Fred Kondjyaro

Bibliographie

incognita Kollektiv, Marc Ulrich, 2022.

«Sie scheinen sich bereits aus den Augen zu verlieren. Fast vergessen sind die illustren Nächte in den besetzten Häusern im Kalorienquartier mit ihnen genehmen Kunstfreigeistern und Aktivistinnen, die Exzesse in den Bars, auf Konzertreisen durch die Provinz, in ihrem Bandraum im Dandy-Quartier; lange vergangen scheinen ihr desaströses Experimentieren mit Pillen diversester Prägungen, ihr politisches Vermächtnis an der Schule und als Teil der Gegenbewegung, ihre kleinen Subversionen, ihre Liebeleien und Schwärmereien und die Dornenbüsche, die in deren Wäldern lauerten, ihre mal intellektuellen, mal stupiden, mal gefühlsduseligen, mal zornigen Gesprächsergüsse, ihr zielloses Vagabundieren durch die Wildnis der Großstadt, ihre manische Suche nach Erfahrung als Quelle des Menschseins. Und summa summarum zerrinnt die einst so diamantharte Gewissheit ewiger freundschaftlicher Verbundenheit wie Sand zwischen den Händen der tumultuösen Zeit …»
Das alte Europa ist im Jahr ’41 erodiert: Teilautonome Provinzen sind den Ruinen ethnisch-nationalistischer Kämpfe entstiegen, dem grausamen Wettbewerb um versiegende Lebensräume und Ressourcen. Verriegelte Grenzen, paranoides Sicherheitsdenken, endlose Ströme flüchtender Menschen, Ballungszentren und Konfusion prägen die Landkarte.
Eine namenlose Stadt versinkt derweil im aufrührerischen Chaos einer Revolte gegen den Beschluss der Regierungspartei, dass der sogenannte Zyklop, ein als Schandfleck verrufenes Stadtviertel, mit einem Sicherheitskäfig umzäunt wird.
Inmitten der verkommenen Wirrnis aus Tarnanzügen, Molotowcocktails, einer faschistischen Regierungspartei und ihren Nagelköpfen, Polizeigewalt und Straßenschlachten verirren sich unzählige Lebens- und Konfliktlinien. Etwa eine pyromanische Anarchistin, Evolet, die im Zwiespalt von Sprengstoff und Pazifismus gefangen ist; militante Revoluzzer und visionäre Untergrundkollektive, die sich in alten ideologischen Konflikten verheddern; ein junger Schelm, Arman, dessen Wut auf die Obrigkeiten in subversiven Aktionismus mündet; sein Freund Naim, ein hochintelligenter Irrlichternder, der um einen tragisch verstorbenen Freund trauert, einen Entzug durchmacht und die Härte der Psychiatriegötter zu spüren bekommt; Schmalspurganoven und genialische Hacker, die an ihren eigenen Werken basteln; eine einsame Mutter, Louise, die sich von ihrer Geschichte befreit und in gemeinnütziger Arbeit aufgeht; friedfertige Schrebergärtner und kriminelle Barbesitzer, die ihre kleinen Welten vor der Zerstörung schützen wollen; eine Nymphe, Valeska, die sich von ihren Freunden Arman und Naim distanziert und sich in konsumistischem Hedonismus und Schönheit verliert; der Sozialarbeiter Jacob, der sich die Sorgenberge randständiger Menschen anhört; und schließlich ein abgehalfterter Inspektor, Kujan, der (mordende) Geister jagt.
Dieser episch-experimentelle Roman erzählt in ausfransenden Fragmenten und Episoden von einer Handvoll Menschen, die ihrer ‘Freiheit’ beraubt und vor existenzielle Fragen gestellt werden. Ihre Geschichten handeln von Perspektivlosigkeit und Sinnsuche, Exzess und Degeneration, Zerstörung und Kreativität, Agonie und Fantasie – und vom Widerstand, der Risse ins Gewebe einer perfiden Realität ritzt.

(incognitafindelkind.org)