Sprachliches Furioso - Reno Hännys Bücher
1979 debütierte er mit Ruch. Ein Bericht. Ruch, Anagramm für Chur, ist eine Provinzstadt, in der der Ich-Erzähler wie einst Hänny als Bühnenarbeiter am Theater tätig ist. Im Wechsel von kurzatmigem Stakkato und weiten rhetorischen Schlaufen bricht er in seinem Bericht stürmisch in die scheinbar festgefügte, satte Kulissen- und Postkartenwelt ein. «Die Wut im Bauch nicht ersticken», bestimmt der Erzähler selbst sein sprachliches Furioso: «Schärfer werden, unbedingter, nicht unbestimmter; die Spuren hinterlassen, die Oberfläche durchstechen durchstossen durchbrechen einbrechen und zertrümmern...» Sein aufgewühlter Bericht ist zugleich Dokument der Wut wie der Ohnmacht, die sich zu entfesseln sucht. Von letzterer ganz durchdrungen ist auch das während der Krawalle 1980 entstandene Buch Zürich, Anfang September. Hänny geriet damals als unbeteiligter Passant in die Polizeimaschinerie und beginnt das Vorgefallene aufzuzeichnen, «bevor die Euphorie, dass man draussen ist, einen Teil der Erinnerung löscht». In leidenschaftlichen Satzkaskaden wirft er seine Wut denen entgegen, die ihn mit Knüppeln traktieren. So wird der Beobachter zum Beteiligten und schliesslich zum Chronisten, der aus nächster Nähe festhält, was die Geschichte schnell wieder verdrängt.
Nachdem Hänny in Flug im doppelten Wortsinn in die Luft ging – und damit an die Wut in den beiden ersten Büchern anknüpfte –, begegnete er seiner Kindheit auf neuerliche Weise 1989 im Bericht «Am Boden des Kopfes. Verwirrungen eines Mitteleuropäers in Mitteleuropa» – einer Reise nach Polen an die Peripherie Europas. Hänny ist Besucher aus einem ebenfalls «randständigen Land, das sich aus der Geschichte ausgeklinkt hat», und geniesst es, weg zu sein von seiner Heimat, die «man gerne für einige Zeit misst» und doch nicht vergisst. Aus der (Flug-)Distanz reizt ihn der Blick auf die Fremde wie auf das Eigene zuhause, auf dessen «brave Bürger» und «verbretterte Enge». Der ermordete Arbeiterpriester Popieluszko zum Beispiel ruft Erinnerungen an jene Schläge hervor, die er in Zürich 1980 auf den Schädel gebrannt bekam. Privatheit und Öffentlichkeit, Heimat und Ferne, das Eigene und das Fremde verweben sich so in vertrackten Satzknäueln.
Stets erweist sich Hänny hier als schonungsloser Beobachter, der gerade auch sich selbst beim Beobachten nicht schont. Ein diesem Reisebericht nachgestelltes Motto von Zbigniew Herbert kann für sein gesamtes Schaffen gelten: «der ungewissheit klarheit möchte er treue halten». Provozierend ungeschminkt hält er sich daran.
Nachdem er 1994 in Klagenfurt für den Text «GUAI» den Ingeborg-Bachmann-Preis zugesprochen erhielt und von der Jury für seine schockhafte schneidende Präzision gelobt wurde, erschien dieser Text wenig später als Teil im Buch Helldunkel, einem Bilderbuch ohne Bilder, dessen Präzision und Ungerührtheit eine von Menschen entleerte Welt widerspiegelt und sie zugleich hintergeht.
Sein Chiaroscuro fand Hänny in Joyces' Ulysses oder im blitzenden Lichtspiel von Metallgeräten, die Hans Danuser photographisch festgehalten hatte und die Hänny wiederum «in der eigenen Sprachdunkelkammer» weiterbearbeitet und daraus «Pasticci und Paraphrasen» generiert hat. Handlung findet sich darin nur flüchtig, überwiegend hält sich der Autor an seine Vorlagen. Er beschreibt sie mit sezierender Schärfe, fusioniert sie eigenwillig und verdichtet sie zu hochartifiziellen und versponnenen Sprachräumen.
Die Fotografien gerinnen zu Wortlandschaften und die Literatur erhält in bildlicher Umschreibung quasi surrealistische Plastizität. Denn auch die Vertiefung im harten Licht grösster Faktizität übersteigt die Wirklichkeit, so wie wir sie zu sehen gewohnt sind. Mit klinischer Präzision und frei von aller Sentimentalität evoziert Helldunkel in langen, atemraubenden, verschachtelten und nach hinten oft punktlos offenen Satzkaskaden und manieristischen, rhythmisierten Wortwindungen eine schauderlich kalte Licht- und Schattenwelt. Beschreibend versucht sie Hänny zu bannen. Wie ein heller Lichtpunkt leuchtet zwar einmal der Satz «Dann plötzlich, ein Mensch» auf: Ecce homo - doch tot und auf dem Sezierbrett festgezurrt. Am Leben sind hier bloss die gelangweilt dabeistehenden Wächter.