Begegnung mit Riesen

Die Poetikvorlesungen von Jonas Lüscher und Zsuzsanna Gahse

Fokus vom 20.04.2020 von Beat Mazenauer

Im Frühjahr 2019 hielt Jonas Lüscher eine Poetikvorlesung, die von der Hochschule St. Gallen ausgerichtet wurde. Der Autor skizzierte darin seinen Weg vom akademischen Philosophen zum freien Autor. Unter dem Titel Ins Erzählen flüchten ist sie nun als Buch erschienen. In einer Nachbemerkung darin spielt er auf einen Satz von Bernhard von Chartres an, wonach wir Zwerge seien, die auf den Schultern von Riesen sitzen, «um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können». Jonas Lüschers Poetikvorlesung gleicht einer solchen Begegnung mit Riesen, die den Autor hochheben und ihm eine Perspektive erlauben, die ihm weniger einen Überblick gewährt als eine präzisere Bestimmung der eigenen Position.

Dieser Position hält Zsuzsanna Gahse mit ihrer gleichzeitig erschienenen, dreiteiligen Salzburger Poetikvorlesung ein titelgebendes Andererseits entgegen. Ihre poetologischen Reflexionen bezeugen erhebliche «Unähnlichkeiten» im Vergleich mit Jonas Lüscher, doch auch Zsuzsanna Gahse begegnet darin ihren persönlichen Riesen. Sie erzählt von Vorbildern, die Miklos Meszöly heissen oder Ilse Aichinger, Gert Jonke und allen voran Cervantes und Georges Perec. Auf ihren Schultern trianguliert sie ihr eigenes Schreiben.

Zurück zu Jonas Lüscher. Seine Riesen heissen Paul Feyerabend, Isaiah Berlin, Richard Rorty und Odo Marquard – herausragende Vertreter eines ideengeschichtlichen Denkens. Zur Bestimmung der eigenen Position hat Isaiah Berlin die Unterscheidung zwischen Fuchs und Igel getroffen, die für Lüschers Vorlesung bestimmend wird. Der Igel weiss um die eine grosse Sache, die er vertritt, wogegen der Fuchs viele kleine Dinge kennt und erkundet. Vor dem Hintergrund dieser zwei Haltungen leitet Jonas Lüscher seine Flucht ins Erzählen her, indem er ganz am Anfang in der griechischen Philosophie ansetzt, beim Rhapsoden Homer und beim Logiker Parmenides. Während jener für das offene Erzählen steht, dessen Spuren über die Romantik in die Gegenwart führen, begründete Parmenides ein rationales Denken, das durch die Aufklärung vermittelt heute unsere Wissenschaftsgläubigkeit, unsere «quantitative Blendung» prägt. Alles ist Mathematik, ist Mass und Zahl, ist objektiviertes Faktum, auch mit Folgen für das Erzählen, wie Lüscher schreibt. Es wird zum modischen «Storytelling»: zur lebhaften Werbung im Dienst von Wissenschaft und Statistik.

Logos steht gegen Mythos, Vernunft gegen Literatur. In dieser Dualität entwickelt Jonas Lüscher eine Poetik des qualitativen Einzelfalls, der sich gegen die quantitative Normung stellt. Die beiden Positionen lassen sich ideengeschichtlich in Form einer Pendelbewegung herleiten, für die Lüscher ein schlagendes Bild findet. Jahrhundertelang hätten Mythos und Logos links und rechts auf einer Schaukel gesessen. Mal hatte der eine, mal der andere mehr Boden unter den Füssen, doch es herrschte eine gesunde Koexistenz, «bis sich, irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts, der Kapitalismus wie ein adipöser Halbstarker auf der einen Seite mit aufs Sitzbrett drängt, und seither das Beschreibende, Narrative auf der anderen Seite zusehends den Boden unter den Füssen verliert».

Dieser Entwicklung räumt der Autor breiten Raum ein, um daraus in eher abgekürztem Verfahren die Konsequenzen auf das Schreiben allgemein und seines im Besonderen zu erörtern. Lüscher flieht die akademische Philosophie, um sich selbst zu befreien. Nicht um im Schreiben losgelöst und frei zu sein, dafür ist er zu sehr Skeptiker dem eigenen Tun gegenüber, sondern um eine Erzählform zu finden, die seinem Skeptizismus Rechnung trägt. Er sucht nach einer Literatur, die weder beliebig noch messbar ist und schon gar nicht einer einzigen Wahrheit verpflichtet, sondern reflexive Offenheit und ironische Distanz pflegt. Wir sollten uns, schreibt er, «bei der Beschreibung sozialer, komplexer Probleme wieder vermehrt auf das Wissen der Narrationen verlassen statt nur auf Computermodelle und quantitative Studien». Das Engagement, die Leidenschaft wird zum Schlüsselbegriff, der sowohl ein Schreiben aus sich selbst heraus wie ein «Schreiben über etwas» auszeichnet. Mit dieser Leidenschaft sei jedes Schreiben auch politisch, zieht er den Schluss.

