Nach dem Tag Null
Simone Weinmann, «Die Erinnerung an unbekannte Städte» (München, Antje Kunstmann) und Markus Bundi, «Die letzte Kolonie» (Wien, Septime)
Die Erinnerung an unbekannte Städte
Und auf einmal gingen die Lichter aus, die Kühltruhen tauten ab, der öffentliche Verkehr stand still. Der letze Herbst hatte geendet, der Winter war angebrochen. 15 Jahre sind seit dem ominösen «Tag Null» vergangen, als unvermittelt der Himmel schwarz geworden war: «Nur Sekunden später war der Strom ausgefallen, und die Mobilgeräte hatten keinen Empfang mehr gehabt.» Ein Zufall, eine Folge der Klimakatastrophe, ein fehl geleitetes Experiment zur Rettung vor einer solchen? Genaues wissen nur die Gerüchte. Was immer die Menschen sich darüber erzählen, die Erinnerung an das Früher, wie es einmal war, verblasst allmählich.
An diesem Punkt setzt Simone Weinmanns dystopischer Roman Die Erinnerung an unbekannte Städte ein. Wir schreiben das Jahr 2045. Das Dorf nördlich der Berge ist auf sich allein gestellt. Einzig in der Hauptstadt, wird gemunkelt, gebe es noch Reserven an Energie und Waffen, selbstredend fürs Militär reserviert. Um die letzten Ressourcen wird mit allen Mitteln gestritten. Das Dorf erreichen diese Reserven nicht mehr. Hier versucht Ludwig, der Lehrer und frühere Programmierer, anachronistisch anmutenden Stoff wie Mathematik oder Grammatik zu vermitteln, auch wenn kaum Hoffnung besteht, dass derlei von den Kindern je angewendet werden könnte. Speziell Nathanael hätte er einiges zugetraut, doch der kommt gar nicht mehr zur Schule, weil seine Eltern weltliches Wissen für schädlich halten. Eine sektiererische Religiosität greift schnell um sich und füllt das Vakuum an Macht und Hoffnung mit der Verkündigung von heilsgeschichtlichen Botschaften und Durchhalteparolen. Ludwig ist darob zornig und verzweifelt, Nathanael bloss genervt, doch so sehr, dass er zu fliehen beschliesst. Ein Mädchen, Vanessa, geht mit ihm – und Ludwig wird von Nathanaels verzweifelten Eltern auf die Suche nach den beiden losgeschickt. Alle drei kennen das Gemunkel über einen Tunnel, der durch die Berge in den Süden führen soll, wo das Leben heller und besser sei. Doch der Weg dahin ist voller Gefahren und Unwägbarkeiten.
Die Erinnerung an unbekannte Städte, das literarische Debüt der promovierten Astrophysikerin Simone Weinmann, entwirft eine dystopische Sicht auf die Zukunft. Der Roman malt aus, was passieren könnte, wenn zum einen die Klimakatastrophe, zum anderen jene «Stromlücke» einträte, die zurzeit politisch diskutiert wird. Er gibt eine Antwort auf die alte Frage: Was wäre, wenn … die Energiezufuhr und damit die zivilisatorische Grundlage wegbricht, wenn die Menschen wieder aufs Lebensnotwendigste zurückgeworfen werden und sich lokal organisieren, weil es keine Infrastruktur mehr gibt. Simone Weinmann reiht sich so ein ins Genre der dystopischen Literatur, sie tut es aber auf spezifische Weise. Es geht ihr nicht, wie in den harten Negativszenarien à la Orwell oder Huxley, um Fragen der Macht und der Kontrolle respektive des effektvollen Widerstands dagegen. Vielmehr erzählt sie geduldig und anschaulich, wie die Menschen sich in einem rechtsfreien Raum neu organisieren. Sorgfältig stattet sie ihre Erzählung mit hintergründigen Details aus. Ihr Bild der Zukunft ist weder totalitär noch gewalttätig, sondern anarchisch und kleinteilig strukturiert. Die alte Welt ist wie eingefroren noch präsent. Kleinere Ungereimtheiten in dieser Vorstellung lassen sich ebenso verschmerzen wie das Fehlen einer oberflächlichen Spannungsdramaturgie. Darum geht es nicht. Selbst wenn sich Nathanael, Vanessa und Ludwig auflehnen, tun sie es still und leise, indem sie einfach weggehen, um einer letzten utopischen Hoffnung zu folgen – im Fall von Nathanael dem Wunsch, Arzt zu werden. Der Weg zum Tunnel ist gefährlich, vor allem aber ist er trist und kalt und grau. Das Raffinement des Romans besteht darin, dass er atmosphärisch stimmig erzählt und dabei auf grelle Effekte verzichtet. Es geht nicht um einen Endkampf der politischen Mächte, sondern um das Überleben in einer öde gewordenen Wirklichkeit. Was verlieren wir, wenn uns die Kultur abhanden kommt? – fragt die Autorin. Ob hinter dem Tunnel eine bessere Welt die drei Flüchtenden erwartet, lässt sie wohlweislich unbeantwortet. Immerhin erblicken die drei das vage Licht des Südens.
