Zum Tod der Autorin Ruth Schweikert (1964-2023)

Ruth Schweikert. Im Dickicht der Familienbande

Fokus vom 06.06.2023 von Ruth Gantert

»Die Ratgeberliteratur befindet sich im zweiten Stock!« – so die junge Buchhändlerin zu der Kundin, die nach Ruth Schweikerts Wie wir älter werden fragt. Dieser Fauxpas geschah wohl, bevor die Autorin mit dem Buch einen der Schweizer Literaturpreise 2016 gewann und im gleichen Jahr für ihr Gesamtwerk mit dem Solothurner Literaturpreis und mit dem Kunstpreis der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde.
Seit Ruth Schweikert ihren ersten Band mit sieben Kurzgeschichten veröffentlichte, war jedes ihrer Bücher ein Ereignis. Auf Erdnüsse. Totschlagen (Zürich: Rotpunktverlag, 1994) folgte 1998 ihr erster Roman Augen zu und 2005 ihr zweiter, Ohio, beide im Zürcher Ammann Verlag. Zehn Jahre verstrichen bis zu Wie wir älter werden, nach der Schließung des Ammann Verlages im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main erschienen, der auch die früheren Bücher der Autorin wieder auflegtem, und in dem 2019 ihr letztes Buch, das Krebstagebuch Tage wie Hunde erschien.

»stinkfrech alles aufschreiben«

Ruth Schweikert mutet ihren Leserinnen und Lesern einiges zu: Bereits in der ersten Geschichte des Bandes Erdnüsse. Totschlagen, »Port Bou«, ist von Kindsmissbrauch und sexueller Belästigung die Rede – wobei diese Begriffe nicht fallen, die entsprechenden Szenen aber unmissverständlich beschrieben werden – von Totgeburten und unehelichen Kindern, die sich gegen ihre Mutter verschwören, von verwahrlosten, alternden Körpern, Begehren und Ekel, Bulimie und Erbrechen, Alkohol und Zigaretten, Geldknappheit und sexueller Not. Zwei Frauenleben werden parallel erzählt, in einer filmischen Technik gegeneinander geschnitten. Es handelt sich um Mutter und Tochter, die eine 1930 in Süddeutschland, die andere 1965 in der Schweiz geboren. Die Mutter Roswitha hat in armen Verhältnissen den Krieg überlebt und arbeitet danach als Sekretärin, bis sie sich durch die Ehe mit einem Schweizer Zahnarzt einen gewissen Wohlstand sichert. Aus der Erzählung über Mutter und Tochter in der dritten Person meldet sich plötzlich ein Ich zu Wort: Es ist die in einer Schweizer Kleinstadt aufgewachsene, namenlose »Mittelschichtstocher«, die von Gelegenheitsjobs lebt. Die Schule hat sie abgebrochen, weil sie schwanger wurde. Nun hat sie drei Kinder von drei verschiedenen Liebhabern, ist unverheiratet und »ungeküsst«, wenn man von ihrem Vater absieht. Die 27-jährige verlässt ihre von der katholischen Kirche »gesponserte« Wohnung und reist nach Port Bou, dem Ort, an dem sich der jüdische Philosoph und Autor Walter Benjamin 1944 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten das Leben nahm. Die Geschichte beginnt und endet mit einem Zitat aus Walter Benjamins Aufsatz »Schicksal und Charakter«.
Die sechzehn Seiten dieser ersten Erzählung vereinen viele für Ruth Schweikerts Werk wichtige Themen: Die Familie mit ihren Verstrickungen in Liebe, enttäuschte Erwartungen, Schuld und Scham; Staat und Gesellschaft mit ihren Institutionen, die auf Scheinheiligkeit und patriarchalen Machtstrukturen beruhen; der Körper, der sich Versuchen der Domestizierung widersetzt und mit Suchtmitteln oder Medikamenten traktiert wird, die Auseinandersetzung mit der privaten und kollektiven Vergangenheit, insbesondere der Zeit des zweiten Weltkriegs, und mit philosophischen und künstlerischen Fragen.

