Gesprochen muss es sein

«Wortknall» und drei neue Publikationen von Christoph Simon

Fokus vom 06.12.2021 von Beat Mazenauer

Der Ursprung der menschlichen Sprache ist noch immer nicht restlos geklärt. War es ein Schrei nach der Mutter, die Imitation von Tierlauten, das Singen des Blues bei der Feldarbeit – oder gar der erste zaghafte Versuch, sich literarisch zu offenbaren? Zu welchen Ergebnissen die Forschung auch immer finden wird, das gesprochene Wort ist eine alte kulturelle Technik, mit der Menschen nicht nur kommunizieren, sondern sich zugleich auch mit dieser Kommunikation auseinandersetzen. Die Sprache mit ihrer vielstimmigen Palette von Klängen und Gesten eröffnet mannigfachste künstlerische Möglichkeiten. Früh besangen die Rhapsoden par cœur die Götter, dann überbrachten Minnesänger Liebesbotschaften zum Klang der Laute, etwas später deklamierten die Dadaisten im Cabaret Voltaire ihre Unsinnspoesie, nach dem Grauen der zwei Weltkriege schliesslich suchten Beatniks und Lautpoeten, die Sprachlosigkeit auf ihre Weise zu überwinden. In dieser langen Tradition stehen Slam, Spoken Word und Rap.

In der Schweiz etablierten sich diese neuen Ausdrucksformen vor bald 25 Jahren mit der ersten Slam-Tournee, ihre Dynamik wurde vom Verlag Der gesunde Menschenversand respektive deren «edition spoken script» aufgefangen. Unter dem Titel Wortknall bildet ihr 40. Band mit 45 Autorinnen und Autoren die beinahe 50jährige Geschichte in all ihren formalen und sprachlichen Spielarten ab.

In der Sammlung vertreten sind selbstredend die Pioniere der Gattung, die unter dem Namen «Bern ist überall» firmieren, dazu aber auch neue, noch weniger bekannte Namen. Gemeinsam zeichnen sie das Bild einer Vitalität und Performativität, die sich laut auf der Bühne und leise im Lesebuch entfalten kann. Die Palette an geläufigen Formen, Sprachen und Gesten wird erweitert etwa durch den Luzerner Dialekt von Béla Rothenbühler, die vielsprachige Synthese von Heike Fiedler oder die verwirbelten «Gebete» des Tessiners Marko Miladinović. Eine unnachahmlich lakonische Variation des Französischen präsentieren Laurence Boissier mit ihrer Prosaminiatur «Personne n'a rien vu venir» und Antoine Jaccoud mit dem refrainartig wiederholten «Mais on a pas été contents», das trotz allem zu einem glücklichen «enfin content» findet, irgendwie.

Wortknall (benannt nach einem Einfall von Jürg Halter) bietet eine höchst anregende Fülle an lyrischen, performativen und erzählerischen Formen: argumentative Induktionsschleifen von Jens Nielsen, präzis getaktete Wortkaskaden von Narcisse, Stefanie Grobs atemlose Alltagsbeobachtungen oder Nora Gomringers atmosphärisch lichte Arvo Pärt-Referenz. Sogar die politische Corona-Aktualität blitzt zwischendurch auf, auch wenn Anna Freys gerappte Beobachtung «Kei Wälle» vor Corona entstanden sei, wie die Autorin sagt. Literatur ist halt auch visionär.

Christoph Simon

In Wortknall hat ebenfalls der Berner Christoph Simon seinen Auftritt. Sein Beitrag stammt aus dem Buch Der Suboptimist, das jüngst zusammen mit zwei weiteren schmalen Bändchen des Autors und Performers erschienen ist. Seit vielen Jahren pflegt Simon eine ganz eigene Mischung aus Wortpoesie und Erzählkabarett. Er ist zweifacher Schweizer Meister in Slam Poetry, und 2018 wurde er mit dem «Salzburger Stier» ausgezeichnet.

Angefangen hat Christoph Simon allerdings als Romanautor, nachdem er 1997 in New York durch Paul Austers Hand to Mouth erleuchtet wurde, wie er im Nachwort zu Der Suboptimist schreibt. 2001 debütierte er mit dem Roman Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen (Bilgerverlag), dem drei weitere Romane folgten, zuletzt 2010 Spaziergänger Zbinden (Bilgerverlag). Doch dabei sollte es nicht bleiben, wie er in besagtem Nachwort anfügt. 2012 besuchte er, als Stipendiat des Berner Kulturamts, abermals New York und entdeckte im Poet's Café die Sprechbühne; eine Erfahrung, die ihn zum «Bühnenpoeten» gemacht habe.