Die letzte Kolonie
Bei Simone Weinmann findet die Katastrophe auf der Welt, wie wir sie kennen, statt. Der Himmel hat sich verdunkelt, der Zivilisation wurde der Stecker gezogen. In seinem Roman Die letzte Kolonie entwirft Markus Bundi eine anders geartete finstere Welt – unter Tage, in engen Höhlen und muffigen Kavernen, die nur schwach beleuchtet sind und kaum Luft zum Atmen bieten. In dieser Unterwelt hausen die Untersch. Sie bilden das Subproletariat, die letzte Kolonie, in der seltene Erden abgebaut werden und atomarer Müll bewirtschaftet wird. Wo ein Unten ist, gibt es auch ein Oben, wo der Müll produziert und die seltenen Erden verarbeitet werden. Wer hier oben nicht gebraucht wird, wird nach unten verfrachtet. Das ist die unumstössliche Ordnung, die dadurch aufrecht erhalten wird, dass die unten nichts von oben wissen sollen. Aber es gibt Grenzgänger, wie Gregor, die ihr Wissen nach unten tragen und da den Widerstandsgeist wecken. Mit ihrer Hilfe wurde ein mysteriöses «Anderswasser» entwickelt, das das Denken aktiviert. So keimt bei Florio und Natalia der Entschluss, mit ihrer Tochter durch Schleusen, Kavernen und enge Gänge den Weg nach oben zu suchen, ans Sonnenlicht. Ihre Berichte aus der Unterwelt bezeugen die Existenz der verborgenen «letzten Kolonie», wie sie Markus Bundi erzählt.
So anders geartet sich seine Dystopie darstellt, so gibt es doch etliche Parallelen mit der Welt von Simone Weinmann: die Dunkelheit, in der die Menschheit lebt, die Flucht als Widerstand, das Licht als Ziel. Wo bei Weinmann die dunkle Welt aber jener, wie wir sie kennen, ähnlich sieht, zieht Bundi eine scharfe Zäsur durch sein dualistisches Weltbild. Es gibt ein bekanntes Oben und ein fantastisches Unten. Trotz dieser scharfen Trennung besteht die Qualität von Bundis Dystopie jedoch in ihrer Unschärfe – das mag paradox klingen, wirft aber ein Licht auf die Schwäche vieler dystopischer Texte. Der Zukunftsentwurf ist nicht selten mit einer solchen überdeutlichen Klarheit formuliert, dass er kaum Berührungspunkte mit der realen Gegenwart aufweist. Weinmann und Bundi gehen andere Wege. Bundi hält – ausgelöst durch seine nicht restlos verlässlichen Erzählerfiguren – die dystopische Projektion beweglich. Sie ist zum einen ein futuristischer Entwurf von diktatorischem Ausmass: Der soziale Auswurf wird unter die Erde entsorgt, um ihnen (wie bei Huxley) die Drecksarbeit aufzubürden. Zum anderen aber nimmt Die letzte Kolonie immer stärker soziale Züge an und entbirgt mit Fortlauf der Erzählung eine weitere Dimension: Das Unten des Südens drängt ans Licht des Nordens. Mit dieser subtilen Bedeutungsverschiebung kristallisiert sich Die letzte Kolonie als eine Paraphase auf ein wirtschaftliches und soziales Nord-Süd-Gefälle heraus, das durch Grenzüberschreitungen, also Migration von unten nach oben gekennzeichnet ist. Eine sprachliche Eigenheit weist darauf hin, dass uns diese Welt nicht so ganz unbekannt vorkommen sollte. Während es oben ums profitorientierte «Generieren von Kapital» geht, greifen die Untersch in erregten Situationen gerne zu einem «tominonemol»-Dialekt, der sparsam eingesetzt helvetische Signale setzt.
Diese Bedeutungsebenen hält Markus Bundi schliesslich mit intertextuellen Verweisen zusammen, beispielsweise auf Dantes Divina Commedia, Platons Höhlengleichnis, Chamissos Schlemihl oder den Artusroman, um eine geschichtsphilosophische Dimension anzudeuten. Welche Rolle spielt der Mensch, diese «Eintagsfliege» im universellen Ganzen? Was ist (seine) Wahrheit, worin zeigt sich das Wirkliche, wie bleiben wir unbescholten? All das sind Fragen, die Markus Bundi spielerisch anklingen lässt. Die verschachtelte Komposition mit ihrer komplexen Handlung und mit mehreren Erzählerstimmen mag stellenweise zwar angestrengt konstruiert wirken, dennoch verfehlt der Roman nicht seine anregende Wirkung. Die Kompaktheit lässt auf den 160 Seiten nie Langeweile aufkommen. Vor allem aber ist dem Roman anzumerken, dass der Autor seinen Spass am Entwerfen dieser literarischen Vision gehabt hat.
Es hätte mit der Welt tatsächlich auch alles gut ausgehen können, «wäre nicht, quasi im dümmsten Moment, eine Pandemie ausgebrochen», bilanzieren am Schluss die «drei letzten Historikerinnen», die das Wissen um die letzte Kolonie verwalten. Als Gegenmittel wollen sie deshalb die sie bezeugenden Dokumente «an die verbliebenen Seelen weiterreichen».