» ... Mutter will sich nicht erinnern an das Fräulein von 1957, das sie ja einst war, und wenn sie sich erinnern wollte, würde sie mir, ihrem Tochterfräulein, niemals Details über ihr erotisches Vorleben preisgeben, sie weiß ja, ich würde sie missbrauchen, ich würde mir stinkfrech alles aufschreiben; ...«

Nicht nur »stinkfrech«, sondern auch wütend, trotzig, kraftvoll, ironisch und analytisch ist die Stimme, die sich da erhebt – die sieben Erzählungen von Erdnüsse. Totschlagen sind eine Wucht. Den drastischen Themen wie Kindsmord, Suizid, Nazivergangenheit, Depression, Essstörung, körperliche und psychische Gewalt, Unfall, Krankheit und Tod entspricht eine unverblümte, innovative Sprache, die etwas Zügelloses, Ungezähmtes hat. Lange, mit Semikolon oder Doppelpunkt unterteilte Sätze wechseln mit kurzen Ausrufen oder lapidaren Feststellungen ab, neue Wörter entstehen in erfinderischen Aneinanderreihungen: Das Gymnasium (die »Aquarium« genannte Kantonsschule Aarau) ist eine »Elitefischzuchtanstalt«, die mit dem »Maturitätszeugnisüberreichungsvormittag« endet, der Liebespartner ein »Todestrostkörper«, dem Kind wird die Erbsünde »wegnotgetauft«.

Der Roman als »Speicher für Lebenszeit«

»Als Kind wünschte ich mir an manchen Tagen schon frühmorgens dringend etwas, das nicht Milch hieße und Butter und das tägliche Brot gib uns heute. Und es reichte auch nirgends hin, noch fünf Minuten länger im Bett zu bleiben und mir meine Haare stark und schwarz und gelockt vorzustellen.«

Der erste Roman der Autorin beginnt mit dem dichten und berührenden Kurztext »Vorausgesetzt«. Symmetrisch dazu endet das Buch mit zwei »Nachgestellt« überschriebenen Seiten, die »einem Kind, das namenlos starb und vor seiner Geburt« gewidmet sind. Zwischen diesen beiden Klammern in der ersten Person wird aus dem Leben der Malerin Aleks Martin Schwarz erzählt, die eigentlich Alexandra Martina Heinrich heißt, aber seit ihrem zwölften Jahr ein Junge sein wollte und ihren Namen deshalb geändert hat. Das Buch beginnt und endet am sechzehnten Juni 1995, an dem Aleks dreißig Jahre alt wird. Die Mutter zweier Söhne lebt von deren Vater Silvio getrennt und zeugt an jenem Tag mit ihrem Geliebten Raoul ein Kind, das fünf Monate später auf einer Toilette des Zürcher Hauptbahnhofs tot zur Welt kommt.

Immer wieder kehrt der Roman in die Vergangenheit zurück und erzählt bruchstückhaft sowohl Aleks’ wie auch Raouls Familiengeschichte. Im zweiten Weltkriegs stand Aleks’ Schweizer Vater als junger Soldat an der Grenze, während die deutsche Mutter dreizehnjährig bei einem Bombenangriff verschüttet wurde. Raouls Mutter Ingeborg Lieben hingegen war als Wiener Jüdin nach Frankreich emigriert und hatte so als einzige ihrer Familie überlebt, Raouls Vater habe sich, so sagt sie, das Leben genommen. Eine wichtige Rolle spielt aber nicht nur die Vergangenheit und ihre Auswirkung auf das Leben der einzelnen Figuren, sondern auch die Zukunft, die sich immer wieder ankündigt und so ins Leben der Personen eingreift. Im München trifft Aleks zufällig ihre tschechische Halbschwester Alexandra, die ihr als Wahrsagerin den »Coup de foudre« prophezeit, der ihr Leben aus den Fugen bringen wird. Aleks selbst sagt an ihrem Geburtstag zu Raoul, »wir werden ein Kind haben, aber zuerst verlieren wir eins.«

Für eine ihrer Arbeiten klebt Aleks Texte auf Karton, übermalt sie mit verschieden Schichten schwarzer Farbe und legt sie in offene Schachteln. Eine Kunstkritikerin bezeichnet die Schwärze ihrer Werke als »Speicher für Lebenszeit«. Dieser Vergleich gilt sinnbildlich auch für Ruth Schweikerts Romane, die nie chronologisch erzählen, sondern von einem Datum ausgehend in einzelne Szenen der Vergangenheit zurückblenden und in die Zukunft vorausschauen. Nicht nur die Hauptfiguren erhalten so Tiefenschärfe, sondern auch jeder nur einmal auftauchenden Nebenfigur widmet die Autorin einen wachen Blick und einen ihrer präzise konstruierten Sätze:

»Das Kleinkind hatte schwarzgelocktes Haar, im Gesicht ein Feuermal, das man später mit Laserstrahlen wegbehandeln würde, und es winkte minutenlang, als hätte jemand es aufgezogen, sein rechter Arm ein mechanisches Spielzeug, dem verschwundenen Motorrad nach, bevor es, niemandes Herz zerreißend, zu weinen anfing.«

»Was stimmt jetzt in Echtigkeit?«

Wie Augen zu erzählen auch Ohio und Wie wir älter werden Familiengeschichten, ausgehend von einem bestimmten Datum. In Ohio ist es der 16. Oktober 2001, an dem der 36-jährige Andreas in Durban, Südafrika, ins offene Meer hinausschwimmt und nicht mehr zurückkehrt. Er hinterlässt Merete, die sich in einen anderen Mann verliebt hat, und die beiden gemeinsamen Söhne, zu denen sich eine Halbschwester gesellen wird. Wie wir älter werden beginnt am 30. Dezember 2013 mit dem alten Ehepaar Jacques und Friederike, die zusammen drei erwachsene Kinder haben, zwei Söhne und eine Tochter. In beiden Romanen wachsen Kinder mit einer Lebenslüge auf, und beide Male geht es um die biologische Elternschaft, die nicht mit der sozialen übereinstimmt: Merete entdeckt erst als Erwachsene, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, sondern in Südafrika adoptiert wurde. Die Kinder von Jacques und Friederike erfahren, dass ihr Vater ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, seiner Jugendliebe Helena, unterhält. Wie sich herausstellt, sind zwei von Helenas drei Töchtern nicht von deren Mann Emil, sondern von Jacques, was beide Paare wussten und ihren Kindern verheimlicht haben. Es ist nicht die einzige Unwahrheit zwischen den Generationen: Friederike rechtfertigt eine längere Abwesenheit von Jacques ihrer Tochter Kathrin gegenüber mit einem »Sprachaufenthalt«, während er in Wirklichkeit einer Gefängnisstrafe geschuldet ist. Eltern geben an Kinder weiter, was sie zum Teil selbst erfahren haben: Als Kind in Kriegsdeutschland wurde Friederike von ihrer Mutter verschwiegen, dass der Vater an der Front gefallen war.
»Das Unerträgliche ist nicht die Unwiederholbarkeit, sondern der Zwang zur Wiederholung, diese ganze Familie, diese ganze disparate Beerdigungsgesellschaft, ist ein einziger Haufen von Wiederholungstätern«, hieß es in der Erzählung »Schlafbetrunken« aus Erdnüsse. Totschlagen. In den beiden neueren Romanen weichen Wut und Anklage eher der Nachdenklichkeit und dem Bewusstsein der menschlichen Unzulänglichkeit – auch derjenigen, die versuchen, mit ihren Eltern, Lebensgefährten und Kindern eine ehrliche Beziehung zu leben. Merete kann ihrem kleinen Sohn keine eindeutige Antwort geben, als er von ihr wissen will »Was stimmt jetzt in Echtigkeit?«, und Wie wir älter werden steht unter dem Zeichen einer anfangs zitierten Stelle aus dem Tagebuch von Max Frisch: »Wir können nur, indem wir den Zickzack unserer jeweiligen Gedanken bezeugen und sichtbar machen, unser Wesen kennenlernen, seine Wirrnis oder seine heimliche Einheit, sein Unentrinnbares, seine Wahrheit, die unmittelbar nichts aussagen können, nicht von einem einzelnen Augenblick aus – «.


»Ich liebe überflüssige Sätze«
Gespräch mit Ruth Schweikert

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? War es schon früh Ihr Traum, Autorin zu werden, oder war es eine schwierige Berufsfindung?

