Vom Vergnügen, nicht verstehen zu müssen

Neue Lyrik aus der Schweiz

Fokus vom 26.05.2020 von Beat Mazenauer

Bruno Steiger

«Die Poesie schenkt uns das Vergnügen, nicht verstehen zu müssen. Das Verstehen selbst ist verzaubert, verschiebt sich auf später.» Dieses Zitat findet sich im Band Klebebilder des französischen Autors Georges Perros. Das Zitat könnte auch die Gedichte im Blick haben, die von Bruno Steiger unter dem Titel Blindes Gras erschienen sind. Steiger versteht sich wie kaum einer auf diese Verzauberung des Verstehens. Sein Werk umfasste bisher (experimentelle) Erzählwerke, Aufzeichnungen und Essays, nun gesellt sich ein «lyrisches Werk» hinzu, wie es im Untertitel heisst. Es beginnt mit einem Zyklus «Was bisher geschah». Schon die erste Überschrift gibt einen Eindruck von Steigers Vorliebe für paradoxale Verklammerungen.

«Ja aufgepasst! Das ist das Losungswort», heisst es zutreffend im titelgebenden Zyklus. Aufgepasst auf das Dazwischen der Worte und der Zeilen, auf die «Logik der Entzwischenheit», worin gleichsam bewahrt ist, «was wir nicht sind». Auf den «Zweiten Blick», so ein Gedichttitel, zeigt sich: «Die Mauer war weg, die Schrift / über der Lichtung eingekerbt / in die älteste Regenwolke der Welt». Das schwer Vorstellbare erweist sich als Offenbarung des Wunderlichen, welches die Imagination stärker anregt als eine blosse Mauerinschrift.

Bruno Steiger gibt keine Hinweise darauf, in welchen Zeiträumen die Gedichte entstanden sind. So oder so erinnert das lyrische Werk unweigerlich an seine experimentelle Prosa der 1980er Jahre, beispielsweise an Der Panamakanal und der Panamakanal (1983). Es schliesst aber auch an die Aufzeichnungen, Notizen und Essays der letzten zehn Jahre an, die in den Bänden Das Fenster in der Luft (2008), Zwischen Unorten (2009), Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl (2012) oder Späte Notizen (2016) erschienen sind. In ihnen legt Steiger Grundzüge für eine Poetik des Nicht-Verstehens dar, die auch das lyrische Werk poetologisch grundieren. In Späte Notizen finden sich Sätze wie:

«Die Marotte, alles Wahrgenommene sogleich in eine Art Rückenwind zu verwandeln. Unproduktiv!»
«Kunst. Sie legt im wesentlich Überflüssigen das unwesentlich Überflüssige frei».
«Verstehen. Wer es nicht aushält, sollte es lassen».

Vor allem letzteres bezeugt Steigers Vorliebe für das Absurde ebenso wie für die schöne Formulierung. Tatsächlich klingen viele seiner Bilder und Wortverknüpfungen schräg und unwirklich, zugleich muten sie absolut schlüssig an. Dahinter mag sich aleatorischer Spass, eine verdrängte Traumlogik, ein Spiel mit der Paradoxie des Wirklichen verbergen. Alles ist möglich.

Als mein Vater die Maus von der ihm zugewiesenen Liege geschubst hatte, kletterte der Zwerg von der Bodenwaage und hob warnend die Hand.
Damit konnten wir, sagten wir zum diensttuenden Oberarzt, nicht rechnen, wer rechnet schon mit so etwas.

Bruno Steiger betreibt eine (nach eigenen dichterischen Worten) «grundlegende Transformation all dessen, was / gemeinhin Beweisaufnahme genannt wird». Seine Gedichte sind eine komplexe Angelegenheit, sie bieten ein vertracktes Vergnügen – aber ein Vergnügen! Das ist vielleicht das überraschendste Charakteristikum dieses Bandes: Aller Schwierigkeiten, ja gänzlichen Unverstehbarkeiten zum Trotz machen diese Gedichte Laune, sie zu lesen, sich ihnen auszusetzen. Immer klingt und schwingt ein heiterer Humor mit, in dem das Unverständliche aufgehoben ist.
Was bleibt uns davon? «Uns bleibt das Nichts, das fehlt.» Das ist auch schon alles.

