Zu Gast bei den Solothurner Literaturtagen
Fabio Andina, Marie-Hélène Lafon, Bruno Pellegrino, Muriel Pic
Die 43. Solothurner Literaturtage finden auch dieses Jahr als Online-Festival statt.
Vom 13. Bis 16. Mai 2021 lassen sich rund 100 Veranstaltungen live auf literatur.ch miterleben. Dabei gibt es drei verschiedene Formate: «Hören» und «Sehen» bietet die Lesungen, Gespräche, Performances und Konzerte fürs Ohr oder gleichzeitig auch fürs Auge an, während «Mitmachen» bei beschränkten Teilnehmerzahl Gelegenheit gibt, mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch zu kommen.
Unter folgenden Links geht es zum Programm der Solothurner Literaturtage und zum Kauf der Tickets.
In Zusammenarbeit mit den Solothurner Literaturtagen stellt Viceversa einem deutschsprachigen Publikum die Bücher zweier Autorinnen und zweier Autoren aus dem französischen und aus dem italienischen Sprachraum vor. Die Audio-Einführungen geben einen Einblick in die Bücher und bereiten die Leserinnen und Leser darauf vor, den Veranstaltungen in Originalsprache zu folgen.
Audio-Einführungen
1. Bruno Pellegrino: Dans la ville provisoire. Éditions Zoé.
Lesung: Samstag, 12.00-12.40
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2. Marie-Hélène Lafon: Histoire du fils. Éditions Buchet-Chastel.
Lesung: Samstag 15.00-15.40 / Club+: Sonntag, 12.00-13.00
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3. Fabio Andina: Sei tu, Ticino? Rubbettino Editore.
Lesung: Samstag 21.00-21.40
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4. Muriel Pic: Affranchissements. Éditions du Seuil.
Lesung: Sonntag 10.00-10.40
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Einführungstexte
1. Bruno Pellegrino: Dans la ville provisoire. Éditions Zoé.
Lesung: Samstag, 12.00-12.40
«L’eau dessinait des motifs sur les vitres, qui se sont brouillés quand le train a redémarré après la dernière gare de la terre ferme.»
«Das Wasser zeichnete Muster auf die Scheiben; sie verwischten sich, als der Zug nach dem letzten Bahnhof auf dem Festland wieder anfuhr.»
L’eau – das Wasser ist das erste Wort dieses kurzen Romans. Und das Wasser ist in gewissem Sinn auch seine Hauptfigur. Ein Zug fährt über einen Damm durch das Meer, rechts und links ragen Gruppen von je drei zusammengebundenen Pfählen aus dem Wasser. Die Stadt wird nie genannt – sie kommt nur in dem Zitat vor, das dem Buch vorangestellt ist, aus den Unsichtbaren Städten von Italo Calvino: Natürlich ist es Venedig. Wie kann man ein weiteres Mal über Venedig schreiben? Bruno Pellegrino kann es, und erst noch, indem er genau die Themen aufnimmt, die in der Literatur mit Venedig verbunden sind. Wie in Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit geht es um die Frage, was wir mit unseren Tagen machen und was schliesslich davon bleibt. Wie in Thomas Manns Tod in Venedig geht es um die Kunst, um das homosexuelle Begehren und um den Tod. Und trotzdem ist alles ganz anders.
