1984.