Anna Felder (1937-2023)

Fokus vom 16.11.2023 von Roberta Deambrosi (Viceversa 9); Ruth Gantert (Orte 199)

Zärtlichkeit und Ironie, Umgrenzung und Fragment, Relativität und Absolutes
Gespräch mit Anna Felder in ihrer Wohnung in Aarau

Von Roberta Deambrosi

Vom Romanerstling Tra dove piove e non piove bis zu den letzten Venti frammenti, über zahlreiche Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Hörspiele haben Sie einen langen Schreibweg hinter sich. Vom Hier und Jetzt aus gesehen, welche Aspekte würden Sie hervorheben, welches sind die »Leitfäden« in Ihrem Werk? Gibt es Konstanten, oder aber Brüche, die Sie erwähnenswert finden?

Der Ausgangspunkt meines Schreibens ist nicht so bestimmt oder rational. Eher ist es die Entwicklung, im Nachhinein gesehen, die sich als organisch erweist. Vierzig Jahre nach dem Erscheinen meines ersten Romans, Tra dove piove e non piove, erschien die französische Übersetzung, Le Ciel est beau ici aussi. Dabei habe ich gemerkt, besonders als ich die sensible, genaue Kritik auf www.viceversaliteratur.ch von Françoise Delorme las, dass es diese Konstanten tatsächlich gibt. Sie spricht zum Beispiel von der »Zugehörigkeit« meiner Figuren zur realen Welt – und von der Distanz zu ihr. Eine Zerbrechlichkeit, eine Mischung aus Zärtlichkeit und Ironie, ergänze diese Idee von Zugehörigkeit und Distanz, so Françoise Delorme – in diesen Begriffen erkenne ich mich, sie sind charakteristisch für meinen Werdegang. Im Grunde genommen entdecke ich, dass schon in diesem ersten Roman, von dem ich dachte, die Schauplätze seien gegeben, die Figuren bestimmt, ganz im Gegenteil schon die Fragilität spürbar ist.
Die Rezension erwähnt auch das Wort »Leichtigkeit«, das mir gefällt, natürlich weil ich dabei an die Lezioni americane (Amerikanische Vorlesungen) von Calvino denke, und mir scheint wirklich, das Schreiben müsste immer leichter werden, immer luftiger, vielleicht zum Nachteil des unmittelbaren Verständnisses. Weiter wird »Fragmentierung« genannt, ein Erzählen, das verlöscht, wieder aufflammt und dann von neuem verlöscht, so wie in den Venti frammenti: Man tippt einen Moment an, berührt den kurzen Augenblick eines Daseins. Diese Fragmentierung bringt ein Paradox mit sich, das ein wichtiges Thema der Adelaidi ist: der Kontrapunkt zwischen Relativität und Absolutem. Eine einzige Adelaide als Ideal, das es zu erreichen gilt, in der Liebe, in der Treue des Gefährten, des Ehemannes, dieses Ottone, der sich bestätigt und spiegelt in vielen untreuen Verhaltensweisen gegenüber anderen Adelaidi, die jedoch dazu dienen, das absolute Ideal, die Einheit der Adelaide, zu vervollständigen.

Das Genre der Erzählung entspricht Ihrem Schreiben in hohem Mass. Welche Rolle spielt es in Ihrem Werk, welche Freiheiten sind ihm eigen, welche Zwänge werden mit ihm auferlegt?