Der Venedig-Besucher ist ein junger Mann von heute, ausgestattet mit Handy und Laptop. Er bezieht sein Zimmer im Studentenheim, das etwas abseits vom Stadtzentrum auf einer Insel liegt. Jeden Tag wird er mit dem Schiff ins Zentrum fahren und zu einem Haus im alten Quartier im Osten gehen, wo er arbeitet. Er ist von einer Stiftung damit beauftragt, den Nachlass einer bekannten Übersetzerin zu sichten und zu ordnen. Übersetzer sind selten bekannt, und Übersetzerinnen noch seltener, aber diese Frau, deren Namen nie genannt wird, sollte für ihr Lebenswerk in ihrer Heimatstadt einen Preis entgegennehmen. Am Tag ihrer Abreise wurde sie jedoch verwirrt aufgegriffen und musste in eine Klinik auf dem Festland eingewiesen werden. Der ebenfalls namenlose Ich-Erzähler richtet sich tagsüber im Haus der Übersetzerin ein. Sie wusste ja nicht, dass sie nicht dahin zurückkehren würde, und hat ein beträchtliches Chaos hinterlassen. Er wirft verschimmelte Lebensmittel weg und inventarisiert die schriftlichen Zeugnisse, die er zusammenträgt – von Notizen und Entwürfen für ihre Übersetzungen über Postkarten und Briefe bis zu Kassenzetteln. So taucht er in das Leben dieser fremden Person ein, das er sich vorstellt. Er trinkt ihren Tee und kocht Risotto in ihrer Küche, trägt ihren Nagellack Minuit taupe (Maulwurfsmitternacht) auf und einmal zieht er sogar ihr Abendkleid an, das sie beim Packen aufs Bett gelegt hatte. Und er liest die Bücher, die sie übersetzt hat. Sein eigenes Leben im Studentenheim ist sehr karg. Er hat praktisch keine Kontakte und bewegt sich nur zwischen seinem Zimmer und der meist leeren Gemeinschaftsküche mit dem Kaffeeautomaten und dem Mikrowellenherd.
Warum hat er diese Arbeit angenommen und wie hat er vorher gelebt? Klar wird nur, dass er wegwollte, dass er sein WG-Zimmer gekündigt hat und am liebsten unerreichbar ist. Handyverbindung und Internet hat er nur im Studentenheim. Er wechselt einige SMS mit seiner früheren Mitbewohnerin, die ein Kind erwartet. Und er weiss von seiner Mutter, dass es der Grossmutter immer schlechter geht. Solange ihn keine Nachricht erreichen kann, solange wird die Grossmutter weiterleben – so vielleicht sein magisches Denken. Aber in der heutigen Zeit bleibt man ja nie lange unerreichbar, und er telefoniert dann doch mit der Mutter, nachdem sie drei Nachrichten hinterlassen hat. «Nous n’avons pas parlé longtemps, de toute façon je rentrais bientôt» (Wir haben nicht lange gesprochen, ich würde sowieso bald zurücksein). Mehr braucht es nicht, den Rest denkt sich der Leser /die Leserin selber.
Sehr Vieles wird nicht ausgesprochen in diesem kurzen, dichten Roman, ist aber in starken Bildern und filmisch präzisen Beobachtungen präsent. Eines Morgens geht der Blick des Erzählers nach dem Aufstehen über den mit Hochwasser gefluteten Rio zu einem anderen Mann am Fenster, der dem jungen Fremden vielleicht ein Zeichen sendet, sich dann langsam auszieht und masturbiert.
Venedig ist eine provisorische Stadt für die Menschen, die sich dort aufhalten – die Touristen bleiben häufig nur einen Tag, der Ich-Erzähler mehrere Wochen, die Übersetzerin dreissig Jahre. Die Stadt ist aber auch provisorisch, weil das Wasser an ihr leckt und hochsteigt, bis es sie zum Verschwinden gebracht haben wird. Wie verschwindet eine Stadt? Wie verschwindet ein Mensch? Und was bleibt nach dem Verschwinden?
Schon einmal hat Bruno Pellegrino über einen abwesenden Menschen geschrieben, den er nicht persönlich gekannt hat, mit dessen Werk er sich aber eingehend befasst hat: Es war der 1897 geborene Waadtländer Dichter Gustave Roud, der mit seiner Schwester Madeleine bis 1976 in Carrouge lebte. Dem Geschwisterpaar Gustave und Madeleine Roud ist Pellegrinis zweiter Roman Là-bas août est un mois d’automne gewidmet. Er wird demnächst in der Übersetzung von Lydia Dimitrow im Bieler Verlag die brotsuppe erscheinen. Lydia Dimitrow hat schon Pellegrinos Erstling, den Reiseroman Comme Atlas, übersetzt. Das faszinierende Reisebuch der Generation Praktikum erschien bei Rotpunktverlag unter dem Titel Atlas Hotel. In einem Interview sagt der Autor, die wichtige Rolle einer Übersetzerin in seinem dritten Roman sei auch den Diskussionen mit seiner Übersetzerin Lydia Dimitrow entsprungen.
