Nachruf auf Hanna Johansen (1939-2023)

Fokus vom 24.07.2023 von Dominik Müller

Die literarische Erinnerungskultur wird immer lückenhafter. Von den Büchern, die vor dreissig, vierzig Jahren als literarische Würfe bestaunt wurden, behält ein schwer durchschaubarer Selektionsprozess bloss noch eine Handvoll im Gedächtnis. Hanna Johansen sind mit Trocadero (1980) oder Die Analphabetin (1982) solche Würfe gelungen. Die Sammlungen Über den Wunsch, sich wohlzufühlen (1985) und Die Schöne am unteren Bildrand (1990) enthalten Texte, die als «Meistererzählungen» bezeichnet wurden, eine Charakterisierung, der man zuzustimmen müsste, wenn sie nicht viel zu männlich konnotiert wäre. Vielleicht würde es zu Johansens widerborstig humorvollen Eintreten für die Sache der Frau besser passen, von Hexenwerk zu sprechen.

Hanna Johansen lebte seit 1972 im Kanton Zürich, sie ist am 25. April 2023 84-jährig gestorben. Die Feuilletons nahmen davon kaum Notiz. Nicht einmal die Neue Zürcher Zeitung, die noch vor wenigen Jahren der Schweizer Literaturszene zuverlässig und professionell den Puls nahm, hielt Hanna Johansen eines Nachrufs würdig. Erfreulicherweise haben die Verlage die Mehrzahl der Bücher von Hanna Johansen bisher lieferbar gehalten.

Unvergesslich und bezeichnend für die Autorin ist der Alptraum der Frau in Trocadero: Aus zwei armseligen Fischen muss sie ein Festessen zubereiten für eine Gruppe von Männern, die an einer Abrüstungskonferenz vor allem sich selber in Szene setzen. Sie darf nicht mit einem Vermehrungswunder rechnen. Mühselig ist schon allein das Herausklauben der von Mexiko eingeflogenen Delikatessen aus der komplizierten, aufgeweichten Verpackung. Die Frau ist gefangen in dem kafkaesken Palast, der dem Buch den Namen gibt, ein verstaubtes Abendlandmuseum, verloren in ihren kreisenden Gedanken und Schuldgefühlen. Wach aber ist ihr schonungsloser Blick und der für Johansen so typische trockene Witz, mit der sie sich als Erzählerin in eigener Sache von ihrer Situation illusionslos Rechenschaft zu geben weiss. Man staunt, wenn man Trocadero heute aufschlägt, über den literarischen Wagemut, mit der Hanna Johansen ihre fiktiven Welten vor uns hinstellt. Geläufige Realitätserfahrungen werden verfremdet. Männliche und weibliche Denk- und Verhaltensmuster treten dafür umso schärfer hervor. Johansen brauchte nie gesuchte Stoffe oder exotische Schauplätze, um uns mit Fremdheit zu konfrontieren. Es genügt eine Sicht aufs Alltägliche, die sich von Vertrautheit vorgaukelnden Deutungsgewohnheiten frei gemacht hat. Der Blick des Kindes ist für diese Wahrnehmungsweise prototypisch. Er bestimmt die Erzählperspektive in Die Analphabetin (1982). Hanna Johansen verarbeitet darin die Erinnerung an ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs in Bremen. Weil sie weniger weiss, sieht die Analphabetin mehr. Sie hält nichts von geölten «Erklärungen, die allen Erfahrungen widersprechen». Hanna Johansen verzichtet auf kämpferische Parolen, auf starke weibliche Heldinnen, wenn sie sich auf ihre Weise für die Sache der Frau engagiert. Sie inszeniert Frauen, die sich unsicher und fremd fühlen. Sie können sich von den Rollenschemata nicht ganz befreien, uns aber mit lächelnder Unversöhnlichkeit die Augen öffnen. Sie tragen keine Triumphe davon, sondern eher eine mit mehr oder weniger Gelassenheit getragene Traurigkeit. Den trockenen Witz als eine eher seltene Waffe des Feminismus teilte Hanna Johansen mit Zeitgenossinnen wie Margrit Baur und Maja Beutler.

