Zwiesprache mit der Sprache

Neue Gedichte von Angelika Overath, Simone Lappert, Eva Seck und Joanna Lisiak

Fokus vom 18.07.2022 von Beat Mazenauer

Angelika Overath: Schwarzhandel mit dem Himmel / Marchà nair cul azur. Gedichte Deutsch / Vallader. Telegramme Verlag, Zürich

Die Autorin Angelika Overath wohnt seit fünfzehn Jahren im Engadin, wo Deutsch zwar gut verstanden wird, doch eigentlich das romanische Vallader zu Hause ist. Bei diesem Miteinander der Sprachen wollte die sprachsensible Autorin nicht abseits stehen. In der Lyrik fand sie einen Weg, sich ohne «immer schöne Sätze sagen» zu wollen, mit dem Idiom der Einheimischen vertraut zu machen. Als Resultat davon erschienen 2014 Gedichte aus ersten Wörtern / Poesias dals prüms pleds. Und nun ist ihr zweiter Band mit zweisprachigen Gedichten erschienen: Schwarzhandel mit dem Himmel / Marchà nair cul azur.

Angelika Overath pendelt darin zwischen den Sprachen, übersetzt die eine in die andere, um dabei gewahr zu werden, dass sich die Kluft nie vollauf überbrücken lässt. Bereits der Titel verrät, schreibt sie im Vorwort, wie sich die lautliche Form von «cul azur» gegen eine wortgetreue Übertragung gesperrt habe. Mit «Handel im Himmel» hat sie das poetische Manko aufgefangen. Vergleichbare Beispiele gibt es in diesem Buch viele. Das schöne Wortspiel von «guitader» und «guitarra» (Nachtwächter und Gitarre) wird zum (nicht ganz so eleganten) Zweiklang «Wächter» und «Waschbrett». Gänzlich unübersetzbar bleibt hingegen die stupende Reduktion im Gedicht «Estra / Fremd»:

ed adüna
sur no
sur not
quista not

nota
nota quai

und immer
über uns
über Nacht
diese Nacht

schreib
schreib hinein

«Die Poesie ist kein braves Kind», heisst eines der Gedichte: «El nu fa per cumond» («Sie gehorcht nicht»). Darin liegt gerade ihre Kraft und die Herausforderung an die Dichterin. Sie liebt die «fremde» Sprache, die «auch meine Sprache» ist, selbst wenn sie sie «schlecht spreche». Diesen Topos wiederholt Angelika Overath immer wieder, wie um sich selbst dieses Vertrauen stets von neuem zu bestätigen.

Über die lokale Sprache erhält auch die Engadiner Topographie eine besondere Aufmerksamkeit: der Schnee (vor allem), die Berge, der hohe Himmel. In einfachen, hingetupften Bildern fängt Angelika Overath den jahreszeitlichen Wandel und all die täglichen Aufgaben im Haus ein. Das lyrische Ich wird ob der bergigen Landschaft mitunter seekrank: «eine Matrosin der Sehnsucht», oder unnachahmlich in Vallader: «üna matrosa da l'increschantüm». In diesem Bild zeigt sich die Autorin als Geistesverwandte des Engadiner Dichters Dumenic Andry, der in seinen Gedichten den Bergen immer wieder das Meer und sich als Matrosen entgegenhält.

Und so lugt die weite Welt auch bei Angelika Overath durch die Hintertüre herein. Schon unter den romanischen Gedichten taucht ein «Istanbuler Rondo» auf, das auf einen Aufenthalt am Bosporus hinweist, und auf Overaths letzten Roman Ein Winter in Istanbul. Dies bekräftigend hat sie ihrem Band dreizehn «Istanbuler Elegien» angefügt, in welchen sich der Himmel weitet. Diese Weitung bezieht sich auch auf die Form. Hier ungeteilt in ihrer vertrauten Sprache, beschreiben diese Elegien komplexere lyrische Strukturen und verraten so ein feineres sprachliches Raffinement. Gerade vor diesem Hintergrund aber beweist die zweisprachige Zwiesprache in den Vallader-deutschen Gedichten ihre schöne zarte Stimmigkeit.

Simone Lappert: längst fällige verwilderung. Diogenes Verlag, Zürich

Ein Faible für Schnee und Winter bezeugen auch die Gedichte von Simone Lappert. Die Kernfrage steht im Gedicht «frage»:

wie kommt man noch gleich
ohne zukunft durch den winter?