Im Buch über Gustave Roud stehen die Erde, die Landschaft, die Pflanzen und Vögel, die Felder, durch die der Dichter gewandert ist, im Zentrum – Dans la ville provisoire gibt sich mit allen Sinnen dem fliessenden Element hin, mit seinen Gerüchen und seinem Getier, den Möwen, Fischen und Quallen, mit den Geräuschen, den Sirenen, die das acqua alta ankünden. Pellegrino schafft es, diesem gleichmütig, allmählich und unerbittlich alles verschlingenden Wasser eine eigene Sprache zu verleihen und eine eigene Atmosphäre, die einen in den Bann zieht – mit einer zugleich bedrohlichen und tröstlichen Faszination.
2. Marie-Hélène Lafon: Histoire du fils. Éditions Buchet-Chastel.
Lesung: Samstag 15.00-15.40 / Club+: Sonntag, 12.00-13.00
Marie-Hélène Lafon ist im ländlichen Frankreich geboren und auf einem Bauernhof aufgewachsen, im Département Cantal in der Auvergne, dem «pays perché», wie sie es nennt: das Land, das oben hockt, eine raue Welt der «moyenne montagne», des Mittelgebirges, auf 1000 Metern Höhe. Sie kam 18-jährig nach Paris, wo sie nun seit vierzig Jahren lebt. Nach einem Latein und Griechisch-Studium mit Doktorat unterrichtet sie am Gymnasium. Sie kehrt regelmässig in den Cantal zurück. Wie ihr Leben ist auch ihr Werk geprägt vom Kontrast zwischen Stadt und Land. Gerade in Frankreich glaubte man, als Autor oder Autorin könne man nur in Paris leben und über Paris schreiben. So brauchte sie lange, bis sie sich traute, zu schreiben. Mit 39 Jahren veröffentlichte Marie-Hélène Lafon ihren ersten Roman im Verlag Buchet-Chastel, Le Soir du chien. Es folgen rund fünfzehn Romane und Bände mit Kurzgeschichten, und dazu einige Essais. Sie sagt, alle ihre Bücher seien leidenschaftlich autobiografisch – wobei Aussenstehende nicht unbedingt erkennen, was daran autobiografisch ist. Am eindeutigsten ist es in Les Pays, in dem eine junge Studentin aus der Provinz für das Studium nach Paris kommt.
Auf Deutsch erschienen ist bisher der Roman L’Annonce, in der Übersetzung von Andrea Spingler im Rotpunktverlag, Die Annonce. Die Geschichte könnte man «Bauer sucht Frau» nennen: es geht um den 46-jährigen Paul in der Auvergne, der nicht allein bleiben will und deshalb eine Anzeige aufgibt. Die Städterin Annette antwortet auf die Annonce. Annette ist in einer schwierigen Situation: Sie hat einen elfjährigen Sohn, Eric, von dessen gewalttätigem und alkoholsüchtigen Vater sie sich getrennt hat. Paul und Annette treffen sich, und danach geht Annette das Wagnis ein und zieht mit Eric zu Paul. Es ist alles andere als einfach – Pauls Umfeld, seine Onkel und seine Schwester, heissen die Fremde nicht willkommen, sondern begegnen ihr voller Misstrauen und Ablehnung. Trotzdem gelingt eine zarte Annäherung zwischen der Städterin und dem Bauern.
Die Annonce ist ein wunderschönes, von Andrea Spingler stimmig übersetztes Buch, sehr empfehlenswert als Einstieg ins Werk der Autorin.