Jonas Lüscher bezieht die eigene Biographie und die eigenen Texte in diese Gedankengänge mit ein, formal aber folgt seine Poetikvorlesung über weite Strecken akademischen Gepflogenheiten. Ausführlich setzt er die Ideengeschichte auseinander und entwickelt daraus seine Schlüsse fürs Erzählen. Auf diesem Weg erwähnt er kurz auch eine Abzweigung zur Sprache als Medium, mit dem die einheitsstiftende Norm durchbrochen werden könnte. Allerdings, folgert er, «müssten wir dafür unsere bestehende Sprache aufgeben, die doch zur Bewältigung des Alltags ein ziemlich taugliches Werkzeug ist». Aber stimmt das? Bieten sich nicht gerade hier auch Alternativen?

Genau an dieser Abzweigung wählt Zsuzsanna Gahse in ihrer Poetikvorlesung die andere Richtung und beschreitet den Weg hin zur Sprache. Sie hält den Ausführungen Lüschers mit Lust und Witz ein titelgebendes Andererseits entgegen und bringt dafür ihre eigenen Riesen ins Spiel, wie erwähnt Cervantes, Perec und andere. Während Jonas Lüscher «über etwas» schreibt, schreibt Zsuzsanna Gahse «ganz einfach» (wie Lüscher es nennt), will heissen: Sie entwickelt ihre Literatur aus sich selbst, aus der Sprache heraus und setzt die Sprache dreifach in ihre Rechte ein: im Hier und im Jetzt und auf deren Bühne.

Die Sprache, lautet eines ihrer zentralen Postulate, hat keine Wurzeln, ebensowenig wie die Menschen. Sie hat einen Ursprung, von dem aus sie durch die Zeiten mäandert und so fliessend Literatur wird (– kein Wunder, gehört auch Vilém Flusser zu ihren Riesen). Das Faible für Etymologie ist eine der Charakteristiken ihrer Poetik. Während dieses Mäanderns kristallisieren sich die Sprache, die Worte und Redeweisen heraus und formen je unterschiedlich den Mund und die Ohren der Menschen. Dabei bleibt der Ursprung der Worte auch bei veränderter Lautung weiter erkennbar. Gahse führt, um nur eines der vielen Beispiele zu nennen, die Buchstabenkombination MLK an, die sich in Milch und Melken, im Russischen maleko (Milch) wie im Ungarischen mellek (Brüste) ausdrückt. Zsuzsanna Gahse ist geradezu elektrisiert von der These des Sprachwissenschaftlers Joseph H. Greenberg, «dass vor über zehntausend Jahren die Milch, das Schlucken und die Brüste in einem Laut vereint waren und sich erst später auseinanderdividierten».

Skepsis und Reflexion lagern sich hier im einzelnen Wort ab, das hin und her gewendet und auf seine semantischen, klanglichen und etymologischen Bedeutungen abgeklopft wird. «Einfacher gesagt sind alle Laute Gene. Kleinste Bausteine. Energiegeladene Voranstürmer. Sinnvolle Sprach-Gene, die etwas vorhaben, die etwas ausrichten und ausdrücken wollen.» Wobei im «ausrichten» gleich wieder zwei Bedeutungen zusammenfallen: bewirken und organisieren.

Ähnlich wie Jonas Lüscher baut auch Zsuzsanna Gahse auf Gegensatzpaaren auf: Spontaneität und Ordnung beispielsweise, oder Kernspaltung und Komposition, Original und Übersetzung, Bedeutung und Klang. Dabei entfaltet diese Dualität eine Dynamik, die das Trennende stets wieder aufhebt. Darauf legt die Autorin ihr besonderes Augenmerk.
Beispielsweise im Fall von Spiel und Ernst. Es ist faszinierend und zugleich bestürzend, wenn sich bei der Lektüre von Georges Perecs verspieltem Roman La disparition (auf Deutsch Anton Voyls Fortgang) existentielle Abgründe öffnen. Perec verzichtet dabei ganz auf den Buchstaben «e». Was wie ein Spiel wirkt, ist indes bitterer Ernst: die jüdischen Eltern père und mère Perec kamen an der Front und in Auschwitz um: ausgelöscht, disparu wie der wichtigste sprachliche Laut.

Spezielle Aufmerksamkeit bringt Zsuzsanna Gahse dem Thema der Übersetzung entgegen. Hier geraten Klang und Bedeutung im Fluss der Sprachen an ihre Grenzen, dahin «wo die Sperren und wo die Freiheiten jeweils liegen». Was leicht nach einer Behinderung klingt, bietet auch Raum für kreative Lösungen, in denen zwei Sprachen auf überraschende Weise in Dialog miteinander treten.
Zeichnet Jonas Lüscher in seiner Poetikvorlesung eine Fluchtlinie von der Philosophie ins Erzählen, beschreibt Zsuzsanna Gahses Poetikvorlesung ein Rondo, das ihm Hier anfängt, übers Jetzt führt und beide zum Ende auf der Bühne vereinigt. Entsprechend sind die drei Teile der «Topographie», dem «Tempo» und zuletzt der «Bühne» gewidmet, auf der sich die Sprache spielerisch entfalten kann. Ordnung und Spontaneität finden hier zur Einheit. Mit vielen Hinweisen auf ihr eigenes Sprach(kunst)werk, komponiert sie in Andererseits zahlreiche kleine «Inselgeschichten» und Betrachtungen zu einer Vorlesung, die gleichermassen von Intuition wie von Struktur zeugt.