Sprachliches Furioso - Reno Hännys Bücher

Fokus vom 10.02.2017 von Beat Mazenauer

1979 debütierte er mit Ruch. Ein Bericht. Ruch, Anagramm für Chur, ist eine Provinzstadt, in der der Ich-Er­zähler wie einst Hänny als Bühnenar­bei­ter am Theater tätig ist. Im Wech­sel von kurzatmigem Stakkato und wei­ten rhetori­schen Schlaufen bricht er in seinem Bericht stür­misch in die­ scheinbar festge­füg­te, satte Kulissen- und Postkarten­welt ein. «Die Wut im Bauch nicht er­stic­ken», be­stimmt der Erzähler selbst sein sprachliches Fu­rioso: ­«Schär­fer werden, un­be­dingter, nicht unbe­stimmter; die Spuren hinter­lassen, die Ober­flä­che durchstechen durch­stossen durch­brechen einbrechen und zer­trüm­mern...» Sein aufgewühlter Bericht ist zu­gleich Dokument der Wut wie der Ohnmacht, die sich zu entfes­seln sucht. Von letzterer ganz durch­drungen ist auch das während der Kra­wal­le 1980 entstandene Buch Zü­rich, Anfang Sep­tem­ber. Hänny geriet damals als unbetei­ligter Passant in die Poli­zei­ma­schi­nerie und beginnt das Vor­ge­fallene aufzuzeichnen, «be­­vor die Eu­phorie, dass man draus­sen ist, einen Teil der Erin­ne­rung löscht». In lei­den­schaftlichen Satz­kaskaden wirft er seine Wut de­nen entgegen, die ihn mit Knüppeln traktieren. So wird der Beo­bachter zum Beteiligten und schliess­lich zum Chronisten, der aus nächster Nähe festhält, was die Geschichte schnell wieder verdrängt.

Nachdem Hänny in Flug im doppelten Wortsinn in die Luft ging – und damit an die Wut in den beiden ersten Büchern anknüpfte –, begegnete er seiner Kindheit auf neuerliche Weise 1989 im Bericht «Am Boden des Kopfes. Ver­wirrungen eines Mit­teleuropäers in Mitteleuro­pa» – einer Reise nach Polen an die Peripherie Europas. Hän­ny ist Besu­cher aus einem eben­­falls «rand­stän­digen Land, das sich aus der Geschichte ausge­klinkt hat», und geniesst es, weg zu sein von seiner Hei­mat, die «man gerne für ei­ni­ge Zeit misst» und doch nicht ver­gisst. Aus der (Flug-)Distanz reizt ihn der Blick auf die Fremde wie auf das Eigene zuhause, auf dessen «brave Bürger» und «ver­bret­terte Enge». Der er­mordete Ar­beiter­prie­ster Popie­luszko zum Bei­spiel ruft Erinne­run­gen an jene Schläge hervor, die er in Zürich 1980 auf den Schädel gebrannt be­kam. Pri­vat­heit und Öf­fentlich­keit, Heimat und Ferne, das Eigene und das Fremde ver­weben sich so in ver­trackten Satz­knäueln.

Stets erweist sich Hänny hier als scho­nungsloser Beobach­ter, der ge­rade auch sich selbst beim Beo­bach­­ten nicht schont. Ein diesem Rei­sebe­richt nach­gestelltes Motto von Zbigniew Herbert kann für sein gesamtes Schaffen gel­ten: «der un­gewissheit klarheit möchte er treue halten». Provozierend un­ge­schminkt hält er sich daran.

Nachdem er 1994 in Klagenfurt für den Text «GUAI» den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen erhielt und von der Jury für seine schock­hafte schneidende Präzision gelobt wurde, erschien dieser Text wenig später als Teil im Buch Helldunkel, einem Bilderbuch oh­­ne Bilder, dessen Prä­zi­­sion und Ungerührtheit eine von Men­schen entleer­te Welt wi­der­spie­gelt und sie zugleich hin­tergeht.

Sein Chiaroscuro fand Hänny in Joyces' Ulysses oder im blit­­zen­den Licht­spiel von Me­tall­ge­­rä­t­en, die Hans Da­nu­­ser photogra­phisch fest­ge­halten hatte und die Hänny wiederum «in der eige­nen Sprach­­dun­kel­kammer» wei­ter­bear­bei­tet und daraus «Pasticci und Pa­raphra­sen» gene­riert hat. Hand­lung findet sich darin nur flüchtig, überwiegend hält sich der Autor an seine Vorlagen. Er beschreibt sie mit se­zierender Schärfe, fusioniert sie eigenwillig und verdichtet sie zu hoch­artifiziellen und versponne­nen Sprachräumen.

Die Foto­grafien ge­rinnen zu Wort­land­schaften und die Literatur er­hält in bildlicher Umschreibung qua­si sur­reali­sti­sche Pla­stizität. Denn auch die Vertiefung im harten Licht grösst­er Faktizität über­steigt die Wirk­lich­keit, so wie wir sie zu se­hen gewohnt sind. Mit klinischer Prä­­zi­sion und frei von aller Senti­men­ta­lität evoziert Hell­dunkel in lan­gen, atemrau­ben­den, verschach­tel­ten und nach hinten oft punktlos of­fenen Satzkaskaden und manieristi­schen, rhythmisierten Wortwindungen eine schauderlich kalte Licht- und Schattenwelt. Beschreibend versucht sie Hänny zu ban­nen. Wie ein heller Licht­­­punkt leuchtet zwar einmal der Satz «Dann plötz­lich, ein Mensch» auf: Ecce homo - doch tot und auf dem Se­zier­brett fest­gezurrt. Am Le­ben sind hier bloss die ge­langweilt da­bei­stehenden Wächter.