Das jüngste Buch von Marie-Hélène Lafon, Histoire du fils, hat in Frankreich den Prix Renaudot 2020 gewonnen. Es ist eine Familiensaga, allerdings kein dicker Wälzer, sondern ein 170-seitiges Buch. Es erzählt die Geschichte zweier Familien: Der Léoty aus dem Département Lot und der Lachalme aus Chanterelle im Cantal. Die Erzählung ist auf zwölf Tage verdichtet: es sind zwölf Kapitel oder eher zwölf «Tableaux», Bilder, wie Marie-Hélène Lafon es nennt. Tatsächlich ist jeder Tag eine Momentaufnahme im Leben eines der Familienmitglieder. Der erste Tag spielt 1908 und der letzte 2008. Das Buch erstreckt sich also über genau hundert Jahre. Doch die Reihenfolge der zwölf Tage ist nicht chronologisch, was die Lektüre nicht ganz einfach, aber sehr bewegt und interessant macht. Und wer ist nun der Sohn dieser Geschichte, dieser Histoire du fils? Es kommen mehrere Söhne vor, aber vor allem geht es um André, das Bindeglied zwischen den beiden Familien, auch wenn sie es gar nicht wissen: Andrés Mutter ist Gabrielle Léoty und sein Vater Paul Lachalme. André wurde 1924 geboren. Gabrielle ist eine «fille mère», wie man damals sagte, heute hiesse das eine «mère célibataire», eine unverheiratete Mutter. Und erst noch eine «vieille fille mère», denn sie ist schon 38 Jahre alt bei Andrés Geburt. Sie lässt den Jungen bei ihrer Schwester Hélène auf dem Land aufwachsen. Sie selbst lebt alleine in Paris. Und so hat André zwei Mütter, seine mère in Paris, die er selten sieht, und seine maman in Figeac. Seine Ziehfamilie ist liebevoll, aber André fragt sich immer, wer wohl sein Vater ist. Während des Kriegs geht der junge Mann in den Maquis, er kämpft also gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg findet er Arbeit in einer Fabrik, heiratet Juliette und hat dann selbst einen Sohn, Antoine. Er lebt mit seiner Familie in Toulouse. Erst am Tag seiner Hochzeit gibt Gabrielle den Namen des Vaters preis: Paul Lachalme, der Sohn einer besser gestellten Familie aus Chanterelle. Paul ist unterdessen Anwalt in Paris. André findet seine Adresse und fährt hin – ob und wie es zu einer Begegnung kommt, sei hier nicht verraten.
Nicht alle zwölf Tage sind aus Andrés Perspektive erzählt. Das Buch beginnt aus der Sicht des vierjährigen Zwillingsbruders von Paul Lachalme, des kleinen Armand, an einem Tag, an dem sich eine schreckliche Tragödie ereignet. Später sieht man den sechzehnjährigen Paul im Internat in Aurillac. Paul lernt dort die doppelt so alte Gabrielle Léoty kennen, die in seiner Schule als Krankenschwester arbeitet. Nach dem Bac, der Matur, studiert er in Paris und hat eine erste Beziehung mit Gabrielle. Aus Gabrielles Perspektive sieht man ihr einsames Leben in Paris und aus derjenigen der Ziehmutter Hélène das Familienleben in Figeac. Am Schluss folgen wir Andrés Sohn Antoine, der aus Kanada angereist ist, wo er mit seiner Familie wohnt.