Ich habe Mühe zu verstehen, ob gewisse Umstände zum Gebrauch dieses Genres zwingen. Ja, vielleicht, wenn ich an mein Leben als Lehrerin denke, mit einer Familie, mit einem Haus, der Erziehung der Kinder und den Aufgaben, die all dies mit sich bringt. Doch das Genre der Erzählung gefällt mir sehr, die Erzählung ist so dicht und will auf kleinstem Raum das Grösstmögliche sagen. Ich las immer wieder begeistert die italienische Novellensammlung aus dem Mittelalter Il Novellino; darin finden sich aus der Luft gegriffene Geschichten, wie man sagt, oder Variationen über das gleiche Thema, doch zufällig zusammengewürfelt oder aneinandergereiht. Ein Roman hingegen zwingt einen viel mehr, der wichtigen, logischen Abfolge des Lebens zu folgen, dem Schicksal der Figuren. Die Erzählungen formen eher einen Ringelreihen – ich glaube, so nannte einmal jemand den Band Gli stretti congiunti (Die nächsten Verwandten): Die Figuren, die aufeinanderfolgen, erkennen sich danach per Zufall auf der Straße wieder, geben einander die Hand. Man gibt sich die Hand, man fühlt sich wie seinesgleichen, man fühlt sich als »nächste Verwandte«. Eine Extravaganz muss in einer Erzählung nicht motiviert sein, ich denke da an die Erzählungen von Montale, an seine Farfalla di Dinard (Schmetterling von Dinard), an den Beinahewahnsinn mancher Momente, mancher einsamen Figuren, die einen Tick zum Äussersten treiben.

Wie nahe kommen diese immer knapperen Texte der Poesie? Was bedeutet es, in dichter, kurzer Form zu schreiben?

Meine Texte sind Prosa, für die Poesie fehlt ihnen vielleicht eine gewisse Intimität. In den Venti frammenti ist es, als ob man zum Fenster hinaus, aus einem Rahmen, eine Person vorbeigehen sieht: Sie bleibt einen Moment im Blickfeld, dann nimmt ihr Schicksal weiterhin seinen Lauf, außerhalb des Rahmens. Doch man hält sie in diesem Moment fest, und in keinem anderen. In der Poesie gibt es auch die Sprache der Innerlichkeit, den Monolog, den Gesang, Freude und Trauer des Ichs, das sich mit der Figur in Beziehung setzt. Dies geschieht in meinen Prosastücken nicht. Aber wer Poesie sagt, sagt auch Mass, Rhythmus, Wortwahl – und das, ja, das ist mir bewusst, wenn ich schreibe. Das Mass ist für mich zentral. So wie das Motiv der Waage, man denke nur an die Adelaidi, die genau mit diesem Bild enden: Es geht wieder einmal darum, Bilanz zu ziehen und abzuschliessen, auf minimalen Raum – eben auf die Waagschale – ein Höchstmass an Ausdruck zu zwingen, eine Summe; diese Rechnung liegt mir sehr am Herzen.

Ein anderer, sehr wichtiger Aspekt Ihres Werks ist die Aufmerksamkeit, die Sie der Sprache widmen. Wie sehr hat das mit Ihnen selbst zu tun, mit der Erfahrung einer bestimmten sprachlichen Lebenswelt?

Gewiss, das Unterrichten nahm mir Zeit, die zum Schreiben fehlte, aber das Unterrichten hat mir auch viel gegeben. Es lehrte mich, die ganze technische Seite des Schreibens zu beachten, die man erfassen und ausprobieren muss. Eigentlich lernten wir zusammen, meine Schüler und ich. Wir lernten, bei einem Text zu verweilen, ihn zu analysieren. Man muss lehren und lernen, die Entscheidungen eines Autors zu hinterfragen, so wie es auch wesentlich ist, nicht nur Texte verschiedener Autoren, Epochen und Sprachen zu vergleichen, sondern auch zu zeigen, wie ein Text übersetzt wurde und dass es nicht einfach gleichwertige Ausdrücke in einer anderen Sprache gibt. Diese Betrachtungen sind Denkanstösse, die einen noch bewusster zur Schönheit führen, zur Erlesenheit, zum Licht, das ein Wort oder eine Wortkombination in sich trägt. Dass ich in einem anderen Sprachumfeld lebe, schärfte meine Aufmerksamkeit für die Verschiedenheit und den fruchtbaren Vergleich. Zuerst war dieser Vergleich fast instinktiv, mit den unterschiedlichen Klängen: Wenn ich von Aarau ins Tessin fahre, scheint mir immer, ich werde gerufen, ich höre Vokale: »aa a iia an anna aaciao ciao grazie ...«, die mich den Kopf wenden lassen, um zu sehen, wer mich ruft. »Chi mi chiama?« Wer ruft mich? »Chi, chi ...« auch dieses Picken ... ein Echo, ein Widerhall, der hier völlig anders ist und für mich keine Erinnerungen birgt, der eben kein Wider-Hall ist. Es gibt diese eher instinktive Seite, doch dann gibt es auch die kognitive Seite, die der verschiedenen Wörter, die verschiedenen Haltungen entsprechen: von »ciao« zu »tschüss, tschüss« – schon der Klang des Grusses verändert ihn.