Wie denn, so die Dichterin, wäre der scheinbaren Aussichtslosigkeit zu entkommen, vielleicht. In längst fällige verwilderung formuliert Simone Lappert darauf keine schlüssigen Antworten, aber sie spürt der inneren Stimme nach, ahnend, dass in der Verwilderung ambivalent eine Option wie eine Gefahr steckt. Hinter der Kernfrage tut sich ein weiter offener Raum auf, der Abgrund ist und Erinnerung und auch verborgene Lust auf das, was werden kann. «auch schöne worte haben spitze kanten», heisst es einmal, unter dem Titel «frostfest» – einer doppeldeutigen Überschrift, die «frosthart» ebenso wie «frostresistent» oder «frostfeier» bedeuten könnte. Die Worte, folgt darauf, bleiben hängen, «winterhart am Zaun verkapselt» – aber auch süss, denn anderswo weiss die Gärtnerin: «was den ersten frost überlebt, wird süsser» – beispielsweise Erinnerungen, die das lyrische Ich gleichsam in sich «verkapselt» hat.

«Gedichte und Gespinste» steht im Untertitel dieser mal mehrzeiligen Gedichte, mal einzeiligen Sätze. Simone Lappert begleitet ihr lyrisches Ich auf einer Reise nach innen, Ängste aufspürend und Sehnsüchte nach einem Du, aber auch Erinnerungen aus den Tiefen hervorkramend, die gleichermassen melancholische Gefühle wie, «unter dünner jetzthaut», den Widerstand wecken, «damit du nicht verhornst und innen verdunkelst», sondern «rissig bleibst», durchlässig und offen. Lappert findet für ihre Reise eine Bildsprache, die oft winterlich geprägt bleibt, kaum Helle und Wärme zulässt. Und wenn ein Gedicht einmal in Gelbtönen aufscheint, wie in «zwielicht», regiert der Konjunktiv «als hätte hier schon ...». Im Erinnern steckt immer das «innern», welches erfahren, ergründet werden muss. Die Träume sind im «endlager der zuversicht» deponiert, dem verzuckerten Jazz wird misstraut wie der «schnittblume im wasserglas». Diese Motive variiert die Autorin mit Naturbildern, die gegen das Verhärten wappnen sollen, und gegen die Ängste, die in der Nacht hochkommen, wenn der Mond sein fahles Licht ins Zimmer wirft. Dagegen hilft eben, vielleicht, die «längst fällige verwilderung», die im Gedicht «selbstporträt« direkt angerufen wird.

Simone Lapperts Gedichte verpuppen dieses Zwielicht zwischen Angst und Auflehnung, Verhärtung und Offenheit, in einem feinen Gespinst von Bildern und Motiven. Sie wünscht sich den wilden Blick der Füchsin am frühen Morgen, mit der «gewissheit, die erste jägerin am platz zu sein». Doch Erlösung hat die Autorin keine anzubieten, und so bleibt die Schlusszeile (eine Variation eines Satzes von Sophie Hunger): «entschuldigung, wo kann ich hier unversehrt scheitern?« – wie ein Fragezeichen in der dünnen Luft dieser intensiv melancholischen Gedichte hängen.

Eva Seck: versickerungen. Gedichte, Geschichten, Bilder und Szenen. Die Brotsuppe, Biel/Bienne

Verunsicherung steckt auch im Band versickerungen von Eva Seck. Ein Zitat von James Baldwin markiert leise ein Unbehagen. «Tiefes Wasser und Ertrinken sind nicht dasselbe.» Wer verunsichert ins Wasser steigt, empfindet Angst, selbst wenn er oder sie schwimmen kann. In Eva Secks Band ist eine oft nur schwer greifbare Andersheit der Grund dafür. Einmal benennt sie es deutlich: «Viele Menschen fallen nicht gerne auf, ich auch nicht, aber aus den falschen Gründen.» Liegt es an der Hautfarbe, liegt es an einer Fremdheit? Oder einzig an den anderen? Darum drehen sich die Gedichte und die kurze Prosa hier. Die Auffälligkeit hat bereits im ersten Gedicht eine Kehrseite, das Verschwinden eines Du, das in die Baumkrone klettert und dort im Blattlaub unsichtbar verloren geht bis in den Herbst, unrettbar.

Danach verging keine Nacht
ohne dass die Gewissheit
uns wach hielt
und wir sagten uns
wir sind doch auch
nur Menschen.

In immer neuen Variationen umspielt Eva Seck solcherart verunsichernde, mitunter verärgernde Situationen. Das Fremdsein hat Wurzeln, die hinab in historische Verbrechen reichen, zu den Sklavenschiffen, in deren Geschichte sich auch die Dichterin verortet. Dies macht den Unterschied: «Warte nicht, bis sie dich bemerken / obwohl du mitten unter ihnen stehst / sie bewunderst und liebst». Auffallen – nicht auffallen, ein beständiges Ringen. Unterschlupf und Hilfe findet die Dichterin bei Frauen und Vorbildern, deren Sätze, Lektüren sie zitiert, und deren Geschichten sie in ihrer Fantasie weiterspinnt.