Umso erstaunlicher wirkt es auf den ersten Blick, dass der Band Der Suboptimist mit «Kleine Romane» untertitelt ist. Was wie ein Rückgriff auf eine ältere Schaffensphase klingt, ist im Grunde bloss ein grosses Missverständnis. Die darin enthaltenen Texten sind Bühnentexte. Christoph Simon pflegt live eine Erzählweise, die sich durch eine stoische Lapidarität und trockene Humorlosigkeit auszeichnet, welche erst recht zum Lachen reizt. Mit einer biedermännischen Erbarmungslosigkeit beschreibt er Banalitäten aus dem Alltag und schrecklich nette Familienverhältnisse, um auf der Suche nach Worten immer wieder Zuflucht in trefflichen, vielsagenden Sprachbildern zu finden. Dieser Erzählgestus allerdings will nicht ins Romangenre passen, wie es Der Suboptimist behauptet. Die fünf grossen Geschichten, die der Band umfasst, unterwerfen sich nur gezwungenermassen einer dramaturgischen Klammer. Egal ob der Ich-Erzähler von seinen skrupulösen Freundschaften erzählt oder von seiner Liaison mit Frau Fink – ein tragfähiger Plot kristallisiert sich kaum heraus. Es geht um etwas ganz anderes. Simon ist ein loser Erzähler – ein Loser als Erzähler auch –, dem das träfe Aperçu, die situative Übertreibung, die abschüssige Szene, die seltsame Beobachtung, die performative Pointe näher liegen als die narrative Gestaltung über längere Strecken. Der Beitrag in der Wortknall-Sammlung steht genau dafür. Christoph Simon hat ihn aus dem grösseren Zusammenhang herausgelöst – wodurch der Text seine Souveränität zurückgewinnt. Deshalb ist es empfohlen, den Suboptimisten nicht am Laufmeter zu lesen, sondern etappenweise. Erst so geht die Saat dieser Texte auf.

Wer immer den überforderten Rabenvater sucht, findet ihn bei Simon in seiner boshaften Gereiztheit trefflich festgehalten. Und wer mehr über das Selbstverständnis eines Dichters erfahren möchte, wird bei dieser legendären Beschreibung fündig:

Wer bin ich? Ein Poet. Und wer will ich sein? Ein Held möchte ich sein. (…) Ein Swiss Action Hero. Kann eine Operation am offenen Hirn ausführen und dazu einen Kindergeburtstag organisieren. Kann mit der einen Hand Luftpolsterfoliennoppen platzen lassen und mit der anderen ein Fixleintuch zusammenlegen.

In solchen Momenten zeigt sich der Meister. Christoph Simon hat einen ausgesprochen genauen Blick für die alltäglichen Dinge und ihre Tücken. In dem er sie schreibend verarbeitet, bereitet er nicht bloss Freude, sondern schärft auch die Optik der Lesenden. Dies geschieht speziell im schmalen Band Die Dinge daheim. In lockerer Anlehnung an Perecs Les choses oder Baudrillards «Das System der Dinge» inventarisiert er, was in einem Haushalt herum steht, liegt oder hängt. Dabei kommen die Dinge selbst zum Reden und behaupten ihr Eigenleben. Munkelnd warnt beispielsweise die Zaunlatte vor der «Biomasse» Mensch, denn «es ist nie gut, die Aufmerksamkeit von Biomasse auf sich zu lenken» – weil, wer weiss, was sie vorhat. Doch Unabhängigkeit ist es trotzdem nicht, was sie antreibt, denn in ihrem Denken und Reden nehmen die Dinge verräterisch menschliche Züge an. Es geht auch in ihren Ansprachen stets um gross und klein, arm und reich, freundlich und unfreundlich – um Beziehungsdinge halt. Hochmut ist zu erahnen, wenn der grosse Löffel den kleinen fragt: «Ist's das schon oder wächst du noch?»; und Schwermut, wenn der Kühlmagnet still vor sich hin sinniert: «Was hält mich hier noch?». Nicht selten entbergen die Klagen der Dinge auch bloss die Sorgen der biomassiven Anwender, wie exemplarisch im Fall der Packungsbeilage:

Die Packungsbeilage wünscht sich zutiefst, so zurückgefaltet zu werden, wie sie in der Packung vorgefunden worden war.

Es ist dieses Allzumenschliche und Doppeldeutige, das den Mikrodramen, -klagen und -dialogen ihre dingliche Mikrokomik verleiht.

Zwischen die missverstandenen Romane und die minimalen Szenen reiht sich schliesslich ein Gedichtband mit dem auftrumpfenden Titel und das nach vier milliarden jahren evolution ein. Schnörkellos hält Christoph Simon fest: «die luft ist schlecht / der tisch ist schlecht / der wein ist schlecht» usw. bis zur illusionslosen Titelzeile am Ende. Antoine Jaccouds «Mais on a pas été contents» klingt hier missmutig nach.

Nach diesem Listenprinzip ist ein Teil von Simons Gedichten gebaut. Eine Titelzeile leitet eine Auflistung ein, die mit einem Schlusssatz ins richtige Licht gerückt wird. Als zweites Muster gesellen sich Prosagedichte hinzu, die in locker gefügten Zeilen das Gerüst für eine Erzählung skizzieren, nicht selten subjektlos und im Konditional, um allzu gerne in einer kleinen Boshaftigkeit zu enden. Wobei, apropos Boshaftigkeit: Sie kann sich auch mitten im Gedicht manifestieren:

wir waren mit meinem onkel auf dem feld.
die spatzen sammelten sich um die essensreste,
die wir ihnen hingestellt hatten.
wir warteten, bis es ein rechter haufen war,
und dann bewarfen wir sie mit steinen.

Hier haben wir ihn wieder, den ungerührten Erzähler, der sich in einem «aufmunterndem selbstgespräch» einen «elenden aufzähler!» schimpft. Auch in den Gedichten bleibt er sich treu: als Bühnenkünstler und Causeur, der seine Pointen und Boshaftigkeiten gut in den Sprechpausen und zwischen den Worten versteckt.