Ruth Loosli

Ums Wissen und Verstehen, ums Nichtwissen und was uns dabei fehlt, geht es auch in den Gedichten von Ruth Loosli. Doch das Verstehen bleibt in ihren Gedichten transparenter und präsenter. Sie bewegen sich verspielt zwischen poetischen Freiheiten und dem Wissen, dass einen die Welt nie ganz loslässt. Auf diesen kurzen Nenner lassen sich die 72 Gedichte bringen, in denen die Autorin im Band Hungrige Tastatur ihre poetische Beweglichkeit unter Beweis stellt. In ihrer Lyrik manifestiert sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen dem Trachten, sich lyrisch frei zu machen von Vernunft und Realität, und dem Bewusstsein, die «Fussfesseln» der Welt nie ganz loszuwerden. Hin und wieder jedoch gelingt es ihr gleichwohl, für Augenblicke und kurze Zeilen zu entwischen und eine Volte ins Absurde, Spielerische, Losgelöste zu schlagen. «Sonntag mit Klee» heisst ein solches Gedicht.

Es hat sich gelohnt

den Mond im Kalb

zu halbieren



und ihn um die Leber 

zu drapieren.

Es «tat's um des Reimes willen», kennt Christian Morgenstern im Gedicht «Das ästhetische Wiesel» die Wahrheit vom raffinierten «Mondkalb». Ob Mondkalb, Kälbermond oder halber Mond – auf jeden Fall mochte auch Paul Klee den Dichter Morgenstern, und Ruth Loosli wiederum liebt die Arbeiten Klees. Sie beginnt, sagt sie, «zu summen und vokalisieren», nur schon wenn sie daran denkt. Das alles ergibt vielleicht noch keinen Sinn, aber ein Netz von Beziehungen, die sich in den gewitzten fünf Zeilen mannigfach verwickeln.

Auf der anderen Seite des Spektrums zeigt sich in diesem Band eine Dichterin, die sich nicht davor scheut, die Wirklichkeit und ihre Lyrik ganz eng zu führen, gerade auch im Wissen, dass derlei verhängnisvoll sein kann, lähmend und zum Verzweifeln wie in «Am Lyrikfestival». «Während in Afghanistan eine / Bombe hochgeht / schreiben wir ein Gedicht», beginnt es und verwandelt dieses schützende Wir von Zeile zu Zeile in ein offenes poetisches Ich, das sich am Ende ins Nichtwissen rettet: «On ne sait jamais. / On ne sait rien.» Doch darin drückt sich kein Eskapismus aus, vielmehr das Wissen, dass sich schützen muss, wer wissen möchte und sich der Gegenwart stellt. Es ist und bleibt ein Kampf nicht nur für die Dichterin.

Um dieses Nicht-Wissen dreht sich vieles in dem Band. Wissen und Wirklichkeit erfahren keine Absage, doch eine Verrückung in Frageform, zum Beispiel in «Tanz der Neuronen»:

Nichts als ein Tanz

der Neuronen sie das Bewusstsein

nichts Magisches

reine Physik.



Doch wer lässt sie tanzen?

Wer kreiert die Choreographie?

Auf die Frage bleibt das Mondkalb hier stumm und ohne Reim.
Es ist diese Ambivalenz, das behutsame Changieren zwischen dem Realen und dessen unterschiedlichen Antipoden, welche nicht dem Übersinnlichen zuzuordnen sind, sondern eher der naiven Aufmerksamkeit für natürliche Wunder. Oder dem Dichten und dem Schreiben:

Die Gedichte ruhen.

Sie sind Handläufe / die unserer Melancholie 

schmeicheln und sie 
hinunter auf die Strasse 
begleiten.

So elementar und lebenswichtig das Lyrische in diesen Gedichten ist, so schlicht und unprätentiös wird es von Ruth Loosli in Szene gesetzt. Dichten bleibt dabei ein zwiespältiges Unternehmen, das aus dem Widerstreit seine Energie schöpft und sich zuletzt immer sprachlich aufhebt. So verrät Hungrige Tastatur einen poetischen Appetit, der sich nicht mit leichter Kost abspeisen lässt. «Ich bin ein Dreiminutenei / das sich selbst auslöffelt», bleibt als kulinarisches Bild am Ende der Lektüre im Gedächtnis haften.