Wenn man Ihre Romane und Erzählungen also in einer Übersetzung liest, liest man sie anders?

Anders ist die leichte Ironie vieler Arten, sich auszudrücken, die Umsicht der Figuren, auch der Tiere, der Katze von La disdetta zum Beispiel. Es ist schwierig, sie im Nicht-zu-viel und Nicht-zu- wenig einer anderen Sprache zu treffen. Vielleicht ist es auf Französisch, das ja auch eine romanische Sprache ist, einfacher. Beim Lesen der Übersetzung von Tra dove piove e non piove merkte ich, dass die Rhythmen, der Satzfluss sich vielleicht eher entsprechen. Das Umgekehrte gilt aber ebenfalls, ich schaffe es nicht, Ausdrücke der deutschen Sprache, die ich sehr liebe, zu erfassen und angemessen zu übersetzen. Auch Robert Walser in seiner Schlichtheit ist ungeheuer schwierig zu übersetzen. Wie kann man die Schönheit der zusammengesetzten Wörter, gewisser substantivierter Verben wiedergeben? Alle Sprachen haben ihre eigenen Bedeutungen und Werte, eine eigentümliche Schönheit.

Zu La disdetta: Die Katze als Romanfigur und Ich-Erzählerin, ist das ein Stilmittel?

Ja, tatsächlich entsteht schon im ersten Satz eine gewisse Distanz, ein wenig Ironie mit diesem »Mi prendevano per un gatto« (»Sie hielten mich für eine Katze«): Ich bin keine Katze, sondern eine Katzenfiktion. Dieses Schreiben brachte mich dazu, mir vieles vorzustellen: Ich fragte mich, was die Katze vom Dachfenster aus sehe, die horizontalen oberen Flächen der Stadt, der Gebäude, was die Neugierde der Katzen bedeute, ihr Wissen um andere Gerüche, andere Wohnungen, andere Marotten, die wir nicht sehen, ihre Möglichkeit, über Mauern zu springen, die Gärten der anderen zu betreten. Meine Katze sollte nicht zu menschlich sein, es sollte eine Katze bleiben, eine Katze, die für eine Amsel, die sie auf einem Baum erspäht, oder für den Regenwurm, den die Amsel im Schnabel hat, von einem Moment zum anderen alles und jeden vergessen kann.

Die Tiere, nicht nur als handelnde Figuren, sondern als Motiv, tauchen häufig in Ihren Texten auf. Wenn Sie sich für einen Tag und eine Nacht in ein Tier verwandeln könnten, welches würden Sie wählen?

