Selbsterkundung durch Schreiben. Neue Lyrik von Franz Dodel, Thomas Dütsch und Daniel Henseler
Thomas Dütsch: Zwischenhoch
Zwischenhoch heisst der Gedichtband des Zürcher Thomas Dütsch. Der Titel trifft die in 59 Gedichten eingefangene Stimmung ebenso gut wie der Traumdrescher oder die Luftwurzel. Das lyrische Ich möchte alles sein, und alles tun: Wurzeln schlagen wie die Eiche und ohne Wurzeln auskommen wie der Wind, zeitlos im Augenblick leben. Die Wünsche weisen in alle Richtungen und kommen doch immer wieder auf den einen sensiblen Moment zurück, an dem sich täglich das Dasein entscheidet, wie in «Kleines Gedicht»:
Das dünnwandige Herz in den Garten tragen
und unter den Strahl der Sonne stellen
Das Morgenlicht einschliessen lassen
bis der blecherne Eimer randvoll istDann erst unter Menschen gehen
In ruhig fliessenden Zeilen «erzählt» Thomas Dütsch von einem Menschen, der sich sein Leben täglich verdienen muss und will. Dieses Ich sucht Ruhe und Geborgenheit in der Natur und fürchtet sich vor den Geistern der Nacht. Es sucht Entspannung in der Kontemplation und verliert durch den «hastigen Flug über Lettern und Bilder» in der «Zeitungsröhre» oft seinen Mut. Es bleibt allein, kein Du taucht auf. Dieses Dasein auf der Kippe entscheidet sich allmorgendlich, wenn erste Strahlen den Gipfeln ihre «Mütze aus Eis und Firn» zurechtrücken, im Geäst die Schleiereule zur Zwiesprache einlädt, der Tag «die letzten Papiere hinter dem Horizont» stapelt, «mich die aufgehende Sonne / aus der Zuckerdose» hebt.
Es ist erstaunlich, mit welch reicher Bildhaftigkeit der Autor diese Stunde zwischen Träumen und Wachen, Geborgenheit und Ausgesetztsein festhält. Deutlich ist spürbar, dass da einer aus Erfahrung spricht, dem diese Morgenfrühe kaum je leicht gefallen ist, und es immer weniger tut.
Jeden Morgen brauche ich mehr Kraft
um sitzend auf der hölzernen Bettkante
herauszufinden aus dem Dschungel
meiner Träume und mich zu erheben
Aus diesem Dämmerzustand, bevor das hektische Alltagstreiben einsetzt, retten die Aussicht auf Berge und Meer, der Wechsel der Jahreszeiten, aber auch Erinnerungen und manchmal sogar das Schreiben. Das lyrische Ich hält hier gewissermassen Inventur über das, was war und was noch bleibt, melancholisch grundiert, aber nie hoffnungslos und verzweifelt. Es realisiert, in einem Gedicht mit dem Titel «3 Minuten 10 Sekunden», wie die Obhut der Eltern «mir eine unbeschwerte Kindheit» schenkte und wie spät er erst entdeckt, wie schwer ihnen das gefallen sein muss, da die Mutter 79 Schritte oder 3 Minuten 10 Sekunden entfernt von ihrem Mann beerdigt sein wollte.
In den Alltag eingespannt bleibt nur wenig Raum für die Poesie; erst wenn alles getan ist, gelehrt, ausdiskutiert, erledigt, kommt ihre Zeit, doch ohne Gewissheit, dass etwas gelingt. «Wenn ich schreibe knie ich / im winterlichen Kasernenhof», ein Rekrut beim Üben. Und dennoch: Gerade in dieser Zurückhaltung gelingt Thomas Dütsch ein lyrischer Ton, der das Inkommensurable verbindet, das Naturerleben feiert und doch wehrlos zusehen muss, «wie beim Eindämmern mein kleines Licht zerfiel». So gewiss das scheint, so illusionslos, still und hartnäckig lehnt sich diese Poesie dagegen auf.
Daniel Henseler: ich mache mich aus dem staub (graffito)
Erst wenn alles getan ist, weiss auch Daniel Henseler, bleibt Zeit für die Poesie, in lakonischer Kürze mit dem Vermerk «abend»:
zuerst kommt die arbeit
dann kommt die lyrikund die lange reihe der birken am fluss
Unter dem Titel ich mache mich aus dem staub (graffito) legt der Germanist und Slavist in Buchform seine erste Sammlung von Gedichten aus den letzten Jahren vor. Wo Thomas Dütsch mit dem Pinsel malt, neigt Henseler zum feinen Stift, um mit wenig Strichen seine Verse aufzuzeichnen und sich, wie es im Titel heisst, gleich wieder aus dem Staub zu machen. Wenig überraschend greift er wie in dem zitierten Beispiel gerne auf haikuartige Dreizeiler zurück. In ihnen findet er die Balance zwischen schwarz und weiss, Schrift und Leerstelle. «poesie / ist schnee von gestern / der nicht schmilzt», notiert er einmal und fasst so die Ambiguität dieses Tuns zusammen, das ausschreiben und verhüllen zugleich meint.