Dass Hanna Johansen mit dem Kinderblick vertraut blieb, ist vielleicht nur eine scheinbare Erklärung dafür, dass sie für Kinder schrieb. Das passierte zuerst für die beiden eigenen Buben. Nach der Veröffentlichung ihres Erstlings Die stehende Uhr (1978) unter dem Pseudonym Hanna Johansen liess sie unter ihrem bürgerlichen Namen Hanna Muschg ihr erstes Kinderbuch erscheinen. Bis ihre Ehe mit Adolf Muschg Mitte der 1980er Jahre geschieden wurde, erschienen auch die weitern Kinderbücher unter dem Namen Muschg. Mit an die zwanzig Titel übersteigt die Zahl der Kinderbücher die auch nicht geringe der «Erwachsenenbücher». Zahlreiche Auszeichnungen und viele Übersetzungen zeugen davon, wie sehr Hanna Johansen als Kinderbuchautorin geschätzt wurde. Unter anderem erhielt sie 1990 den Schweizer Kinderbuchpreis und 1993 den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Unter allen ihren Büchern ist Universalgeschichte der Monogamie (1997) das umfangreichste. Geblieben ist der literarische Wagemut der Werke aus den 80er Jahren, aber die Askese, die sich klare Rahmen setzt, die erzählerische Ökonomie und die sprachliche Lakonie haben einer virtuosen Spielfreude Platz gemacht: Die Autorin hat den Schritt von der Moderne zur Postmodere vollzogen. Es tritt uns eine Erzählerin entgegen, die fröhlich austeilt, die ihren Witz offensiv ausspielt und die Leserinnen auf der einen und die Leser, denen unterstellt wird, bloss Diagonalleser zu sein, auf der anderen Seite in eine geistreiche Unterhaltung verwickelt. Die Ironie fängt mit dem Titel an. Es geht, wie auch schon in der Trennungsgeschichte der *Kurnovelle" (1994), um die Lebbarkeit ehelicher Treue. Dabei gelingt es der Autorin bei allem Humor auch klar zu zeigen, dass es ihrer Protagonistin in ihren Nachforschungen überhaupt nicht nur ums Lachen ist. Das Buch, das sich ständig selber thematisiert, wird als Ersatz für eine Dissertation über die Monogamie ausgegeben, welche zu schreiben der Erzählerin bald zu fad geworden ist. Es kann so auch als eine Wissenschaftssatire gelesen werden. Viel ist die Rede vom Paarverhalten im Reich der Vögel, womit die Tiere, die in Johansens Kinderbüchern allgegenwärtig sind, nun in ihrer Literatur für Erwachsene ankommen und auch hier für Schmunzeln sorgen. Dabei kann man sich fragen, ob eine Art zoologischer Blick nicht von jeher schon Johansens Darstellung der Zweibeiner so sprechend machte, dass man sich beim Lesen sagt: «die oder den kenne ich doch!»

Der Herbst, in dem ich Klavierspielen lernte (2014), 2015 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet, und Bilder, Geschichten vom Sehen (2022) sind Altersbücher im besten Sinn, Bücher von jemandem, der nichts mehr zu beweisen hat, nicht mehr aufmüpfig zu sein braucht, ohne sich mit der Welt deswegen einverstanden zu erklären. Unmittelbarer autobiographisch, erzählen die beiden Bücher vom Alltag, vom Umgang der Schriftstellerin mit zwei Schwesterkünsten der Literatur, blicken zurück und legen dabei auch Hintergründe des früheren Schaffens offen.

Die letzte Publikation, die noch zu Lebzeiten von Hanna Johansen erschien, ist eine von Uwe-Michael Gutzschhahn betreute Sammlung ihrer verstreut erschienen «Gedichte für Kinder»: Alphabet der Träume (dtv 2022). Umschreibt die Autorin, die sich mit ihren phantasievoll verfremdeten Büchern nie anbiederte, im «Hexengedicht» ihr eigenes Tun als Geschichtenerzählerin?

Wenn euch mein wildes Hexen stört,
dann hex ich, dass mich niemand hört,
und hexe weiter hier und dort
und krumm und grad in einem fort
und kurz und lang, davor, dahinter
und Gut und Böse, Sommer, Winter,
drinnen und draußen und unten und oben,
hab schon die ganze Welt verschoben.