« Sehnsucht » de traduction
Petit aperçu du concours de traduction aller-retour
«Sehnsucht» nach Übersetzung
Kleiner Einblick in den Übersetzungswettbewerb aller-retour
von Lydia Dimitrow und Camille Luscher
Ein Gedicht übersetzen: ein verrücktes, unmögliches, utopisches Unterfangen?
Zweifellos.
Und gerade deshalb möchte man es vielleicht versuchen.
Das Gedicht von Eva Maria Leuenberger (siehe unten), das den Teilnehmer*innen des Übersetzungswettbewerbs aller-retour vorgelegt wurde, handelt von einem dieser unübersetzbaren deutschen Wörter: Sehnsucht.
Geht es beim literarischen Übersetzen in gewisser Weise nicht genau darum? Um den Wunsch, einen Text zu verstehen und ihn mit anderen zu teilen; das Bedürfnis, dieses Etwas, das uns berührt, festzuhalten und uns anzueignen; dieses sich hingezogen fühlen zum anderen, verbunden mit der Wehmut des Unmöglichen.
Was macht eine gelungene Übersetzung aus? Gibt es sie überhaupt? Man strebt «sehnsüchtig» danach. Gute Übersetzungen sind solche, die mit dem Originaltext in einen Dialog treten, berühren, hinterfragen, nachhallen, und einen poetischen Raum erschliessen, der zum Entdecken einlädt.
Jede Übersetzerin und jeder Übersetzer begegnet dem Text auf seine Art, macht ihn sich auf seine Weise zu eigen. Der übersetzte Text wird geprägt durch seine Sicht auf die Welt oder zumindest auf die Literatur, sein Feingefühl, aber auch durch das Verhältnis zur eigenen Sprache.
Um diese vielfältige Sicht auf Übersetzung abzubilden, beinhaltete der Wettbewerb gleich mehrere Preiskategorien; das Podest machte einer Vielzahl gleich hoher, willkürlich im Raum verteilter Stufen Platz: dem Preis für Musikalität, Kohärenz, Sprache, Mut, …
Angesichts der auffallenden Qualität der Beiträge sind weitere Sockel dazugekommen, die beispielsweise eine besonders erfolgreiche Zusammenarbeit auszeichneten oder eine bemerkenswerte Zweisprachigkeit – und sogar eine Nicht-Übersetzung: ein Gedicht, einem Echo gleich, das Ideen und Metaphern aufgreift, um sie frei in eine andere poetische Welt zu übertragen.
Jede Entscheidung hat etwas Willkürliches an sich, und so manches Gedicht hätte eine Erwähnung verdient. Die Arbeit einer Jury ähnelt jener an einer Übersetzung: Sie findet im Moment selbst statt, mithilfe überzeugender Argumente, die man eine Stunde später jedoch genauso gut wieder verwerfen könnte. Was macht letztendlich den Unterschied aus? Ein nicht wirklich fassbarer Rhythmus, ein Hauch.
In einer Collage wollten wir die Bandbreite an Lesarten, Lösungen und Entscheidungen hörbar machen, die sich wie eine Blütenkrone um das Original ausbreiten.
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Ein Wort ruft ein Bild, ein Gefühl wach, und schon verschliesst man vor Interpretationsfehlern die Augen. «Tard» anstelle von «Bar» zu verstehen ist weniger schlimm als eine flache Zeile oder eine seelenlose Formulierung. Umso mehr, als dass es sich um einen Wettbewerb handelt, ohne eine Veröffentlichung zum Ziel zu haben, welche begleitet und – ein fundamentaler Schritt jeder Übersetzung – gegengelesen würde. So kommt es, dass sich die Sehnsucht, «nostalgie» oder wie dieses mysteriöse Gefühl auf Französisch genannt werden soll, im fünften Vers in ein Fenster verwandelt, obwohl das Original keinen direkten Vergleich dieser beiden Wörter vornimmt, sondern lediglich eine Gegenüberstellung.
