Nachruf für die Autorin Melanie S. Rose (1968-2020)

Fokus vom 03.04.2020 von Ulrike Ulrich

Die Autorin Melanie S. Rose ist am 28. 2. 2020 im Alter von 52 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.
Wenn ich an Melanie S. Roses Literatur denke, fällt mir zuerst der Text ein, den sie 2008 für die Anthologie 60 Jahre Menschenrechte geschrieben hat, zum Artikel 10. «Feeling CHuman». Ein lyrisches Pamphlet hat sie ihn selbst genannt, aus 60 feelings bestehend. Ein kraftvoller, subversiver, anspielungsreicher Text. Ein rhythmischer, politischer, komischer Text. Ein weitblickender, wilder, poetischer Text. Ein typischer Melanie-Rose-Text, der mich bis heute begleitet.

feeling23: entscheide, wer entscheidet, welcher mensch oder welches land aufgegeben wird.

Und wenn sie ihn gelesen hat, dann hat er noch eine Dimension dazu bekommen. Stimme, Sprachen, Musik, Dialekte und Töne haben eine wichtige Rolle gespielt in ihrem Schreiben. Kennen gelernt haben wir uns 2004 beim Bolero-Short-Story-Preis, an dessen Verleihung wir unsere eigenen Texte, die Preise gewonnen hatten, nicht lesen durften.

feeling34: entdecke gefühle mit blickkontakt.

Beim Fototermin dazu, bei dem wir geschminkt wurden, drapiert, beleuchtet, bei dem wir viel zu lange herumstehen mussten, fiel Melanie in eine ganz kurze Ohnmacht. Ich habe das damals als eine Art Widerstand empfunden, denn irgendwie hat es die ganze absurde Situation dann beendet. Hier an dem Ort, wo ich jetzt bin, gerade jetzt in dieser seltsamen Zeit des Zuhausebleibenmüssens, im Haus meiner Mutter, hängt das Bolero-Bild an der Wand, mein erster grösserer Erfolg. Mit Melanie darauf. Und Melanies Vita von 2004. Vater Deutscher, Mutter Österreicherin. Nach dem Studium Dramaturgin in Paris. Jetzt Vevey. Ihr interkulturelles Theaterprojekt «Sheharazade.NOW» war bei der expo02 uraufgeführt worden, eine arabische Fassung kurz darauf in Kairo. Sie hatte beim allerersten Dramenprozessor teilgenommen.

feeling44: kreiere ein facebook-profil für faire juristInnen (es gibt dinge, die in ihrem sein wahrer sind, als wenn sie zum thema werden.)

Ich erinnerte mich an eine Preisverleihung 2002 in der Roten Fabrik, bei der ich sie auf der Bühne gesehen hatte. Als wir uns kennen lernten, schien sie mir – frühes Mitglied im neu gegründeten AdS – schon eine alte Häsin zu sein. Ihre Wachheit, ihre Offenheit, ihre Zugewandtheit, ihr wunderbarer Humor sind mir ganz gegenwärtig. Und natürlich ihre enge Beziehung zu Dubrovnik, zu den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens. Ihr erstes Buch, ein Kurzgeschichtenband, ist in Montenegro erschienen. Ich habe sie in Ljubljana besucht, wo sie ein Stipendium hatte. Wo sie, wie es ihr Wesen war, schon so viele Menschen kennen gelernt hatte, Verbindungen geschaffen, über Sprach- und Altersgrenzen hinweg. Wo sie in Projekte eingebunden war und mit den Nachbar*innen im Wohnblock Kaffee trank.

feeling47: besuch menschen in campione.

So wie später in Langenthal, wo wir beide hintereinander Stipendiatinnen waren. Und sie die Kinder der Nachbar*innen hütete, enge Freundschaften knüpfte, sich auf die Suche nach dem Bopla-Porzellan machte, eine wunderbare Rede auf dem Wuhrplatz hielt und der Migrationsgeschichte der Langenthaler Teppich-Familie Ruckstuhl für das Musée imaginaire des migrations nachging. Melanie war für mich eine sehr eigenständige Autorin mit unverwechselbarem Ton, einer klaren und starken Haltung – und ebenso sehr eine Autorin des Austauschs, sich Einlassens, Kommunizierens und Kooperierens. Neugierig, klug, poetisch und auf eine wunderbare Weise ein bisschen schräg.
Ich weiss nicht, ob das in einen Nachruf gehört, aber ich würde mir sehr wünschen, dass die Texte von Melanie S. Rose in Buchform auf Deutsch erscheinen. Nicht wegen ihr. Wegen uns.