Camille Logoz, Gianna Molinari und Ralph Tharayil erhalten die Preise der Schweizerischen Schillerstiftung 2024
Viceversa-Übersetzungspreis an Camille Logoz, ZKB-Schillerpreis an Gianna Molinari, Terra Nova-Preis Literatur an Ralph Tharayil
CAMILLE LOGOZ WIRD MIT DEM VICEVERSA-ÜBERSETZUNGSPREIS 2024 AUSGEZEICHNET

Am Festival Le livre sur les Quais (Morges, 30. August bis 1. Sept. 2024) erhält Camille Logoz für die Übersetzung von Lika Nüsslis Starkes Ding, Une enfance de paille (Genève: Atrabile, 2023) den Viceversa-Preis für literarische Übersetzung.
Jurybegründung / Avis du Jury
Eindrücklich zeichnet Lika Nüssli in ihrer Graphic Novel Starkes Ding (Schweizer Literaturpreis 2023) die Erinnerungen ihres Vaters auf, der als Verdingbub auf einem Bauernhof arbeiten musste. Die Übersetzerin sah sich vor die Herausforderung gestellt, präzise Darstellungen einer vergangenen ländlichen Deutschschweiz auf Französisch wiederzugeben. Ein dem Buch angehängtes Glossar erklärt die spezifisch schweizerischen Ausdrücke, die sie dafür benutzte. Dabei trifft Camille Logoz den trockenen Humor und den lakonischen, nie larmoyanten Ton des Ich-Erzählers perfekt. Manchmal gelingt es auf Französisch sogar noch kürzer und prägnanter als auf Deutsch, etwa im Satz «L’été 1944, j’ai eu sept ans et un œuf au plat rien que pour moi.»
Dans son roman graphique Starkes Ding (Prix suisse de littérature 2023) Lika Nüssli retrace avec force et acuité les souvenirs de son père, qui fut placé comme enfant dans une famille de paysans. La traductrice a relevé le défi de transcrire en français les descriptions précises d’un passé rural suisse alémanique. Un glossaire en fin d’ouvrage signale les expressions typiquement suisses dont elle s’est servie. Camille Logoz trouve ainsi le ton exact d’un humour sec, laconique, jamais larmoyant du narrateur. Il lui arrive même d’être parfois plus courte et concise qu’en allemand, comme dans cette phrase « L’été 1944, j’ai eu sept ans et un œuf au plat rien que pour moi. »
Camille Logoz a étudié la littérature à Lausanne et Zurich (français et allemand). La traductrice vit à Lausanne. En 2019 elle participe au programme Goldschmidt pour jeunes traductrices et traducteurs littéraires. En 2021 paraît sa traduction du roman de Ursula Timea Rossel, Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz (Bilgerverlag) : Prenez de l’ail et de l’argent, du sel et de la terre (Hélice Hélas) et en 2023 le roman graphique de Lika Nüssli, Starkes Ding (Edition Moderne) : Une Enfance de paille (Atrabile). Ses dernières traductions sont celles du roman de Yael Inokai, Ein simpler Eingriff (Hanser) : Une simple intervention (Éditions Zoé, 2024) et d'Anja Wicky, In Ordnung (Zürich: Edition Moderne, 2022), Ça ira (Lausanne: Antipodes, 2024).
GIANNA MOLINARI ERHÄLT DEN ZKB-SCHILLERPREIS 2024

Gianna Molinari erhält am 24. Juni 2024 im Literaturhaus Zürich den diesjährigen ZKB-Schillerpreis für ihren zweiten Roman Hinter der Hecke die Welt (Berlin: Aufbau, 2023). Der mit 20'000 CHF dotierte Preis wird alljährlich von der Zürcher Kantonalbank (ZKB) an regionale Autorinnen oder Autoren vergeben. Auf Vorschlag des Stiftungsrates der Schweizerischen Schillerstiftung wird der Literaturpreis schon seit 1979 ausgerichtet und ist somit das ältestes Literaturengagement der ZKB.
Jurybegründung
Schauplätze von Gianna Molinaris zweitem Roman sind ein kleines Dorf und ein Forschungsschiff in der Arktis. In fein miteinander verzahnten Episoden und Geschichten erzählt „Hinter der Hecke die Welt“ von den Bemühungen der Dorfbewohnerinnen und -bewohnern, das Aussterben des Dorfes abzuwenden, vom Eis und seiner Erforschung, von Tieren und Pflanzen und den politischen Ansprüchen auf die Polarregionen. Imaginiertes, Recherchiertes und Beobachtetes werden dabei souverän miteinander verschmolzen. Gianna Molinari ist ein gleichermassen aktuelles wie poetisches Buch gelungen, das sich der Klimathematik mit literarischen Mitteln annimmt.
Gianna Molinari, 1988 in Basel geboren, studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und Neuere Deutsche Literatur an der Universität Lausanne. Sie hat in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und begründete die Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» und das Autorinnenkollektiv RAUF mit. Ihr 2018 erschienenes Romandebüt Hier ist noch alles möglich wurde mehrfach ausgezeichnet und war für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert.
RAPLH THARAYIL ERHÄLT DEN TERRA-NOVA-PREIS DER SCHWEIZERISCHEN SCHILLERSTIFTUNG

Am 23. Mai 2024 wurde der Terra-Nova-Preis Literatur der Schweizerischen Schillerstiftung im Literaturhaus Thurgau/Bodmanhaus in Gottlieben an Ralph Tharayil für Nimm die Alpen weg (Dresden: Azur, Voland & Quist 2023) verliehen.
Jurybegründung
Schon die Form von Ralph Tharayils poetischem Erstling lässt aufhorchen: Sätze, fast unverbunden sind locker über die Seiten verstreut. Ein jeder lädt ein zum Innehalten und zum Nachdenken. Ist das nicht eher ein langes Gedicht als ein Roman? Oder ein Theaterstück, ein langer Monolog von zwei Geschwistern, die in der Wir-Form ihren Alltag protokollieren. Rasch wird die spezielle Atmosphäre ihres Aufwachsens erlebbar: Der Emigrationshintergrund bedeutet Enge. Vater und Mutter, als vierarmiges Doppelwesen wahrgenommen, rackern sich ab, die beiden Kinder sind ihnen ausgeliefert, aber durch ihren Integrationsvorsprung auch überlegen. Schulkameraden, die sie zuhause besuchen, machen ihnen ihr Fremdsein bewusst. Mit ihren Fahrrädern brechen sie aus in ihre Spielrefugien am Stadtrand. So kommen sie auf ihre eigenen Beine. Die Präzision im Detail und der Verzicht auf alles Ausmalen erlauben Verallgemeinerung und gestatten es den Leserinnen und Lesern, in dieser ganz speziellen Kindheit und Adoleszenz ihre eigene wiederzufinden.
Ralph Tharayil, 1986 als Sohn indischer Migranten in der Schweiz geboren, studierte Geschichte, Medien- und Literaturwissenschaft in Basel und arbeitete währenddessen als Autor, Theaterschaffender und Musiker, später als Texter in Hamburger Werbeagenturen. Er entwickelt, auch in Kollaborationen, Konzepte und Texte für Audioformate und Performances und schreibt Prosa und Lyrik, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, u.a. mit dem Preis für Prosa beim 25. open mike. Nimm die Alpen weg ist sein literarisches Debüt, für das er mit einer Einladung zur Autor:innenwerkstatt des LCB, dem Alfred Döblin-Stipendium und der Alfred Döblin-Medaille ausgezeichnet wurde. Ralph Tharayil lebt in Berlin.