Ich lebe nicht mit Tieren zusammen, ich lebe nicht auf dem Land mit Kühen, Eseln, Schweinen und Hühnern. Ich lebe mit Stadttieren, mit Hunden und Katzen. Wenn ich einmal ein Reh sehe, be- komme ich Herzklopfen: Das sind mir unbekannte Leben, ein Aufblitzen, Tiere, die nicht zu hören und normalerweise nicht zu sehen sind. Du betrittst ihr Zuhause, erschrickst sie, sie verstecken sich. Diese Bilder sind mir nicht so vertraut wie die Quartierskatzen und -hunde, deren Vor- und Nachnamen ich kenne, das Alter und den Geburtstag, die unsere Gewohnheiten pflegen, mit ihren Freiheiten, natürlich. Ich bewundere die Katzen mit ihrem Geheimnis und ihrem Schweigen, ihrem Eigensinn, ihrer Art, ganz in ihre Angelegenheiten und Gedanken versunken zu sein. Beim Vorbeigehen drehen sie nicht einmal den Kopf, wenn du sie rufst, und ein andermal sind sie es, die dir um die Beine streichen. Zu ihnen habe ich ein viel menschlicheres Verhältnis. Und ein literarisches: die Katzen von Baudelaire, von Colette. Ein Autor, der mir sehr gefällt und den ich Federico Hindermann zu verdanken habe, ist Jules Supervielle, mit seiner Fable du Monde (Die Fabel der Welt), in der er den ersten Hund der Welt beschreibt. Der Hund bellt zum ersten Mal, und dahinter ist das Nichts. Aus dem Nichts entsteht das erste Bellen eines Hundes. Das erschreckt mich immer: Ich denke, merkt dieser Hund eigentlich, wie laut er bellt, dass er die Ruhe bricht, die hier im Garten herrscht? Die Katzen miauen nur laut, wenn sie rollig sind, dann schreien sie, aber sonst sind sie diskreter, vorsichtiger. Die Vögel sind wunderbar, ihr Gesang im Frühling, morgens, am Abend, wenn sie einander gute Nacht sagen, und ihre Flüge, ihre Fähigkeit, zu schweben. Die genauen Namen kenne ich nicht, aber »rondine«, Schwalbe, ist ein Wort, das ich sehr mag, man hört »rondo, rund«, und es ist dreisilbig mit Betonung auf der ersten Silbe. Es ist schön, eine Schwalbe zu beobachten, die ihre Abend- kreise zeichnet, bevor die Nacht kommt. Auch eine Katze kann in die Höhe klettern, die Beweglichkeit einer Katze ist erstaunlich, doch sie hat keine Flügel, sie versucht, im Spiel Schmetterlinge zu fangen, ganz lässig. Doch ich möchte keine Katze sein wenn ich ein Tier sein könnte, dann möchte ich lieber eine Schwalbe sein und dieses Glück genießen, das uns fehlt, Flügel zu haben, aufzusteigen und hoch oben zu fliegen, vor Glück schreien, diese Freiheit zwischen Himmel und Erde preisen.

Was und wer hat sie in der italienischen Literatur, und auch in der Weltliteratur, am meisten inspiriert? Gibt es Autorinnen und Autoren, die ein Leben lang Ihr Schreiben beeinflussen, Ihre Art, Literatur zu schaffen, oder allgemeiner das Ideal, das hinter Ihrem Schreiben steht? Und welchen Platz nehmen bei Ihnen die anderen Künste ein?