«er legt das stethoskop ans herz / und macht sich einen reim drauf / (der dichter)» – wobei das Wortspiel nicht verhehlt, dass Daniel Henseler die freie lyrische Form in jedem Fall vorzieht. Das Herz aber bleibt stets bei der Sache, auch da, wo er – im Unterschied zu Dütsch – immer wieder ein Du ins Auge fasst, mit dem er – zusammen ein wir – die kontemplativen Augenblicke oder die flüchtigen Erfahrungen teilt.
Der Band versammelt Gelegenheitsgedichte im besten Sinn: Gedichte also, die einen Gedanken, einen Augenblick, eine Erscheinung, eine Situation einfangen und lyrisch festhalten – als späte Antworten auf nie ausgesprochene Fragen, wie es in einem «selbstporträt» heisst, oder «trinksprüche auf meine eigene leben / dem die zeit abhanden kommt». In diesen Gedichten spiegeln sich Launen, Gedanken, Reisen, die Jahreszeiten, Erinnerungen an Mutter. Die unterstellte Flüchtigkeit ist selbstredend auch eine leise dichterische Koketterie, wollen all diese Momente doch Bestand haben, sei es nur vor Freunden oder vor sich selbst. Mit dem Vermerk «aperçu; bilanz» endet der Band mit diesen Zeilen:
wie die zeit vergeht
an der holzwand verwittern
die wickenschoten
Daniel Henseler lässt auch längere Zeilen und Strophen zu, doch auch hier bleibt die Sprache eng getaktet, behält das Lose, Flüchtige, Hingetuschte seine Kraft.
Eine Spezialität dieser Gedichte äussert sich bereits im Titel. Sie kommen überwiegend ohne Überschrift aus, erhalten aber dafür nachgestellt einen kurzen Vermerk zwischen Klammern gesetzt: (graffito). Nachgestellt dienen diese Vermerke vielleicht als Titel, aber auch als formaler Hinweis, als indizierbares Schlüsselwort, als zeitliche oder örtliche Verankerung der Zeilen im Jahreslauf und in der geografischen Weite.
Franz Dodel: Tessitura
Den Rhythmus des japanischen Haikus mit seiner Silbenfolge 5-7-5 nimmt Franz Dodel seit zwanzig Jahren auf, um es «endlos» fortzuspinnen. Mittlerweile ist sein Langpoem auf über 48'000 Verse angewachsen, so dass bereits der siebte Band erscheinen kann. Online ist nachzuverfolgen, wie Dodel als tägliches Exerzitium damit weitermacht, um neben seiner «Selbsterkundung durch Schreiben» vor allem auch «Urmenschliches, um das Wesentliche unserer Existenz» zur Sprache zu bringen, wie er es in einem Gespräch vor drei Jahren ausdrückte. Tessitura, für Stoff, Gewebe, Textur, ist nun dieser siebte Band überschrieben, der die Zeilen 36001-42000 umfasst.
Vom Sog der Gewohnheit lässt der Dichter sich hinweg treiben, um aktuelle Themen, die ihn beschäftigen, schreibend ebenso aufzunehmen wie Lektüren, Kunstbetrachtungen und Gedanken über das Menschliche, das immer auf ein Ende zustrebt. An diesem gedanklichen Schweifen, das einen ebenso regen wie gelassenen Geist mit hoher Lebenserfahrung verrät, hat sich in all den Jahren grundlegend nichts geändert. Dies macht es denn auch nicht einfach, über den neuen Band etwas Neues zu sagen, oder aus ihm Veränderungen im Feinstofflichen herauslesen zu wollen. Tessitura ist ein wunderbarer weiterer Band, der voller Themen steckt, die immer wieder neu variiert wiederkehren und doch um einen festen Kern kreisen: Wer sind wir und wie gehen wir mit diesem Leben um?
und ich blieb auf Kurs
im kaleidoskopischen
Plan meines Gehirns
«this little filling station»
Vorstellbares Denk-
und Hörbares sickert ein
in mein Inneres
stoffwechselnd füllen meine
Kapillaren sich
mit Bildern erinnern mich
manchmal an diesen
Satz «somebody loves us all»
den ich verstehe
ohne in zu begreifen
Begleitet werden die Zeilen von Bildern, Zitaten und Hinweisen auf Lektüren, die wie Wallace Stevens oder Elisabeth Bishop (im obigen Zitat) den Autor beim Schreiben begleitet und inspiriert haben. Das ist «nicht bei Trost», doch zugleich anregend tröstlich zu lesen, weil sich die Ruhe des Festhaltens und Nachdenkens unweigerlich auf die Lektüre überträgt und die Lesenden so aus dem hektischen Getriebe für Momente hinaushebt.