Auch wenn es keine beste Übersetzung gibt, so gibt es doch ein paar Lieblingsübersetzungen. Daraus haben wir drei ausgesucht, um hier Eva Maria Leuenbergers Gedicht als Ganzes auf Französisch wiederzugeben.
Häufig haben die Teilnehmer'innen in ihren Übersetzungen ins Französische Reime verwendet, wo es im Original keine gab. Ein Hinweis darauf, dass der Reim in der französischen Tradition nach wie vor ein starker poetischer Marker ist, gleichbedeutend mit Rhythmus und Musikalität.
Ein riskantes Unterfangen, das von Raphaela Almeida Dias vom Collège de Saussure in Genf und Gewinnerin des Preises für Musikalität, mit Bravour gemeistert wurde. Indem sie sich an das Wortfeld des Originals hält, ist ihr ein Reimgedicht gelungen, ohne zu viele Bilder hinzuzufügen. Die Harmonie und Sanftheit, die daraus entstanden sind, finden über einen Umweg zum Rhythmus der deutschen Version zurück.
Anthony Hermann und Luduvine Vesin vom Kollegium Heilig Kreuz in Freiburg haben gemeinsam eine gleichzeitig kreative und präzise Übersetzung geschaffen. Ihre gewagte Entscheidung, die mit »le vague à l’âme« übersetzte Sehnsucht in eine »vague« zu verwandeln, verleiht dem Ganzen eine Bewegung, die es der in »Sehnsucht« enthaltenen Spannung näherbringt.
Der bereits erwähnte Preis für die Nicht-Übersetzung geht an Chloé Devaud vom Kollegium St. Michael in Freiburg, deren Gedicht die Essenz des Originals interpretiert. Die Nicht-Übersetzung ist in erster Linie eine Übersetzung, die vor allem als Beziehungsverhältnis gesehen werden kann. Dieses kann von unterschiedlicher und vielseitiger Natur sein, und ist doch vor allem kausal: Ein Text bedingt den anderen, und wir können fest davon ausgehen, dass es das Gedicht von Chloé Dévaud ohne das Original von Eva Maria Leuenberger in dieser Form und mit diesen Worten nicht gegeben hätte.

Im Rahmen der Festivals für Übersetzung und Literatur aller↔retour, das am 6. März 2021 live aus Freiburg übertragen wurde, war ein Übersetzungswettbewerb lanciert worden, der sich an Amateur'innen und Schüler'innen der Mittelstufe richtete. Die unterschiedlichen Auszeichnungen sollen die Vielzahl der Kriterien hervorheben, die eine gute Übersetzung ausmachen. Es gibt nie nur eine gute Lösung: Es sind die Entscheidungen und Prioritäten, die man beim Übersetzen setzt.
Und so hat sich die Jury das Recht vorbehalten, entsprechend der Gedichte, die sie auszeichnen wollte, neue Kategorien zu schaffen. Der Jury gehörten an: die beiden Übersetzerinnen Lydia Dimitrow und Camille Luscher, der Dichter Beat Christen, Florence Widmer, Verantwortliche für die Nachwuchsförderprogramme des Übersetzerhauses Looren, sowie Sylvie Jeanneret, Programmverantwortliche des Festivals aller-retour.
Die Wettbewerbsteilnehmer'innen konnten wählen zwischen einem Text von Thierry Raboud auf Französisch, einem von Ariane von Graffenried bereitgestellten Gedicht auf Schweizerdeutsch und jenem von Eva Maria Leuenberger auf Deutsch.
Schliesslich wurden unter der Grosszahl an eingereichten Übersetzungen zehn Preise und acht besondere Auszeichnungen vergeben. 120 Texte waren eingereicht worden. Die fast 150 Teilnehmer'innen (die zum Teil in Gruppen gearbeitet haben) stammten mehrheitlich aus Schulen in Freiburg und Genf. Im Vorfeld zum Wettbewerb wurde ein pädagogisches Dossier zur Verfügung gestellt, um interessierte Klassen für die Herausforderungen des Übersetzens zu sensibilisieren.
Mehr Informationen finden sich auf der Webseite des Festivals und des Wettbewerbs.
Aus dem Französischen von Marina Galli