Mit meinen Schülern las ich viel Literatur; aufmerksam und analytisch besprachen wir die Texte zusammen. Es war eine ganze Abfolge, von den Anfängen, vom Novellino, bis heute, die mich nährte und inspirierte. Ich habe Mühe, zu sagen, welche Kost mir die wichtigste war, denn von allen habe ich etwas aufgenommen, alle haben mich dazu gemacht, was ich bin.
An der Universität schrieb ich eine Doktorarbeit zu Montale, den ich dann mit meinen Schülern las. Ich war auch mit ihnen in den Cinque Terre, in seinem Haus der zwei Palmen, und wir lasen die Gedichte nochmals in Anwesenheit seiner Cousine. Bei diesem Dichter ist mir der Anstand im Alltäglichen nahe. Auch Calvino ist ein Autor, den ich immer bewunderte, nicht zufällig schickte ich ihm La disdetta. Wertvoll und beständig war der Austausch mit Federico Hindermann, über unser Schreiben, aber auch über unsere Lektüre, über die Art, die Welt zu sehen und zu verstehen. Es war ein ständiges miteinander Sprechen. Ein wunderschöner Austausch über Texte, Wörter, Gedichte, Seiten.
Zu den unterschiedlichen Autoren könnte ich Gadda fügen, der mich sehr fasziniert in seiner Leidenschaft, Verzweiflung, seiner Gier, die Wörter zu essen, zu kochen, zu kneten, wiederzufinden, auszuprobieren, erneut aufs Spiel zu setzen. Kafka interessiert mich, beim Wiederlesen frage ich mich – mit Montale –, wo die Fallmasche ist, und beobachte den Moment, in dem die Tonlage kippt und die Erzählung, die vielleicht von einer bestimmten Realität ausgegangen war, metaphysisch wird. Auch Tschechow fasziniert mich – ich glaube, Giovanni Orelli erwähnte den Kirschgarten, als er von Gli stretti congiunti sprach; und dann der schon genannte Robert Walser.
Soweit die Literatur, aber auch alle anderen Künste sind mir wichtig: die Musik eben für das Mass, den Takt und auch wegen eines biografischen Umstands, den ich schon einmal erzählt habe. Meine Mutter war Klavierlehrerin und wir Kinder wuchsen in einem Haus auf, wo man immer Klaviermusik hörte, wo wir die Schüler spielen hörten, von den begabtesten bis zu den faulsten. Kürzlich habe ich in einem Konzert in Lugano die Arabesque von Schumann gehört und war gerührt, es war für mich, wie die Türe zu meinem Geburtshaus zu öffnen. Wir gingen auch an Konzerte, und Musiker kamen zu uns mit anderen Instrumenten, der Notenständer war immer bereit. Die Musik ist sicher auch in meinem Schreiben zu hören, vor allem in den ersten Sätzen, denke ich. Die Anfänge der Romane, der Erzählungen, der Absätze gehen von einem musikalischen Taktmass aus. Und zwar ganz bewusst: Bevor dies nicht funktioniert, ist der Text nicht definitiv.
Die Malerei war ebenfalls sehr präsent in meinem Leben. Der Bruder meiner Mutter, Carlo Cotti, war Maler. Ich besuchte ihn in seinem Atelier, wir schrieben uns häufig, wir sprachen miteinander, nun bleiben mir seine Bilder. Dieses hier stellt die Via Balestra in Lugano dar, gegenüber seinem Atelier, heute sieht es da ganz anders aus. Ich sehe ihn noch, wie er, die Hände in den Taschen, ans Bild herangeht, so nah, dass er dessen Atem fühlte. Aus der Gymnasialzeit erinnere ich mich an die Kunstgeschichte bei Piero Bianconi, der uns lehrte, die Bilder anzusehen. Noch heute, wenn ich ins Museum gehe, kann ich nicht umhin, vor den Bildern das Spiel der Diagonalen zu bemerken, die Arme, die Gesten, die Blicke, die sich heben, einander entsprechen, in einen Dialog treten, genau wie Bianconi es uns gezeigt hat. Mich packt – so wie ich vorhin vom Fenster sprach, von welchem aus man eine Szene beobachtet – der bewegende Moment, den man auch in einem Bild findet. Eine Landschaft, eine Person, eine Gemütsbewegung, ein Traum, auf Leinwand gebannt. Oft schaute ich beim Schreiben in das Rechteck einer Bildreproduktion oder auch einer Fotografie. Eine Umgrenzung, ein Fragment ..., da sind sie wieder, diese Begriffe.
Der Roman Nozze alte endet so, dass die Götter entscheiden, was in die Szene hinein gehört und was ausgeschlossen wird aus diesem Rechteck. Es ist die Geste, die bleibt, das ist mir allgemein sehr wichtig und gehört zum Verlauf meines Schreibens: Ein künstlerischer Ausdruck möchte berühren, nicht nur den Autor, sondern alle andern. An einem gewissen Punkt zählt nicht die persönliche Geschichte des Autors und auch nicht die der Figur, es ist nicht wichtig, wer spricht und wer antwortet, ob er oder sie grüßt. Was bleibt, ist das grüßende Winken eines Vaters – meines, deines, wessen Vaters? – aus dem Fenster des abfahrenden Zuges, wie in »Un padre ad Arth-Goldau«. In diesem Moment gibt es, gab es und wird es immer einen Vater geben, der einer Tochter winkt, und eine Tochter, die einem Vater winkt. Es ist die absolute Geste, die sich durch die Relativität der Personen äußert. Und das ist vielleicht die Schwierigkeit meines Schreibens, dieses Absolut-Machen, bis hin zum vertikalen und horizontalen Zeichen des Kreuzes, eines Signals, das bleibt, losgelöst von den vielen kleinen, relativen Begebenheiten, den Zeiten und Figuren, die sich überlappen und vermischen.