Es war schon ein Kindertraum, mit acht oder neun, als ich für mich das Lesen entdeckte. Ich habe Internatsromane gelesen und auch angefangen, einen zu schreiben. Aber in Erinnerung ist mir vor allem ein Aufsatz in der Primarschule, wohl in der fünften Klasse. Wir mussten eine Reportage schreiben und ich habe den Bahnhof Aarau gewählt. Ich habe da den Tag verbracht und durfte mit dem Stationsvorsteher sprechen und mir die Signalanlage erklären lassen. Beim Schreiben dachte ich plötzlich: Was mache ich hier eigentlich? Ich notiere Dinge und verwende sie, aber es wäre auch interessant zu sehen, wie man von den Notizen zu einem Aufsatz kommt. Ich weiß noch, dass ich dann sowohl die Notizen als auch den daraus entstandenen Text zur Disposition gestellt habe. Das war eine Ur-Erfahrung dessen, was es heißen kann, Realität in eine Form zu bringen. Wie viel Behauptung steckt darin, was geht dabei verloren? Wie konstruieren wir aus unzusammenhängenden Eindrücken und Wahrnehmungen eine Geschichte? Das hat mich mit etwa elf Jahren enorm beschäftigt.

Und das beschäftigt Sie auch heute noch.

Ja, genau, da habe ich offensichtlich etwas für mich gefunden. Es gab im Unterschied zu den Internatsromanen eine Ur-Erfahrung von Literatur, und das war Theodor Storms Pole Poppenspäler. Auch hier faszinierte mich die Form, die Rahmen- und die Binnenhandlung: Ein Puppenspieler erzählt eine Geschichte. Wann und wie merkt man, dass es seine eigene Geschichte ist? Außerdem geht es um eine schwierige Liebe voller Hindernisse und um eine Künstlerexistenz. In der Kantonsschule entdeckte ich die Lyrik. Zu jener Zeit schrieb ich einen Aufsatz über die Aare – oder war es über das Schicksal? –, der so begann: »Die Aare fließt. Sie erfüllt ihr Fatum.« Dann kam aber eine »Hoffmannsthalsche« Krise: Beeinflusst von Bachmanns Gedicht »Reklame« hatte ich das Gefühl, dass Sprache verbraucht sei, dass sie nur noch zu Werbezwecken eingesetzt werde. Ich spielte Theater und verließ die Schule ein Jahr vor der Matura, weil mir ein Consilium Abeundi, der Ausschluss, drohte.

Was hatten Sie denn angestellt?

Ach, ich war unzuverlässig. Ich war Mitglied des Theaterclubs und seit kurzem des Filmclubs. Als solches durfte man eigentlich an die Solothurner Filmtage gehen, aber die Erlaubnis galt nicht für mich, was ich nicht mitbekommen hatte. Ich ging aber sowieso stattdessen an den Tag der Offenen Tür der Schauspielakademie Zürich und erzählte dort auch noch einer Journalistin, ich schwänze die Schule, wodurch das Ganze aufflog. Mein Vater sagt heute noch, er hätte ohne den drohenden Ausschluss nicht unterschrieben, dass ich das Gymnasium abbreche. Die Lehrer waren darüber ganz erschrocken, sie hatten die Drohung wohl nicht so ernst gemeint. Ich lernte dann zuhause mit alten Akad-Heften und bestand die eidgenössische Matura noch im gleichen Jahr wie meine früheren Mitschüler.

Und dann studierten Sie Germanistik?

Nein, Biologie. Mit achtzehn zog ich von zuhause aus. Mit meinem ersten Lebenspartner lebte ich in einer Wohnung des Vereins für Jugendhilfe in Zürich. Mit 21 Jahren, im Oktober 1985, bekam ich meinen ersten Sohn. Damals gab es noch keine Kinderkrippen, und die Vorstellung, dass Frauen auch mit kleinen Kindern arbeiten könnten, lag in weiter Ferne. Die Frage nach der weiblichen Kreation hat mich über einige Jahre sehr beschäftigt. Ich las Virginia Woolf, Ingeborg Bachmann, später Marie-Luise Fleißer, Sylvia Plath. Das waren ja alles tragische Existenzen, die entweder am Leben oder am Schreiben zugrunde gegangen sind.

Wie vereinbarten Sie denn damals Familie, Ausbildung und Arbeit?