Nora Gomringer

Wenn Ruth Loosli nach dem Choreographen fragt, der die Neuronen tanzen lässt, wirft sie auch einen Blick himmelwärts, wo sie flüchtig auf jenen von Nora Gomringer treffen könnte. Diese hebt in ihren neuen Gedichten den Blick und senkt ihn gleich wieder. Der Band versammelt Himmels- und Grabgesänge, in denen sich die Dichterin im weiten Hallraum zwischen Ich und Gesellschaft, Leben und Tod, irdischem Alltag und himmlischen Mächten auf vielfältige Weise verortet. Abschliessend heisst es in «Applaus»:

Ich bin die Christin

die langbeinig schwankend den Männchen die Köpfe verdreht, sie zu essen.

Ich bin die Christin,
die verzückt bei der Wandlung klatscht, weil die Show so täuschend,
perfekt.

Kleine Verschiebungen sind das Salz der Lyrik. Der Buchstabe zu viel oder zu wenig öffnet Bedeutungsräume oder verschränkt Inkommensurables miteinander. Nora Gomringers Gedichte halten bereits im Titel eine solche Tücke bereit. Was sich auf Anhieb leicht als «Gottesanbeterin» liest und Bilder eines zart-devoten Insekts aufruft, verlagert sich mit der Zugabe eines unscheinbaren «i» unversehens als Gottesanbieterin ins Feld von Angebot und Nachfrage. Nora Gomringer sucht in den unterschiedlichsten Variationen die Palette zwischen Anbetung und Abkehr, Lieben und Klagen, Frohsinn und dunklen Ahnungen einzufangen. Mal leicht im Ton, mal mit traurigem Ernst lotet sie Stimmungen aus, die sie einem lyrischen Ich zuordnet, um das sie als Dichterin zugleich ringt.

Es sollten keine grossen Worte

am Ende der Gedichte stehen.

Da gehören die eigentlich nicht hin.

Je mehr ich gegen diese Regel

verstosse, desto weniger

will man mich kennen. So ende ich.

Formal oszillieren die Gedichte zwischen Langzeilen und kürzesten Aufzählungen, zwischen poetischer Bildhaftigkeit und profaner Erzählung. Die Übergänge sind fliessend zwischen dem Lyrischen und dem Prosaischen, beide werden sie getragen von Klang und Rhythmus, die dahinter eine gewiefte Dichterin verraten.

Am Ende des ersten Teils findet sich die Zeile: «Auch wenn einer geht, wird Freude frei, denn eine Lücke ist ein Atemfassen». Sie leitet über in das zweite Kapitel, «Das Buch Tim», dessen fünf Gedichte mit ihrer tristen Tröstlichkeit aus dem Band herausragen. Das Ich verliert dabei keineswegs seinen Humor («Ist einer tot, geht er nicht mehr ans Telefon.»). Der Humor ist aber ganz der Trauer untergeordnet, als Versuch, den Toten lebhaft im Gedächtnis zu behalten. Auch wenn:

Sie sagen: Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs.

Ich tipp dir leise: das Erinnern auch.

In diesem Teil wirkt die Dichterin ganz bei sich, um im Folgenden wieder Zerstreuung in anderen «wichtigen Dingen» zu finden wie: «Die Hühner beobachten. / Von Kühen träumen» und so weiter. Gottesanbieterin umfasst eine Vielzahl an Themen, die Gedichte handeln von Eltern und Kindern, «von der Begehbarkeit des Herzens», von Metamorphosen und der einen Wandlung. Vielleicht braucht es ihn wieder, den Erlöser, in Dresden 2015: «unbedingt live! / 12 Follower?» Daran wäre zu arbeiten.

Während Ruth Loosli in ihrem Band eigene Wortzeichnungen beisteuert und so bildliche Note schafft, verrät Nora Gomringers Band eine gesamtkünstlerische Form. Die Künstlerin Zara Teller hat ihn mit Zeichnungen und Fotos gestaltet und ihm einen starken visuellen Akzent verliehen, der auch das Schriftbild mit einbezieht. Mit einer ausgesprochen schmalen serifenlosen Typographie erhält der Band etwas Profanes, das in einen lächelnden, vielleicht auch ungebärdigen Diskurs mit Himmel, Tod und Gott tritt. Hinzu kommt die Tonspur auf einer beigegebenen Audio-CD, die Nora Gomringer einmal mehr von ihrer wunderbaren performativen Seite als virtuose Selbstinterpretin erklingen lässt.