Von einem Ort zum andern, von einer Figur zur anderen entsteht jedes Mal eine konkrete, ganz präsente Lebenswelt. Interessanterweise spricht die Autorin vom Schreiben wie von der körperlichen Arbeit auf dem Land: Die Texte entstehen in ihrem «établi», in der Werkstatt, und müssen reifen wie der Käse im Keller. Das Schreiben geht durch ihren Körper, indem sie ihre Texte immer laut liest. Ihr Verhältnis zum Wort und zum Satz ist sehr sinnlich. Eines ihrer Lieblingswörter ist die «Incarnation»: das Fleisch-werden. In ihrer Sprache werden die Menschen und die Dinge sinnlich spürbar, das Wort wird tatsächlich Fleisch. Niemand kann so wie sie die den Körper in seinem Umfeld erfahrbar machen: die kalten Füsse beim Lernen im Internat, die Arbeit mit den Händen in Haus und im Garten, die Jahreszeiten. Sie ist aber auch eine feine Beobachterin dessen, was in der Seele vorgeht – sie zeigt die Gefühle in den Gedanken und Handlungen ihrer Personen und in den Dingen, mit denen sie sich umgeben. In Marie-Hélène Lafons Sprache findet sich genau wie in ihrem Leben die ländliche Welt und die literarische Tradition: Gleich im ersten Kapitel stehen Bauernregeln und Sprichwörter wie «on ne mélange pas les serviettes et les torchons» (man wirft nicht alles in einen Topf) «qui va à la chasse perd sa place», (Wer weggeht, verliert seinen Platz) «qui dort dîne» (wer schläft braucht nicht zu essen), «Qui sème le vent récolte la tempête» (Wer Wind sät, wird Sturm ernten», «les chiens ne font pas des chats» (der Apfel fällt nicht weit vom Stamm). Diese alten Weisheiten verweben sich mit poetischen Beobachtungen, mit rhythmisch und klanglich ausgefeilten Sätzen, mit literarischen Anspielungen z.B. auf Gustave Flaubert. In einem Interview vergleicht die Autorin das Schreiben mit einer Wanderung im Gebirge: der Horizont verschiebt sich immer wieder. So geht es einem auch beim Lesen. Nach den zwölf Tableaux verlässt man das Buch anders, als man hineingegangen ist: gut durchgelüftet und voller Bilder.
3. Fabio Andina: Sei tu, Ticino? Rubbettino Editore.
Lesung: Samstag 21.00-21.40
Kennen Sie Fabio Andinas Roman La pozza del Felice? Er erschien in ausgezeichneter deutscher Übersetzung von Karin Diemerling bei Rotpunktverlag. Tage mit Felice spielt in Leontica im Bleniotal. Der Ich-Erzähler folgt dem alten Felice, der jeden Morgen früh auf einen Berg steigt und in ein Wasserloch eintaucht – sommers wie winters. Felice bestellt den Garten, bringt seinen Nachbarn Gemüse, Kaki oder Pilze vorbei und bekommt dafür einen Käse. Lakonisch und humorvoll beschreibt Andina das Dorfleben – weitab vom Konsumwahn der modernen Welt. Gerade zu Coronazeiten traf das Buch offensichtlich einen Nerv, es wurde ein Riesenerfolg. Nun veröffentlicht der Autor beim gleichen Verlag in Italien eine Sammlung mit Kurzgeschichten. Hier der Anfang:
«A me mi piace di pensarla così. Che si è addormentato e allora non si è neanche accorto dello schianto che l’ha ucciso nella sua BMW M5 F10, biturbo da 560 cavalli.
Bianca.
Interni in pelle.»
«Also ich stell’ es mir am liebsten so vor. Dass er eingeschlafen ist und gar nichts vom Crash mitgekriegt hat, bei dem er ums Leben gekommen ist in seinem BMW M5 F10, Biturbo, 560 PS.
Weiss.
Lederausstattung.»