Gilt das Wort so viel wie die Geste? Bleibt auch ein Wort, losgelöst von dem, der es ausspricht?

Ja, ohne Wort keine Geste. Das Wort hält die Geste fest. Es bleibt »das Wort ›jetzt‹, das einzige, das gilt«, das schreibt auch Françoise Delorme am Ende ihrer Rezension, mit einem Zitat aus dem Ende von Tra dove piove e non piove, und so möchte auch ich schliessen.

                                                                                                               Aus dem Italienischen von Ruth Gantert

Poetische Texte mit feinen Widerhaken
Interview mit Ruth Gantert, die mehrere Texte von Anna Felder von Italienischen ins Deutsche übersetzt hat
Hansjörg Schertenleib, Orte 199, 2019

Waren Sie bereits eine Leserin der Texte von Anna Felder, bevor Sie ihre Übersetzerin wurden, Frau Gantert?
Oh ja, Anna Felder habe ich schon während meines Romanistik-Studiums in Zürich mit grosser Bewunderung gelesen. Ich hätte mir allerdings nie träumen lassen, dass ich einmal Texte von ihr übersetzen würde – sie hatte und hat ja in Federico Hindermann und Maja Pflug wunderbare Übersetzer.

Gibt es Aspekte der Prosa von Anna Felder, die Sie als Übersetzerin vor besondere Probleme stellen, die Sie besonders fordern? Und gibt es andererseits etwas, das Ihnen besonders leicht fällt?
Anna Felder Texte sind wie gute Lyrik – nichts in ihnen ist inhaltlich, rhythmisch oder klanglich zufällig oder unmotiviert, die verschiedenen Ebenen sind genau aufeinander abgestimmt. Diese „Gestimmtheit“ in eine andere Sprache zu übertragen ist schwierig. Ich probiere verschiedene Möglichkeiten aus, und jedes Mal, wenn ich ein Steinchen durch ein anderes ersetze, droht das ganze Gebäude einzustürzen. Sicherer fühle ich mich in den Dialogen, in der direkten Rede: Ich habe Anna Felders Personen vor Augen und „höre“, was sie sagen – ich brauche es nur noch aufzuschreiben. Dass mir dies leicht fällt, getraue ich mich aber nicht zu behaupten – da denke ich an Natalia Ginzburg, die in „Il mio mestiere“ („Mein Beruf“, in Le piccole virtù) entschieden erklärt: Wenn das Schreiben leicht von der Hand geht, ist das ein Zeichen dafür, dass der Text nichts taugt.

