Heimliche Bonbons
Neue Gedichte von Thilo Krause und Pius Strassmann
Dass uns findet, wer will heisst der vierte Gedichtband, in dem Thilo Krause sein lyrisches Werk fortspinnt. Die vorangegangenen drei Bände haben längst bewirkt, dass die neuen Gedichte von den Leserinnen und Lesern gefunden werden. Krause zeigt sich darin, einmal mehr, als souveräner Verdichter seiner Beobachtungen, Erfahrungen und – hier besonders ausgeprägt – seiner Erinnerungen. Jürgen Brôcan hat Krause mit allem Respekt einmal als «Dichter einer wohltuenden Normalität, eines heilsamen Durchschnitts» bezeichnet. Seine Gedichte pflegen die poetische Reflexion auf ebenso wohlklingende wie anschauliche Weise.
Dieses Haus wäre meines:
wo der Regen die Wände alle Jahre neu streicht.Ich hätte Türen
für Heute und Morgen zugleich.Der Mond, das ernste Kind
käme mit einem Sack Sterne spielen zu mir.
Im neuen Band versenkt sich der Autor in eine Welt, die einst die seine war und es noch immer ist: Er erinnert sich an die Kindheit und Jugend im Sächsischen vor der Wende 1989 sowie an spätere Besuche und Begegnungen mit den Menschen und Örtlichkeiten von einst. Thilo Krause legt diese Erinnerungsspur chronologisch oder genealogisch an, beginnend mit dem Grossvater, «leichte Hülle, dürres Männchen», ein zerschossenes Bein, der durch nichts zu beirren noch zu vereinnahmen war. «An Grossvater zerschellte / was sie uns an langen Tagen erzählen», in Schule, Freizeit, beim Appell. Thilo Krause zeichnet mit Versen ein eindrückliches Bildnis dieses Menschen, von dem ausser der Erinnerung bloss ein paar Dokumente geblieben sind, «speckig geworden / von Grossvaters Händen». Diese Konzentration, die sich formal in langen Zeilen und ohne Leerzeilen ausdrückt, fächert der Dichter beim nächsten Kapitel über den Vater in ein Dutzend von Rollen auf: der Vater als Vater, als Unbekannter, als Autofahrer … oder als Wissenschaftler, der dem Jungen beim Spazieren den Kosmos, die Evolution und die Schönheit der Fibonacci-Form erzählt. Darauf folgt schliesslich das Kind, der Dichter selbst, der zum Schüler, zum jungen Mann und viele Jahre später zum Besucher in der früheren Heimat wird.
Thilo Krause ist 1977 geboren, bis zur Wende, zum «Verhau aus IKEA und VEB», waren es zwölf prägende Jahre, in denen es galt, sich auszuleben und gleichzeitig zu widerstehen. «Im engen Wohnzimmer», heisst es in einem Gedicht:
hatten sie uns belauert
bis wir gross genug wärenfür ihre eigene Geschichte
von Verdrängung, Krieg und Gewicht.
Diese Themen, diese Räume, diese Zeiten begleiten den Dichter bis heute, wo er in der Schweiz lebt und eine Familie gegründet hat, die inzwischen auf «vier Betten» angewachsen ist. Die Vergangenheit bleibt ihm indes auch hier eingewachsen. Krause findet dafür eine ebenso klare wie den geheimen Kern des Erinnerns umschwebende lyrische Form.
Das Erinnern ähnelt
dem schmalen Saum am Strassenrand
wo das glitzernde Wasser des Tagszurückfriert ins Dunkel.
Das Schwebende lässt die Leserinnen und Leser mit teilhaben, indem sie eigene (Erinnerungs-)Bilder in ihre Lektüre hineinprojizieren. Krause öffnet ihnen mit seinen Versen, die gerne in doppelzeiligen Strophen angeordnet sind, Räume für eigene Vorstellungen. Vor allem aber ist es die gleichermassen lichte wie kompakte «Sprache / Das heimliche Bonbon», das seine Lyrik auszeichnet. Die Bilder, die er findet, sind so schlicht wie anschaulich, die Worte wirken nie gestelzt, auch wo sie das Alltägliche im vollendet Poetischen aufheben. Die zweifache Erwähnung des wunderbaren Dichters Johannes Bobrowski verortet Krauses Lyrik zusätzlich, poetisch wie geografisch: dessen «Sarmatien» (das nordöstliche Europa) klingt auch bei ihm an. So ist es kein Zufall, dass Bobrowski das letzte «Wort um Wort» in diesem Band gehört:
mit dem müden Mund
auf dem endlosen Weg
zum Hause des Nachbarn
Pius Strassmann: erinnerungsleicht
Direkter in seinem lyrischen Ausdruck zeigt sich Pius Strassmann in erinnerungsleicht, seinem inzwischen siebten Gedichtband. Die Anrede ans Gegenüber ist unmittelbar, der Blick ins Äussere unbefangen, die Dinge meinen ganz sich selbst. Dafür repräsentativ ist das zweitletzte der Gedichte, das unterschwellig ins interpretatorische Wespennest sticht. «ich seh auch nur die lampe» heisst die erste Zeile, und als Fussnote steht der Hinweis «Zur Lektüre von Auf eine Lampe, Eduard Mörike». Kaum ein anderes Gedicht hat in der neueren Literaturgeschichte derart viel Wirbel verursacht wie der Disput zwischen Emil Staiger und Martin Heidegger über die letzte Mörike-Zeile: «Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst». Ihre verknotete ästhetische Debatte lässt Strassmann ins Leere laufen, indem er die Lektüre «wort für wort» aufhebt in einem sich weitenden Bild, das den Raum mitliest und das Rauschen wahrnimmt, das nachts manchmal in den Wasserrohren zu hören ist. Dieser Zugang mag naiv erscheinen, er ist vor allem aber ungekünstelt und unverstellt.
In seinen Gedichten sucht Strassmann, der auch Musiker ist und Unterricht in Blockflöte erteilt, dem Du, den Dingen, der ihn umgebenden Natur, dem Stadtraum nahe zu kommen, ohne sich in lyrischen Kringeln zu winden. Sein Blick zeugt von inniger Anschauung.
such im verebbenden
die harmonie
kein verlauf
nur präsenz
im stimmenhaus
Zwischen den Zeilen werden dabei konkrete Orte und biografische Begebenheiten sichtbar, die hin und wieder in Fussnoten auch kurz erwähnt sind. Darin wird sichtbar, dass die Lyrik auch ein Mittel ist, eigenes Erleben in neuer Form aufscheinen zu lassen und so aufzubewahren. «das wäre eigentlich alles», schliesst ein Gedicht über eine kurze Begegnung «an der gibraltarstrasse» – mehr will es nicht sein. Diese Unmittelbarkeit verzeiht auch etwas konstruiert wirkende Wortverbindungen wie «lehrlingssichert» oder «punktkleinigkeit». Viel effektvoller sind die lyrischen Widerhaken, die der Autor scheinbar unbefangen in seine Gedichte setzt. Die Zeile «aus reden ein gespräch» offenbart auf kleinstem Raum einen eklatantes Dilemma: das Gespräch als Ausrede? Oder: «allein bleibt die welt weg» klingt so beengend wie öffnend. Und was ergibt sich, wenn Scheit um Scheit in den Korb geworfen wird:
über den scheitern
darin unsre wünsche rauschend
verglühn
Unvermittelt öffnet Pius Strassmann hier die Bedeutungsweite seiner Zeilen und verleiht ihnen doppelten Boden.