Der junge Mann, der bei einem Autounfall gestorben ist, ist der Seba. Ein Fan der Rockband Dire Straits, unterwegs vom Tessin nach Deutschland, zu einem BMW-Treffen. Erzählt wird die Geschichte abwechslungsweise von einem Freund und von Sebas Vater. Gleich beim ersten Satz ist klar, dass es sich um gesprochene Sprache handelt, mit der doppelten Betonung des Ichs. «A me mi piace di pensarla così». Die schlimme Nachricht von Sebas Tod kommt sofort, ohne Umschweife – und wenn sie nicht traurig wäre, wäre es fast komisch, wie der ebenfalls BMW-besessene Erzähler nicht umhin kann, die technischen und ästhetischen Details des Fahrzeugs zu vermelden, in dem sein Freund gestorben ist. Fabio Andinas Figuren sind meist keine grossen Redner, und wenn sie sprechen, dann so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Deshalb heissen die Geschichten auch nicht nur nach den Protagonisten Seba, Michi, Fede, Teo sondern Il Seba, mit dem Artikel, den man im Tessin voranstellt, Il poro Michi (von il povero Michi, der arme Michi, hier der Michi selig), il Fede, Il piz del Teo. Von den sieben Geschichten des Bandes tragen alle einen Namen im Titel, ausser die zweite, die «Autostop» heisst. Gerade diese Geschichte ist sinnbildlich für den Band und seine Erzählsituation: Ein Ich-Erzähler steht am Strassenrand und hält den Daumen hoch. Der Verkehr fliesst zäh, «quasi tutti frontalieri italiani». Der Hinweis auf die italienischen Grenzgänger situiert die Geschichte sofort im Tessin, vielleicht im Malcantone bei Ponte Tresa, wo Andina wohnt.
Der Autostopper hat kein festes Ziel. Wenn jemand anhält und ihn fragt, wohin er will, antwortet er, «wohin auch immer Sie gehen». Im Auto hört er zu, was man ihm erzählt. Eine elegante Dame redet ohne Unterbruch von ihrer dummen Schwester («quella cretina») und von deren Tochter, der armen Michela («la pora Michela»), die mit vierzehn Jahren schon raucht und trinkt und der Tante das Auto vollgekotzt hat – jetzt weiss der Autostopper auch, wonach es trotz zweier Duftmännchen riecht. Die signora hat viel Zeit zum Reden – im Grenzverkehr braucht sie täglich mehr als eine Stunde für fünfzehn Kilometer. Der nächste, der ihn mitnimmt, ist ein junger Mann, der seinen Bruder im Gefängnis besuchen geht. Der Bruder hat den neuen Partner seiner Exfrau spitalreif geschlagen. Er wollte eigentlich nur sein Kind sehen, das die Exfrau ihn nicht besuchen liess. Der Mann erzählt die Geschichte lebhaft, imitiert dabei die Stimmen seines Bruders und seiner Ex-Schwägerin. Der nächste Autofahrer hingegen sagt kein einziges Wort, dafür läuft am Radio eine Diskussion über den modernen Lebensstil: umweltgerechtes Reisen und vegane Ernährung. Der Schweigsame fährt ins Spital – weshalb, bleibt sein Geheimnis. Zuletzt nimmt ein Paar den Autostopper mit. Der Mann und die Frau sprechen miteinander von der Postangestellten Vanda. Wie es bei Ehepaaren vorkommt, gilt der Dialog der beiden eigentlich dem externen Zuhörer, da sie beide die Diskussion längst kennen. Zuletzt hört der Autostopper sich in einer Bar alle Geschichten nochmals an, die er heimlich aufgenommen hat. So wird er zur Figur des Autors, der die Geschichten der anderen aufzeichnet.
Sei tu, Ticino? Bist du das, Tessin? Die etwas ungläubige Frage könnte sich darauf beziehen, dass die hier versammelten Geschichten nicht den Tourismus-Clichés des Tessins entsprechen. Weder Sonnenstube der Schweiz, wie es die Deutschschweizer sehen, noch Schlaraffenland, in dem alle reich und glücklich sind und die Natur geniessen, wie man es sich in Italien vorstellt: Andinas Geschichten sprechen von Verkehr und Umweltverschmutzung, von zerbrochenen Familien, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Mobbing und Gewalt. Die Schönheit der Berge ist allerdings ein starker Gegenpol – zum Beispiel, wenn zwei alte Männer, l’Eros und il Teo, zusammen mit ihrem Hund Subaru auf die Alp fahren, das letzte Stück mit einem Holzkreuz auf dem Rücken hochkeuchen, das sie dann auf der Bergspitze aufstellen. In einem Interview sagt Andina, La pozza del Felice / Tage mit Felice sei kristallines Bergwasser – Sei tu, Ticino? hingegen schon eher eine pozzanghera, ein Schlammloch. Trotzdem bleibt der Erzählton der Kurzgeschichten in seiner gesprochenen Melodie leicht und humorvoll, ohne Pathos. Der Seba, die Michela, der Fede und der Teo sind regional verankert, was sie tun oder was ihnen zustösst, ist nur allzu menschlich.