Ich habe das Studium zuerst ein Jahr ausgesetzt und mit meinem Lebenspartner John Osbornes Blick zurück im Zorn gespielt. Meine Mutter hütete das Baby, und ich stillte es zwischendurch. Margot Gödrös führte Regie. Dann entschied ich, in Ulm auf die Schauspielschule zu gehen. Während der drei Jahre dort überkam mich immer wieder anfallartig das Schreiben. Kleist war damals sehr wichtig für mich, und Shakespeare.

Haben Sie von Kleist Ihre langen, verschlungenen Sätze? Gab es andere Auslöser für Ihr Schreiben?

(Lacht). Ja, ich bin an Kleist geschult, und am Latein. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie prägend diese frühen Erfahrungen sind. 1989 kehrte ich ohne Abschluss nach Aarau zurück, denn mein zweiter Sohn wurde geboren, und es war klar, dass ich mit den beiden Kindern alleine leben würde. Da fing ich an, in Zürich Germanistik, Kunstgeschichte und Filmwissenschaft zu studieren. Auch dieses Studium brach ich ab – um zu schreiben. Auslöser war »Die Pechbindung« von Thomas Hürlimann aus dem Band Die Tessinerin: Ein »Fräulein« wird mit verschiedenen Herren, darunter dem Ich-Erzähler, in Verbindung gebracht. Dabei stellt sich die Frage: Wie komme ich zu einem Stoff, und wer erzählt? Damals schrieb ich meine erste Kurzgeschichte, »Port Bou«, in der es um zwei »Fräuleins« geht, Mutter und Tochter. Da war mir auch klar, dass ich einen Ton gefunden hatte – ohne danach gesucht zu haben. Das Schreiben ist aus dem Schweigen und der Einsamkeit entstanden.

Und wie traten Sie aus der Einsamkeit in die Öffentlichkeit?

1991 gab es in Olten eine Veranstaltung »Frauen und Literatur« – das klingt jetzt nach grauer Vorzeit (lacht). Claudia Storz hat mich dazu ermuntert, ich kannte sie aus einem Kantonsschulprojekt. Ich hatte ihr erzählt, dass ich ein Buch schreibe mit dem Titel Die Haut der Erinnerung, natürlich angelehnt an Balzacs Peau de chagrin. An der Lesung waren vielleicht zwanzig Leute und zwei davon, die Autorin Helen Meier und Silvia Ferrari, meine spätere Lektorin beim Rotpunktverlag, kamen danach zu mir und sagten, ich müsse weitermachen. Ich verdiente damals neunzehn Franken in der Stunde mit Kerzenziehen, inklusive zwei Franken Kinderzulage pro Kind. Das erste Buch schrieb ich gegen jede Vernunft. 1993 las ich im »offenen Block« in Solothurn und lernte Peter Weber kennen, der mich ins »Netz« einlud, einen Verbund junger Schweizer Autorinnen und Autoren, mit Perikles Monioudis, Tim Krohn und anderen. 1994 gewann ich in Klagenfurt das Bertelsmann-Stipendium mit einem Text, der »Fünfzig Franken« hieß. Es ist die Geschichte einer Frau, die mit Telefonsex arbeitet und in 25 Minuten fünfzig Franken verdient. Das war auch eine Auseinandersetzung mit der Situation der 25-minütigen Lesung in Klagenfurt. Dann war ich plötzlich Autorin und schrieb viele Texte auf Bestellung.

Ihre Bücher erscheinen hingegen in recht langen Abständen ...

Ja, 1997 bekam ich Zwillinge, 1998 erschien das zweite Buch, Augen zu, und ich hielt als Vertreterin der Deutschschweiz die fünfminütige Eröffnungsrede an der Frankfurter Buchmesse, als die Schweiz Gastland war. Im gleichen Jahr wurde im Theater Neumarkt mein Theaterstück Welcome home aufgeführt. Manchmal denke ich, wenn ich dort gleich angeknüpft hätte, hätte ich eine ganz andere Karriere gemacht. Aber mir war es immer sehr wichtig, im gleichen Maß zum Familienunterhalt beizutragen wie mein Mann. Ohio erschien 2005, mein jüngster Sohn wurde 2007 geboren, und Wie wir älter werden erschien 2015. Aber ich habe noch immer ein ambivalentes Verhältnis zum Schreiben. Ich bin keine Autorin, die täglich schreibt und Texte in der Schublade hat. Der Anfang ist immer harzig – und die letzten vier Monate, bevor ich ein Buch abgebe, sind für mich intensiv und für meine Umgebung schwer erträglich.

