Thomas Dütsch

Thomas Dütsch

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Auf Einladung des Berliner Kultursenats war er 1991 sechs Monate Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften einspruch, drehpunkt und Sprache im technischen Zeitalter. Auch die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit und der Tages-Anzeiger, Zürich, brachten Gedichte von ihm. Für seinen ersten Lyrikband Windgeschäft erhielt er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich. Sein zweiter Gedichtband Weißzeug wurde mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Bibliographie

Wädenswil, Nimbus, 2022.

Es gleicht jeweils einem Glücksfund, wenn man im inflationären Literaturbetrieb unserer Tage unversehens auf eins der raren Gedichte von Thomas Dütsch stösst. Mit dem Publizieren ist er sparsam, und es vergeht jeweils ein ganzes Jahrzehnt, bis er sich wieder zu einem Gedichtband entschliesst: Windgeschäft erschien 2001, Weißzeug 2011 und nun, als dritter Zwischenhoch. Erneut ist es eine Wettermetapher, die den Grundton bezeichnet – ein «Zwischenhoch». Es mag vorübergehen, aber es ist da, wenn man es zu empfinden vermag. Die Wechselhaftigkeit in den irdischen Bedingungen und Stimmungen entwertet das Leben nicht, wenn das Zusammengehörige darin erfahren wird. Doch da mit hätte man das Besondere an den Gedichten von Thomas Dütsch bereits interpretatorisch verkürzt. Denn sie schielen nicht nach Tiefe und enthalten nichts Enigmatisches oder Artifizielles – obwohl oder gerade weil sie um die Rätsel von Kunst und Leben wissen. Sie bewegen sich durchweg im Alltäglichen; ihr Auslöser ist oft der unscheinbare Moment, der etwas Ungeahntes auslöst. Es sind die kleinen Pausen des ziellosen Nachdenkens und Umherblickens, Minuten des Wartens in einem Café oder des Ausruhens auf einer Parkbank, die unversehens eine Erfahrung bereithalten. Zum Gedicht werden sie jedoch erst durch die Form, die ihnen existentielles Gewicht verleiht – was auch Humor und Gelassenheit mit einschließt.

Hemden gebügelt
Später werde ich sagen Ich habe Hemden gebügelt
fern gesehen und mit meinem Bruder telefoniert
Aber das stimmt nicht Ich habe wehrlos zugeschaut
wie beim Eindämmern mein kleines Leben zerfiel
Rasch erlosch das Frühlingslicht das mich putzte
und schob unbehauene Grabsteine vor die Fenster
Der Tagesschausprecher schickte mich in Frührente
Erste ungelesene Bücher wandten sich von mir ab
und schweissten sich wieder ein Das Skypen mit
Göttingen war ein einziger Pixelbrei ohne Tonspur
Das Tagebuch verweigerte mir den Eintrag zu viel
Schwarzarbeit zu viele Krustentiere aus Tipp-Ex
Das Spiegelbild machte mir klar Die Fahndung läuft
Staatenlos wartete ich vor dem Scanner der Nacht
Später werde ich sagen Ich habe Hemden gebügelt
Genau das habe ich an jenem Abend im März getan

(Nimbus Kunst und Bücher)

Weißzeug , mit Kohlezeichnungen von Sue Rychener, Zürich, Howeg, 2011.
Windgeschäft , Zürich, Howeg, 2001.