Ernst Burren

Ein literarisches Naturtalent ist auch Ernst Burren, wenngleich weniger im performativen Modus. Unbeirrt schreibt er seit Jahrzehnten seinen eigenen Stil fort, den er sich vor vielen Jahren angeeignet hat, und macht dabei kaum Unterschiede zwischen Prosa, Drama und Lyrik. Die drei Gattungen verschwinden unter seiner Hand – und bleiben doch wundersam erhalten, alle drei. Ihnen gemeinsam ist die eigenwillige Zeilensetzung in schmalen Spalten und oft überraschenden Zeilenumbrüchen mitten in Sätzen, die ohnehin ohne Interpunktion auskommen. Der Dialekt der Solothurner Region Oberdorf / Langenberg, woher Burren stammt und heute noch wohnt, verleiht mit seinen weichen Konsonanten und den langen offenen o- und ä-Lauten dem Text die typische sprachliche Färbung. Wenn nun unter dem Titel mir nähs wies chunnt ein Band mit Gedichten aus 50 Jahren erscheint, so beschreibt der Untertitel eher eine Annäherung an das Genre, ohne eine klare formale Trennung zu seinen Geschichten. Die Grenzen bleiben fliessend.

In einem Gespräch mit Martin Zingg erinnert sich Burren, wie er in den 1960er Jahren in Bern einer Lesung von Kurt Marti und Ernst Eggimann beiwohnte, die ihn so sehr beeindruckte, dass er sich selbst ans Dichten machte. Aus einer späteren zufälligen Begegnung mit Eggimann im Restaurant seiner Eltern resultierte ein erster Gedichtband, in dem der Einfluss der beiden Vorbilder gut spürbar ist. Beispielsweise in einer Sprachpirouette wie dieser:

Lue wo steisch

und wo geisch

süssch weisch

wenn gheisch

nid wo ligsch

Burren nutzt den weichen Dialekt für seine Spiele mit kleinsten Verschiebungen, die sowohl die Lautung wie den Sinn betrifft:

was hei ächt

de die

wo sech meh

chöi leischte

aus die meischte

gleischtet

Hinzu kommt ein zweites Element, das ihn von Marti und Eggimann auch abhebt. Burren ist ein im Ton naiver, unterschwellig listiger Sänger des kleinbürgerlichen «gäng wie gäng» und «s chunnt wies chunnt». Ordnungsliebe und Pragmatismus finden in seinen Gedichten (wie in seinen Geschichten) eine Form, die der Schweiz zum Spiegel der Kenntlichkeit gereicht. Da bekommen die Hausfrau und der Prokurist eine Stimme, um das tägliche Einerlei zu bestehen; oder der Lehrer, der die Ordnung im Klassenzimmer schätzt. Ein Aufbegehren erschöpft sich darin, dass die Frau, die auf den Ehemann wartet, sich am Kiosk zwei Tafeln Schokolade kauft, denn sie ist «nid nume dr tscholi». Ernst Burren findet für diesen Geist der Rechtschaffenheit mitunter sagenhaft treffende Verse.

Je näher die chronologisch geordneten Gedichte sich der Gegenwart annähern, umso erzählerischer werden sie. Aus den Sprachpirouetten wachsen kleine Geschichten heraus, die sich immer eindringlicher um das Thema Vergänglichkeit drehen. Eine melancholische, manchmal auch bittere Note schleicht sich ein. Wenn früher einst, bei der Hochzeit, das Gefühl vorherrschte, nichts habe ein Ende, so sagt die Frau am Schluss «mir si am ändi» und er denkt sich dazu: «ändlich».

Was Geschichte und was Gedicht sei, sagt Burren im erwähnten Gespräch, «das hat viel mit der Länge zu tun». Beiden Spielarten ist jedoch gemeinsam, dass sie mit Lücken und Auslassungen arbeiten. Burren ist kein Erzähler, der alles ausplaudert, sondern vieles nur anklingen lässt. Das darf gerne als lyrisches Element auch in seinen Geschichten angesehen werden. Der Autor ist zuständig für die kleine Utopie. Doch was, wenn sie damals, als sie junge Lehrer waren, die eingespielte Erfahrung mutig und kühn hinter sich gelassen hätten? Dies wünscht er heute seinen Kollegen. Er tut es aber nur unterschwellig, zwischen den Zeilen. Auch wo er eine kleine moralische Fährte auslegt, bleibt Ernst Burren zurückhaltend. Seine Maximen sind stets gewürzt mit einer Gewitztheit, die er sprachlich zum Klingen bringt.