Wie kommen Ihnen die Ideen für Ihre Bücher, und wie ist Ihre Arbeitsweise?

Ach, Ideen habe ich hunderte, das können meine Studenten bestätigen. Aber für mich reicht es nicht, Ideen zu haben, es braucht eine Dringlichkeit. Das Buch, an dem ich gerade arbeite – da ist jeweils alles drin. Alles, was ich in dieser Zeit zur Verfügung habe. Es hat nicht ein Thema, ein Setting, obwohl sich dann doch so etwas einstellt. Aber innerhalb dessen muss alles möglich sein, jede Abschweifung und Verästelung. Ich versuche in jedem Buch, etwas vom Schreibprozess selbst abzubilden. Die Form entwickelt sich erst mit dem Schreiben, sie liegt in der sprachlichen Ausgestaltung und nicht etwa darin, dass kein überflüssiger Satz in dem Buch steht, wie Kritiker gerne betonen. Ich liebe überflüssige Sätze! Und ich möchte keine Texte schreiben, die weniger komplex sind als meine Welt- und Lebenserfahrung. Während des Schreibens höre ich die Sätze immer, obwohl ich sie mir nie laut vorspreche. Und ich kann nicht aufhören, bis ein Satz für mich die Tonalität hat, die er braucht, den Rhythmus, den Atem, die Spannung – ob es nun ein literarischer oder ein essayistischer Text ist. So gehe ich bestimmten Dingen nach und schaue, wohin sie mich führen. Das finde ich sehr anstrengend, aber ich kann einfach nicht anders arbeiten.

Welcher Art sind diese Dinge, denen Sie nachgehen?

Wie wir älter werden beginnt und endet mit dem Bild der alten Friederike, die mit dem Rücken zum Fenster dasitzt. Das habe ich bei meiner Mutter so gesehen. Warum aber ließ mich das Bild nicht los? Dass der Oberkörper und die rechtwinklig ausgestreckten Beine die Zeiger einer Uhr bilden, die auf viertel nach zwölf steht, dass die alte, in sich zurückgezogene Frau also ihre Zeit überdauert hat – darauf komme ich erst beim Schreiben. Manchmal gehe ich auch von einem Satz aus: Eine Freundin sagte mir, als ihr kleiner Sohn gestorben sei, sei es wie eine umgekehrte Geburt gewesen. Bei der Sterbeszene von Andrea, einer anderen Person im Buch, hatte ich diesen Satz im Sinn.
Ich gehe immer Lebensphänomenen nach. Friederike ist erfunden, sie ist nicht meine Mutter – aber an dem Tag, an dem ich Wie wir älter werden abgeben sollte, rief mein Vater an, meine Mutter liege im Sterben. Statt dass ich das letzte Kapitel meines Buches schrieb, erlebte ich es. Solche existenziellen Erfahrungen mache ich immer wieder beim Schreiben, deshalb kann ich nicht irgendwelchen Ideen oder Plots folgen.

Ein häufiges Motiv in Ihren Büchern ist die Schuld, sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene, was interessiert Sie daran?

Das historische Erbe hat mich immer beschäftigt. Ich bin Kind einer Deutschen, deren Vater zwar kein Nazi war – er wurde als Lehrer zwangsversetzt – dann aber doch Parteimitglied wurde. Und ich bin verheiratet und habe Söhne mit einem Mann (dem Filmregisseur Eric Bergkraut, A.d.R.), dessen Vater vor den Nazis fliehen musste. Wie frei sind wir, was prägt uns, was manifestiert sich, was transportiert sich in uns? Was wird verfolgt »bis in das siebte Glied«, wie es in der Bibel heißt? Die Frage der Schuld war lange zentral für unsere Gesellschaft, kürzlich habe ich gelesen, sie werde jetzt von der Scham abgelöst.

Mit der Scham, der dieser Viceversa-Band gewidmet ist, befassen Sie sich im vorhergehenden Text – ist das im Moment ein wichtiges Thema für Sie?