4. Muriel Pic: Affranchissements. Éditions du Seuil.
Lesung: Sonntag 10.00-10.40
«J’ai retrouvé la collection de timbres par hasard, au grenier chez ma mère, en cherchant des papiers pour un déménagement. C’était au printemps 2017, j’étais dans un profond désordre intérieur et il me semblait que rien ne tenait ma vie.»
«Zufällig habe ich auf dem Dachboden meiner Mutter auf der Suche nach Dokumenten für einen Umzug meine Briefmarkensammlung wiedergefunden. Das war im Frühjahr 2017, ich befand mich in einem tiefen inneren Durcheinander und es schien mir, nichts halte mein Leben zusammen. Ich dachte über die Freiheit nach, über die Möglichkeit, einen Willen, vor allem einen Wunsch, mit letzter Konsequenz zu verfolgen. Die mit der Migration einhergehende internationale Katastrophe, die Utopie einer Abschaffung der Grenzen durch die virtuelle Welt, das Gefühl, eingesperrt zu sein aufgrund einer Situation in meinem Privatleben, meine prekäre berufliche Lage, dies alles löste in mir in ein noch nie empfundenes Gefühl der Entfremdung aus. Ich näherte mich der Mitte meines Lebens und wollte alles über den Haufen werfen, ich führte lange Selbstgespräche über den Schwindel. Jetzt sage ich mir, dass ich bestimmt durch all dies durch musste, um Jim wiederzufinden. Aber damals wusste ich es noch nicht, als ich langsam die Seiten meines Albums umblätterte, auf dem von Staub wie Samt überzogenen Boden sitzend.» (Muriel Pic, Affranchissements, S.63, Arbeitsübersetzung rg).
Wie Dante am Anfang der Göttlichen Komödie fühlt sich die Erzählerin in der Mitte ihres Lebens verloren in einem dunklen Wald der inneren Verwirrung. In dieser Situation findet sie die Briefmarkensammlung ihrer Kindheit wieder. Ihr in England lebender Grossonkel Jim hat ihr als Kind die Philatelie nahegebracht. Monat für Monat schickte er ihr neue englische Sonderbriefmarken. Die Grossnichte liess sich zuerst begeistern lassen, verlor mit der Zeit aber das Interesse an den Sendungen. Auf dem Estrich bemerkt die nun erwachsene Frau, dass die letzten Umschläge, die von 1999 bis 2001 ankamen, verschlossen geblieben sind. Jetzt öffnet sie die Briefe und findet darin Marken, die zum Millenniumswechsel an das verflossene Jahrtausend erinnern.
Diese Briefmarken erweisen sich als ein Kondensat verschiedener Fragen, die die Erzählerin umtreiben: da ist der Umgang der Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit. Die Marken sind aber auch ein Stück eigener Familiengeschichte, verbunden mit der speziellen Beziehung der Nichte zum Grossonkel Jim. Die Marken sind ein Kunstobjekt, das sich im Detail bewundern lässt, mit einer Lupe, die Jim dem Kind eigens dafür geschenkt hat. Die Briefmarken dienen aber auch als Geldwert: einen Brief frankieren heisst, Porto bezahlen. Man nennt den Vorgang auch, einen Brief freimachen, „frank“ und „frei“ sind verbunden.