Stehen Sie in engem Kontakt mit Anna Felder, wenn Sie ihre Arbeiten übersetzen? Wie wichtig ist Ihnen der Austausch mit der Autorin?
Ja, als ich an „Liquida“ (auf Deutsch „Circolare“) arbeitete, habe ich der Autorin schon während des Übersetzens Fragen gestellt und ihr die Texte am Schluss geschickt. Sie hat mich nach Aarau eingeladen und sich viel Zeit genommen, mit mir darüber zu diskutieren. Das war eine einmalige Erfahrung für mich. Ich denke nicht, dass ein Austausch zwischen Übersetzerin und Autorin in jedem Fall zwingend nötig ist – Esther Kinsky plädiert in Fremdsprechen für den „persönlichen Dialog [der Übersetzerin] mit der Fremde“ und dafür, dass der Autor hinnehmen müsse, „dass sein Werk auf eine bestimmte, subjektive, ausserhalb seines Einflusses liegende Art und Weise übersetzt wird“. Mit Anna Felder hatte ich aber ein seltenes, dreifaches Glück: Sie kann sehr gut Deutsch, lebt in meiner Nähe und ist auf liebenswürdigste Art bereit, die Übersetzung genau zu lesen und kritische Stellen aufzuzeigen, ohne je eine bestimmte Lösung aufzudrängen. Diesem Glück konnte ich nicht entsagen!

Der Klang der Sprache scheint mir in Anna Felders Arbeit enorm wichtig zu sein. Gilt dies auch für Ihre Übersetzungen? Lesen Sie sich die Übersetzungen laut vor, um sie zu prüfen?
Ja, der Klang ist wesentlich, ich lese mir die Texte natürlich laut vor, auf Italienisch und auf Deutsch. Die Autorin hat mich manchmal richtig ermuntert, dem Lautlichen und dem Rhythmus den Vorrang zu geben, auch auf Kosten der Bedeutung. Ein kleines Beispiel: Im letzten Satz ihrer Erzählung „L’uva agli uccelli“, „Trauben für die Vögel“, heisst es von den Bergen, sie seien „confusi nel nero, nel vero...“. Auf Deutsch ersetzte ich den Reim mit einer Alliteration und veränderte den Wortsinn von „vero“ (Wahrheit): „den im Schwarz und im Schweigen verschwindenden Bergen“. Oder in der Erzählung „Casa Selva“: Da geht es um den Garten einer Familie mit Namen Selva. In einem entscheidenden Moment der Geschichte folgt das Adjektiv „selvaggio“ (wild) auf den Familiennamen. Der Anklang selva-selvaggio ist so wichtig, dass die „Selva“ nun auf Deutsch „Wildi“ heissen.

Wie würden Sie Anna Felders Prosa charakterisieren und jemandem nahe legen, der sie noch nicht kennt?
Anna Felders Themen sind unspektakulär: Es geht um Beziehungen zwischen Menschen, aber auch um Dinge und Orte des täglichen Lebens. Ohne jedes Pathos schreibt sie über das Älter- und Altwerden, über Liebe, Verlust und Erinnerung. Dabei zieht sie einen mit ihrem feinen Humor, ihrem genauen Blick auf Menschen, Tiere und Pflanzen, auf Objekte, Innenräume und Landschaften in ihren Bann. In subtilem Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede, Dialog und Erzählung präsentiert sie poetische Texte mit feinen Widerhaken. Ihre Prosa kommt leicht, ja beschwingt daher, ist aber hintergründig und bringt einen nicht selten ins Straucheln: Wie Silvia Ricci Lempen in ihrer Laudatio zur Verleihung des Grand Prix Literatur sagte, setzt die Erzählerin den Fuss oft nicht dorthin, wo man ihn als nächstes erwartet. Anna Felder arbeitet mit grösster Verdichtung und ist eine Meisterin der „hohen Kunst des Auslassens und Evozierens“ (so Roberta Deambrosis Porträt der Autorin in Viceversa 9). Ihre fragmentarische Erzählweise geht manchmal bis zur Rätselhaftigkeit – doch auch ohne eine unmittelbar nachvollziehbare Geschichte bezaubern die Texte mit ihren Zwischentönen und Anspielungen, mit ihrer leisen Ironie, Melancholie und Musikalität.