Die glatten Oberflächen des Alltags sind durchzogen von oft unsichtbaren Furchen, Schründen, Abgründen, resultierend aus einem beständigen Bewegen, Verschieben, Auseinanderbrechen. Der Boden erscheint dünn für das lyrische Ich, er schwankt zwischen den Polen zugehörig und fremd. Was geschieht, «wenn dich die Heimat zurückweist?», fragt sie einmal. Welche Heimat? Hier wie dort? Zwischen diesen Polen sucht sich das Ich seinen Ort. «Alleinsein ist eine kuriose Sache», sagt sie mit Friederike Mayröcker. Verwandtschaften andererseits sind oft (familiäre) Verhängnisse, die einen mit hineinziehen in ungewollte Dinge und daraus nur schamerfüllt entlassen. Dazwischen aber bleibt das Zu-Zweit, das unendlich beseelt, gerade auch in der Sorge um die Träume des anderen, des Kindes.

von einem Lufthauch gestreift
erschliesst sich mir beiläufig
die Bedeutung von Frieden
in einer Welt
in der die Mutter ihrer Tochter
übers Haar streicht und flüstert

alles alles wird gut.

Joanna Lisiak: in wellen dunkler zuversicht. Gedichte in Mittelgau. Edition 8, Zürich

Wo Angelika Overath Lücken zwischen den Sprachen öffnet und bei Simone Lappert und Eva Seck das Sprechen stumm in Falten und Abgründe fällt, suchen Joanna Lisiaks Gedichte einen anderen Weg: Sie sammeln und akkumulieren Eindrücke, Empfindungen, Erinnerungssplitter, damit der Autorin nichts verloren geht, was sie mit ihrem verstorbenen Lebenspartner verbindet. Sie betreibt gewissermassen eine lyrische Inventur, vervollständigt nochmals Bilder von einst und sucht in diesem «auffangbecken hinkender gefühle» Antwort «auf diffuse gedanken». Nichts erscheint bedeutungslos, um nicht nochmals festgehalten zu werden. Dafür forscht sie auch im «zwischen dazwischen» nach, um ihr «archiv der erinnerungen» zu vervollständigen. Reihungen, Aufzählungen, eine «to-do-liste» halten fest, was mangelt, nicht mehr ist.

Formal fügen sich all diese Dinge in kurzzeiligen, unregelmässig unterteilten Gedichten zusammen, die über die Zeilen hinweg laufen und so ein prosaisch-lyrisches Parlando bilden. Die Autorin vertraut dabei weniger dem alleinigen Zauberwort als dass sie ihre Suchbewegung in Dreiheiten von Begriffen («ausnahmen, zustände, glückliche fügungen») still stellt. Dabei verändert sich auch die Wahrnehmung: «ich achte auf neue details». Das Ich liest alte Quittungen und ist erstaunt über ihre stimulierende Kraft:

raffiniert wie man datum
plus ort plus die zwei
espressi uns zuordnen kann
an einen tag x der von wetter y
bestimmt war man könnte
prüfen ob die sonne schien
sich erinnern ob wir wohl
draussen sassen

Joanna Lisiak findet in ihren Gedichten eine Mischung aus Trauer und leichter Zuversicht, als ob all das Festhalten selbst so etwa wie Remedur wäre. Vor allem im Kapitel «kosenamen irrlichtern» versammelt sie treffende Bilder für die bewahrten Erinnerungen an das fehlende Du.

in wellen dunkler zuversicht ist eine ausgesprochen umfangreiche Sammlung mit über 100 Gedichten. Das mitunter atemlose Akkumulieren äussert sich hier in der Opulenz. Damit verbindet sich allerdings auch die Anfälligkeit dafür, dass innerhalb dieses «flow», dieser Fülle das genaue Bild, die einzigartige Erinnerung zu verschwinden droht – ein gegenteiliger Effekt zum Verschwinden in den Faltungen bei Overath, Lappert und Seck. Eine gewisse Gleichförmigkeit ist der Preis dafür. Indem Joanna Lisiak alles festhält, was sie sucht und erinnert, mangelt es ihrem umfangreichen Band zuweilen an Zäsuren, an Spitzen und Kanten, die bei der Lektüre unwillkürlich zum Innehalten auffordern und so die Lektüre selbst vertiefen.