Kosmos und Mikrokosmos

DIE REIHE im Wolfbach Verlag, Jahrgang 2019

Fokus vom 13.01.2020 von Beat Mazenauer

Eine literarische Reihe begründet immer auch eine Tradition, die zum einen in der wachsenden Zahl von Titeln, zum anderen in der Aufzählung der Autorinnen und Autoren sichtbar wird. Sie verleihen der Reihe nach aussen hin ein Gepräge. So gesehen darf es als eine Vertrauensbekundung angesehen werden, wenn als Nummer 59 ein Band von einem der wichtigsten Lyrik-Unternehmer der Schweiz erscheint: von Beat Brechbühl. Er kann nicht allein auf ein stattliches poetisches Schaffen zurückblicken – es werden so gegen 20 Bände sein: Brechbühl ist auch Verleger von Lyrik im Waldgut Verlag, er druckt Lyrik in seiner erlesenen Bodoni-Reihe und er hat die Frauenfelder Lyriktage mitbegründet. Schon vor Jahren erschien in der REIHE der Band Böime, Böime. In seinem jüngsten Buch Flügel der Sehnsucht unternimmt er nun den Versuch einer Inventur seines Werks. Anlass dafür war ein «plötzlicher Wutanfall», der den 80-Jährigen inne werden liess, dass er die letzten Jahr zwar viel gearbeitet, aber kaum Eigenes geschrieben habe. Daraus entstand die Idee, wie er in der Vorbemerkung schreibt, alte und neue Gedichte miteinander zu konfrontieren. Entstanden ist so eine von ihm selbst vorgenommene Best-of-Auswahl aus insgesamt 13 nicht mehr greifbaren Bänden, denen er eine Reihe neuer Gedichte zugesellt hat.

Beat Brechbühl präsentiert in konzentrierter Form die ganze poetische Palette. Der Band beginnt mit einer «Miniatur» aus Spiele um Pan von 1962, um schnell auszuschlagen zu längeren Zeilen, auf «dass du die Langsamkeit dieser Poesie verstehen lernst». Die frühen Gedichte haben sich gut gehalten. Formal sehr variabel bezeugen sie immer wieder ihre Referenz vor anderen Dichtern wie in der «Oda a Federico Garcia Lorca», vor Musikern wie Mikis Theodorakis oder Künstlern wie Ferdinand Hodler. Diese Referenzen sind kaum zufällig, Brechbühl stellt damit Verwandtschaften her, in denen sich auch politische Konnotationen ausdrücken, die auch auf seine Beschäftigung mit der Heimat, mit der Schweiz abfärben. Diese erhält ebenso scharfsinnige wie schalkhafte Züge. Die Plädoyers wider Engstirnigkeit und Ignoranz bleiben stets ambivalent, wie die Gedichte «Das Dorf» und «Die Stadt» aus dem Band Die Litanei von den Bremsklötzen von 1969 im Tandem vortrefflich demonstrieren.

Die für die 1970er Jahre typische (Aufzähl-)Lyrik, etwa in Branchenbuch, steht hier neben nachdenklichen Versen wie der Betrachtung eines Bildes von Georges Rouault. «Ich will keine Gedichte, die sind, weil es Gedichte gibt», heisst es einmal. Der Vers ist die Keimzelle dieses Schreibens. Das gilt bis heute, auch wenn sich die «neuen Gedichte» im Band durch einen eher lakonischen Tonfall auszeichnen. Sie sind nüchterner, direkter, oft mit umgangssprachlichen Einsprengseln versehen. Die poetischen «Flügel der Sehnsucht» zeigen sich am deutlichsten im 2010 entstandenen mehrteiligen «Am Meer». Es sind behutsame Aufzeichnungen, die beim Wachen zu nächtlicher Stunden entstanden sind und ein Sensorium für das anbrandende Meer bezeugen und damit auch eine tiefe Demut vor der darin waltenden «nervigen Kraft» und Grösse.
Apropos Lyrik-Unternehmer: Den Abschluss macht ein formal vielleicht etwas ungelenk wirkendes, zugleich aussagekräftiges Gedicht, eine Ode ans Handwerk, wie es gerade auch unternehmungslustige Lyriker wie Beat Brechbühl betreiben. «Bitte lasst uns unsre Arbeit tun...»

Einer der ersten Bände in der REIHE, der dritte genau genommen, stammte von der Lyrikerin Nathalie Schmid. Gletscherstück sind ihre neuen Gedichte überschrieben. Im Unterschied zu jenen von Beat Brechbühl zeichnet sich ihre Lyrik durch eine hohe formale Homogenität aus. Nathalie Schmid gerät immer wieder ins Erzählen, um beiläufige Begebenheiten und Erinnerungen festzuhalten. Sie behält dabei meist eine kompakte Form bei, mit mal kürzeren, meist langen Versen und ohne unterteilende Leerzeilen. Dieser prosaische Gestus wird aufgelockert, indem Schmid fast ganz auf Satzzeichen verzichtet und ihr lyrisches Parlando mittels Zeilenum- und -abbrüchen neu interpunktiert und rhythmisiert. So erhält eine im Grunde simple «Nachricht» einen ganz eigenen Klang:

Von meinem Balkon aus sehe ich
Frau Suters gebückten Rücken
zwischen den Dahlien sie trägt
die dunkelblaue Strickjacke und ihre
Schürze. (...)

