Neue Schweizer Graphic Novels

Tobias Aeschbacher, Nando von Arb, Rina Jost und Andreas Kiener

Fokus vom 18.06.2024 von Beat Mazenauer

Aus Sicht des Schweizer Comic-Schaffens war die 21. Austragung des Erlangener Comic-Salons ein grosser Erfolg. Mit einem der Max und Moritz-Preise geehrt wurden Anna Sommer als «Beste deutschsprachige Comickünstlerin», Nando von Arb für Fürchten lernen als «Bester deutschsprachiger Comic» und Tobias Aeschbacher für Der Letzte löscht das Licht als «Bestes deutschsprachiges Comic-Debüt». Sie stehen für die thematische wie ästhetische Vielfalt von Graphic Novels und Stories in der Schweiz.

Tobias Aeschbacher: Der Letzte löscht das Licht

Es gibt Tage, da geht alles schief, da laufen selbst einfachste Dinge aus dem Ruder. Eine solche Geschichte erzählt Tobias Aeschbacher in seinem preisgekrönten Debüt Der Letzte löscht das Licht. Es geht um eine Vase, die ein Gangster – im Grunde vielleicht ein liebenswürdiger Mensch – unbedingt zurückhaben will, weil sie die Asche seiner Grossmutter enthält. Sie ist im Dickicht der sozialen Beziehungen irgendwie verloren gegangen. Immerhin weiss er, in welchem Haus die Vase gelandet sein muss. Mit zwei etwas bescheuerten Komplizen fährt er zu dem Ort, parkt das Auto und betritt das dreistöckige Haus – soweit verläuft alles normal.
Tobias Aeschbacher erzählt seine verworrene Geschichte in traditioneller Comicform: mit flotten Dialogen und einem kleinteiligen Seitenraster. Die Panels sind meist klein, 10-12 pro Seite, sie rücken die sprechenden Figuren ins Bild und variieren die Perspektiven aufs Geschehen. Jedes der gesamthaft 6 Kapitel (nebst Prolog und Epilog) beginnt jeweils mit einer Rückblende und erzählt, was in den sechs Wohnungen geschehen ist, bis der Wagen vor dem Haus hält und die Kerngeschichte ins Rollen kommt. Die nach aussen unscheinbare kleinbürgerliche Normalität erweist sich von Wohnung zu Wohnung als Schimäre. Ein Pärchen besorgt sich Geld auf betrügerische Weise, ihr Nachbar erweist sich als penibler Voyeur, das ältere Ehepaar hat eh genug von diesem ganzen Leben, dennoch wird es vom Mann nebenan beargwöhnt. Einen Stock drüber dampfen sich zwei Jungs mit selbstangebauten Gras die Birne voll, während die junge Frau über den Gang zu allem bereit ist. Es ist eine nette Wohngemeinschaft, in der die drei Rächer auftauchen, um die Ascheräuber zu stellen – ginge nur eben nicht alles schief.
Aeschbachers Comic arbeitet mit Pulp-Effekten und erinnert im Prolog offenkundig an den Film Pulp Fiction und seine berühmte Autoszene mit John Travolta.
Die Handlungen, die sich in den einzelnen Wohnungen jeweils parallel abspielen, bis sie im Kontinuum der Kernerzählung auf tragische Weise miteinander verknüpft werden, strukturiert Aeschbacher klug über die zeitliche Achse von ein, zwei Stromunterbrüchen. In neuralgischen Momenten geht in jedem Kapitel kurz das Licht aus, womit sich die verschiedenen Geschichten miteinander synchronisieren und die knallenden Geräusche als Schüsse von unten oder nebenan identifizieren lassen. Weshalb die Stromleitung überlastet sind, findet schliesslich ebenso eine Erklärung wie die Frage, ob die gesuchte Vase tatsächlich mit der Asche der Grossmutter gefüllt ist. Der Letzte löscht das Licht fällt weniger durch seine ästhetische Form als durch seine im Wortsinn knallige, komische Handlung auf, die sich in rasanten Dialogen entlädt. Am Ende sind – paw, paw, paw – alle Rechnungen bereinigt. Licht aus. Stille senkt sich über die Tabula rasa.