Daher kommt der Titel des Buchs von Muriel Pic: «Affranchissements» im Plural bedeutet Frankierungen und Freimachungen. Überlegungen zur Freiheit, Versuche, sich frei zu machen, frei zu werden – darum geht es in Muriel Pics Buch. Im Französischen heisst der Untertitel „récit“, was auf eine autobiografische Erzählung hinweist. Das ist es unter anderem – der Begriff der Freiheit gilt auch für die Erscheinungsform dieses Buchs: Es lässt sich in keine Kategorie einsperren. Es vereint autobiografische Erzählung, Familienarchiv, Geschichtsforschung, Essay über politische, ökonomische, literatur- und übersetzungskritische Fragen – und nicht zuletzt Poesie. Jims Leben und Tod erscheint in einem langen Gedicht auf Englisch und Französisch, das in Fragmenten über das ganze Buch verteilt ist.
Wie in den Briefmarken verbinden sich auch in der Person des Grossonkels Jim zentrale Themen, die die Autorin in alle Richtungen auslotet: Jim war wegen einer Knochentuberkulose seit seiner Kindheit bucklig. Und schon kreist der Text um den Buckel, der im Volkglauben Engelsflügel enthält, oder den anzufassen Reichtum verheisst. Walter Benjamins «buckliges Männlein» taucht auf und die buckligen Dichter und Denker Giacomo Leopardi und Antonio Gramsci. Als Kind war Jim im Schweizer Kurort Leysin und wurde dort einer Sonnenlichttherapie unterzogen. Bis er fünfzehn war lebte er im Hotel Bellevue in Menton, das der Familie gehörte. Später gingen die Hotels der Familie Konkurs. Jim wurde Gärtner und kümmerte sich um den Garten der Universität London. Sein Ehrgeiz war, eine Trockenwiese wachsen zu lassen, wie die Nichte anhand seiner Aufzeichnungen verfolgen kann.
Neben dem Gärtner Jim spielt der Dichter William Carlos Williams eine wichtige Rolle in Affranchissements: vor allem Williams 1923 erschienener Band Spring and All, den die Erzählerin kauft, um ihn Jim zu schenken, den sie schliesslich dann aber für sich behält. An Willam Carlos Williams Gedichtband fasziniert sie die Unordnung, die Freiheitslust und Sprunghaftigkeit: Spring, der Frühling, verbindet sie mit dem Sprung der sauterelle (schweizerdeutsch Heugümper) und dem Gedankensprung. Sprunghaft, assoziativ, schreibt die Autorin ganz bewusst: Ihrem Buch stellt sie ein Zitat von Auguste Blanqui voran: «Seul le chapitre des bifurcations reste ouvert à l’espérance». Nur das Kapitel der Abzweigungen bleibt offen für die Hoffnung. Sprünge und Abschweifungen gehören also zur Freiheit und Beweglichkeit, die sich die Autorin erkämpft.
Und so findet sich nach Betrachtungen zur Schuld, la dette, die ökonomisch oder moralisch sein kann, genau wie der crédit (der Kredit oder das Vertrauen), auch ein witziger und treffender Exkurs über die unsäglichen Credit points der heutigen Universitäten.
Neben unterschiedlichen Textsorten enthält das Buch auch verschiedene Bilddokumente: Fotos aus dem Familienalbum, Abbildungen der Briefmarken, ein Werk des Schweizer Fotografen Jakob Tuggener.
Die Verbindung von Archiv und Literatur, von visuellen Dokumenten mit Essay und Poesie in Montage-Arbeit charakterisiert das Werk von Muriel Pic. Die in Zürich lebende Autorin, Übersetzerin und Literaturkritikerin lehrt französische Literatur an der Universität Bern. Sie hat u.a. zu Henri Michaux und W.G. Sebald publiziert und Walter Benjamin übersetzt. 2016 veröffentlichte sie ihre Elegies documentaires / Elegische Dokumente. Eine zweisprachige Ausgabe mit der Übersetzung von Lukas Bärfuss erschien 2018 im Wallstein Verlag. Ausserdem drehte sie den Kurzfilm Bêtes et miettes und veröffentlichte En regardant le sang des bêtes.
Für Affranchissements erhielt sie die Auszeichnung Mention spéciale Prix Wepler. Die Jury charakterisierte den Text als kühn, gelehrt, ausschweifend, poetisch und unmöglich einzuordnen – kurz, als äusserst anregend und elektrisierend.