Ja, mit der Scham beschäftige ich mich in meinem nächsten Buch, in dem ich einer Krankheitserfahrung nachgehe. Ich hatte letztes Jahr Brustkrebs. Mein erstes Gefühl nach der Diagnose war Scham. Krankheit ist tatsächlich stark mit Scham behaftet. Heute muss man ja alles optimieren, fit sein, perfekte Kinder haben, einen tollen Job ... Nachdem Gott tot ist, haben wir wie Nietzsche keine andere Wahl, als uns selbst zu vergöttlichen. Die Dimension des Glaubens ist nicht weg, sondern hat sich auf uns übertragen: Wir sind unseres Glückes Schmied. Wer da nicht das Beste aus sich selbst macht, erfährt Verachtung – und wer darauf verwiesen wird, dass sein Körper schwach oder sterblich ist, empfindet ein Schamgefühl.

In Ihren Büchern sind Kindheitserinnerungen häufig schamvoll.

Ja, das ist die Scham über die eigene Naivität, über den Zustand der Unschuld. Seit der Ursünde im Paradies erinnert die Scham an diesen ursprünglichen Zustand. Ich finde es übrigens interessant, dass selbst Adam und Eva immer mit Bauchnabel gemalt werden, der doch ein Zeichen dafür ist, dass wir menschengeboren sind. Der Nabel ist der Sitz der Scham, er verweist auf die Ursünde und darauf, dass wir nicht Gottes Geschöpfe sind, sondern von Menschen gemacht. Auf allen Bildern erscheinen Adam und Eva mit Nabel, als ob wir nicht auf diese Differenz verwiesen werden dürften.

Die Scham ist aber auch mit dem Schreiben verbunden, zumindest für die Figur der Autorin Kathrin in Wie wir älter werden, die beim Lösen von Sudokus vergisst, dass sie sich dafür schämt, was sie geschrieben hat. Worin liegt diese Scham begründet?

Eben darin, dass der Text so tut, als hätte er nur so und nicht anders geschrieben werden können. Er behauptet in Klang, Rhythmus und Bedeutungsaufladung eine Art von Perfektion, die verbirgt, dass er menschengemacht ist. Ich reibe mich daran, dass die Kraft der literarischen Sprache ihre Form ist, die das Chaos für eine gewisse Zeit bewältigt – darin liegt wohl auch ein religiöses Element. Und doch beruht der Text immer auf Entscheidungen, die auch anders ausfallen könnten.

Bücher und Kinder als menschengemachte »Kreationen« – gibt es da für Sie eine Verbindung?

Laut Walter Benjamin ist der Autor »der männliche Erstgeborene des Werkes, das er einstmals empfangen hatte« ... Und die Autorin? Auch hier kreisten meine Gedanken um eine existenzielle Erfahrung: eine Totgeburt, wie sie in Augen zu im Zentrum steht. Sie zeigte mir ein Spannungsfeld auf, das damals sehr wichtig für mich war. »Der Gedanke, dass ich mein Leben lang nur trockene Dinge mit spitzen Kanten hervorbringen werde, ist furchtbar«, hieß es bei Nicole Müller. Ich habe zuweilen den Traum, Bücher zu gebären. Da ist also die Vorstellung, es könnte etwas quasi Organisches entstehen, das mir so unbekannt ist wie ein Kind, das auch ebenso lange im Verborgenen bleibt und plötzlich eines Tages ans Licht tritt.

... Und das, wie ein Mensch oder wie das Leben, im Grunde rätselhaft bleibt?

Ja, der vor fünf Jahren verstorbene Bieler Autor Jörg Steiner hat vom »Primzahlencharakter« der Literatur gesprochen: Literarische Werke sind Objekte, die nicht teilbar sind oder nur durch sich selbst – es bleibt immer ein Rest übrig. Beim einfachen Kriminalroman ergibt sich aus vielen Fragen eine Lösung, die Literatur macht das Umgekehrte: Sie geht Fragen nach und findet immer wieder Antworten, die aber gleichzeitig neue Fragen generieren. Es gibt Erfahrungsräume, die sich nur beim Schreiben öffnen, etwas zeigt sich, gibt sich zu erkennen – und gleichzeitig ist jede Erkenntnis vorläufig.