Nando von Arb: Fürchten lernen

Ebenfalls ausgezeichnet wurde am Erlanger Comic-Salon Nando von Arb für seinen zweiten Band Fürchten lernen. Er schliesst darin an sein Debüt Drei Väter an. Hier aber konzentriert er sich ganz auf das erzählende Ich, auf seine Angstzustände und -fantasien. Fürchten lernen beinhaltet unterschiedlich lange Graphic Stories, die das Thema stilistisch vielfältig abarbeiten. Woher rühren die Ängste, wie äussern sie sich, in welchen Situationen quälen sie das Ich? Um solche Aspekte kreist der Band mit einer Lebhaftigkeit, die bildnerisch in Konkurrenz zum lähmenden Gefühlschaos tritt. Nando von Arb malt seine Phobien nicht schwarz an, sondern lässt sie in bunten, beinahe schon reisserischen Farben leuchten. Selbst in den wenigen Kapiteln in Schwarzweiss beschränkt sich die dunkle Tönung auf die feine schwarze Strichzeichnung. Es hat etwas inständig Bohrendes und zugleich lustvoll Befreiendes, wie der Autor die Angst vor Krankheit und Tod, vor dem Verlassen- und Verstossenwerden in seine dynamische Bildsprache übersetzt. Worte benutzt er dabei nur wenige, entweder als kurze Beschreibungen im Bild oder als langgezogene, schlingernde Sprechblasen. Die Panels sind oft ganzseitig, im Zentrum das Ich mit dem typischen Käppi. Sein Kopf wird immer wieder durchgerüttelt oder droht zu zerplatzen, die Arme und Beine verrenken sich unter dem inneren Aufruhr lianenartig. Die anfängliche Ordnung der Bilder gerät stets von neuem chaotisch durcheinander. Hin und wieder zitiert Nando von Arb auch aus der Kunstgeschichte, wenn eine Parade von Ensor-Maskenfiguren durch das Bild stürmt oder die tanzenden Nymphen von Matisse zu schattenhaften Teufeln werden.
Fürchten lernen ist das Resultat einer künstlerischen Lebhaftigkeit, die zuletzt obsiegt. Das klingt psychologisch vielleicht simpel, doch das Buch drückt genau dies aus. Dabei ist es egal, ob Nando von Arb autobiografische Erfahrungen umsetzt oder eine fiktionale Erzählung bebildert. Er zeigt einen Ausweg aus dem Reich der Angst: das Erzählen, Zeichnen und Malen – die Kunst. Vielleicht liegt genau darin der Lernprozess, der im Titel angesprochen wird. Nando von Arb setzt beklemmende Gefühle mit einer Formensprache um, die (womöglich contre coeur) Lebenslust versprüht.
In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen hat Adolf Muschg unter dem fragenden Titel Literatur als Therapie? eine Unterscheidung getroffen. Er schreibt: «Kunst – und Literatur – ist keine Therapie, aber sie macht Mut, den Weg zur Therapie im Ganzen weiterzugehen.» Diese Trennung vollzieht von Arbs Graphic Novel sehr schön. Die Rettung lauert gewissermassen in der künstlerischen Arbeit selbst. Zumindest lässt dieses knallig bunte Buch einen solchen Schluss zu.

Rina Jost: Weg

Weg oder weg. Der Titel von Rina Josts Debüt lässt sich, je nach Betonung des «e», als ein «weg Sein» oder «auf dem Weg Sein» lesen. Tatsächlich erfüllt das Buch beide Lesarten. Wie Nando von Arb macht auch Rina Jost keinen Hehl daraus, dass sie Angststörungen und Depressionen in ihrer Graphic Novel thematisiert. Auf der Titelseite steht ein entsprechender Hinweis auf Beratungsangebote im Anhang. Der Weg, den ihr Buch aufzeigt, führt durch die Unterwelt der Depression. Rina Jost erzählt dabei, wie Nando von Arb, keine Geschichte im eigentlichen Sinn. Ihr Buch ist eher ein Stationenweg, der durch eine Reihe von metaphorischen Landschaften führt und immer wieder neue Prüfungen bereithält. Es geht dabei um Sybil, die von Depressionen geplagt förmlich versteinert und in ihrem Bett versinkt. Die Schwester Malin folgt ihr, indem sie mit dem kleinen Familienhund ebenfalls in Sibyls Bett eintaucht und in einer steinigen Gegenwelt wieder ausgespuckt wird. Es dauert nicht lange, bis sie von seltsamen Kreaturen gepiesackt wird, in einen Fluss fällt und am andern Ufer von drei sonderbaren Unterweltsgestalten empfangen wird. Diese können ihr nicht sagen, wo Sybil steckt, aber sie weisen ihr eine Richtung. Malin folgt der Schwester wie einst Orpheus seiner Eurydike. Sie begegnet dabei mal zuvorkommend netten, mal furchterregenden Figuren und Kreaturen, die nicht helfen können, wie ihr bedeutet wird, weil dies nur die Schwester selber könne.
Es sind diese skurrilen Figuren und die fantastischen Landschaften, die dem Band Charme verleihen. Malin stolpert durch ein Geister- und Märchenreich, das Rina Jost mit vielen Details ausstaffiert. Ihre Bildsprache vertraut auf eine klare Figurenzeichnung und auf farbig zurückhaltende Stimmungen, die sich manchmal zu ganzseitigen Landschaften auswachsen. Die Geschichte erfordert nur spärliche Dialoge, die hin und wieder allerdings etwas allzu naiv oder therapeutisch gelenkt anmuten. In letzterem liegt sicherlich eine Schwäche dieses Buches. Der therapeutische Aspekt legt sich zuweilen wie eine Folie über die Bilderzählung. Die zitierte Unterscheidung von Kunst und Therapie hält Rina Jost nicht immer ein. Andererseits ist dem Band zugute zu halten, so nochmals mit Muschg, dass die Therapie «der Kunst als Bürgschaft für die Verbindlichkeit, für die Gangbarkeit der lebensverändernden Phantasie» dient. Vielleicht ist es ja Malins Anteilnahme, die Sybil letztlich den Ausweg aus der Versteinerung und der depressiven Stimmungslandschaft ermöglicht.

Andreas Kiener: Allmacht

Ganz andere Wege beschreitet Andreas Kiener in seiner futuristischen Sciencefiction-Geschichte Allmacht. Wo Nando von Arb mit bunten Farben ganz aufs erzählende Ich fokussiert, fächert Kiener die Perspektive weit auf und nimmt mit akribischem Detailreichtum eine verworrene Szenerie in den Blick, die sich als kolossal in die Höhe gebaute Stadtarchitektur erweist. Tausende, ja Millionen von Menschen scheinen sich in dem architektonischen Tohuwabohu ohne Struktur und Ordnung zu tummeln. Antike Portale, mittelalterliche Erker, gotische Fenster und postmoderne Konstruktionen mischen sich mit bunkerartigen Trümmerbauten und verlotterten Slumbehausungen. Ein vertikales Metrosystem verbindet die Hunderten von Stockwerken. Zuoberst auf diesem urbanen Ungetüm erhebt sich eine Plattform, auf der ein dem Petersdom nachempfundener Prunkbau thront: Abidjan – das Zentrum einer abgehobenen Weltherrschaft, die offenkundig kurz vor dem Kollaps steht. Die Menschenmassen lassen sich auf ihrem Weg zum Aufzug immer weniger von den lächelnden Robocops in Schach halten.
Die Geschichte, die Kieners ersten Band Unvermögen von 2021 fortschreibt, erzählt, wie die kleine Ali in diesem Häuserlabyrinth nach ihrer Mutter sucht und sie schliesslich in einem Geheimversteck findet, wo sie den Umsturz vorbereitet. Gemeinsam versuchen sie eine gute KI namens Rob zu retten, um «die Welt gerecht zu machen».
Derweil sich der Herr der Welt die böse Form der KI – sein Lebenswerk – systematisch zerstört, um sich selbst vor ihr zu retten.
Die Erzählung ist indes nicht die Stärke dieser Graphic Novel, sie wirkt, soweit sie überhaupt zu Text wird, hin und wieder etwas sprunghaft und konstruiert. Aber sie fliesst jenseits der Worte in die kolossalen Bilder ein, die mal als ganzseitige Tableaus in gewittriges Gelb oder blass-kühles Blau getaucht sind, mal kleinteilig Details aus dem verwirrenden Gewusel herausschälen. Bei Andreas Kiener scheint eine überbordende Bildfantasie am Werk, mit der er eine alptraumhafte Cyberpunk-Szenerie zusammenpuzzelt, die ihre Wirkung auf die Lesenden nicht verfehlt. Was ist das für eine Welt? Und was für Menschen leben in diesem chaotischen Irrsinn? Mit penibler Sorgfalt für architektonische Feinheiten wie für menschliche Ansammlungen zeichnet Kiener mit Tusche, um die Strichbilder mit blassen Farben und Farbverläufen zu untermalen. Die Palette wechselt zwischen Rot, Rosa, Blau und Gelb – allesamt unwirkliche Tönungen, die nicht den kleinsten Hauch von Grün oder Himmelblau verraten. Die baulichen, urbanen Attraktionen werden immer wieder mit neuen Feinheiten ausgestattet und in neue kühne Blickwinkel gerückt, die schwindeln machen. So eindrücklich diese Welt dadurch wird, so stimmig sie wirkt, so rätselhaft bleibt die ganze Szenerie und mit ihr die Handlung, die sich nur ahnungsweise auflösen lässt. Auf dem Eröffnungstableau mit der Stadt in der Ferne verheisst eine Sprechblase, die auf niemand Sichtbaren verweist: «Es gibt keinen Gott.» Ihm antwortet im Schlussbild, dieselbe Stadtarchitektur nach der infernalen Explosion zeigend, ein lakonisches «Kacke». Es ist vermutlich nicht das letzte Wort in dieser Geschichte. Zumindest eine Trilogie dürfte noch daraus werden.