Die verstohlene Beobachtung wirft das lyrische Ich auf sich selbst zurück, als ob «alles ein eigenes Gewicht tieferes Glück» hätte und in den golden flimmernden Blättern dennoch bereits die dünnen Eisschichten des Winters erahnbar wären.
Erinnerungen spielen immer wieder eine Rolle, die im Garten mit dem alten Kirschbaum gewissermassen ein Medium finden, oder einen Anlass, um mit einem lyrischen Du in Zwiesprache zu treten. «(...) Unkraut / ist auch nur ein Geschäft mit der Liebe / sagst du und lächelst (...)». Nathalie Schmids Gedichte wiegen sich sachte in einer kontemplativen Stimmung, weshalb es kaum ein Zufall ist, dass eines der Kapitel mit «Hypnose» überschrieben ist, vorangestellt ein Motto von Lavinia Greenlaw: «Dass der Schmerz auf der weiblichen Seite / hinter dem Auge beginnt».

Sylvia Steiners Gedichte im Band aber ein roter apfel liegt alleweil drin zeichnen sich demgegenüber durch ihr schlankes Format aus. Ein zwei, seltener drei, vier Worte pro Zeile formen sich zu kurzen Momenten und Bildern, die sich oft in einer knappen «Pointe» auflösen – wobei diese Pointe manchmal mit einem kleinen Geheimnis des Unauflöslichen spielt. Da ist beispielsweise der kleine Ägypter «mitten im gelben triumph des frühlings»: ein Herbstblatt, das in einer Mauerritze den Winter überdauert hat. Andernorts triumphiert die Liebe über den Tod in Form des Vogelgesangs in den hohen Bäumen auf dem Friedhof. Es sind oft solche Kleinigkeiten, die Sylvia Steiner festhält. Präzise wie im Titelgedicht «eden». Im paradiesischen Sprachgarten ist die Ernte nie sicher – «aber ein roter apfel / liegt alleweil drin».
Das evoziert hin und wieder schöne, eingängige Bilder; oft aber beziehen sich die Gedichte vordergründig nur auf die eigene poetische Arbeit, wenn etwa das lyrische Ich davon träumt, «in wörtern zu baden» oder die Wolken wie Wörter abzuseilen. Die dichtende Selbstreferenz ist hier ein wichtiges Merkmal. Mit hinzu tritt gerne eine didaktische Note: Wenn «müll von morgen / entsorgt / müll von heute» – der vergängliche Mensch also mit Flaschen zur Sammelstelle geht.

Die Topoi Natur und Garten spielen ebenfalls in Ariane Bramls Gegensonnen eine zentrale Rolle. Bäume und Vögel prägen ihre lyrische Bildsprache. Die Reize der Einfachheit bleiben daher zwiespältig: die wunderbare Schlichtheit klingt zuweilen etwas allzu harmonisch:

Auch die Spinne
die voll Eifer
ihr Netz webt
als zerrisse kein Tod
ihr Werk
beruhigt mein Herz

Eine solche Naturlyrik bleibt im Mikrokosmos verhaftet, sie konzentriert sich auf Topoi wie Werden und Vergehen, Träumen und Wachen – unter starker Selbstbeobachtung durch das lyrische Ich in einer formal zwar vielfältigen, doch oft allzu unaufgeregten Poetik.

Dem widerspricht auch der neue Gedichtband von Kurt Aebli nicht, seinem zweiten in der REIHE. In En passant schreibt er sein poetisches Programm weiter – das lyrische Ich nimmt Beiläufiges auf und hält es in oft kurzen Gedichten fest. Dabei erfährt es, wie die Welt kleiner wird, intimer auch und sich auf die ihn umgebende Natur verdichtet; im letzten und vielleicht schönsten Gedicht heisst es, dass er, der Dichter, beim Schreiben zu den Pflanzen gehöre und «dass man sich nicht von der / Stelle rühren, sondern / hochschauend / auf die Bewegung der Erde / verlassen muss». Wobei auffällt, dass am Ende nicht «vertrauen», sondern das doppelbödige «verlassen» steht.
Der Dichter geht seinen Weg in die Einsamkeit, liesse sich folgern: die in der Natur, zugleich die poetische Einsamkeit. Letztere manifestiert sich darin, dass seine präzisen Wahrnehmungen mit «antimodernen» Wendungen spielen. Der Gebrauch von Partizipien sowie syntaktische Umstellungen verleihen den Gedichten etwas Artifizielles, das nicht selten leicht irritiert:

Warum sterben musste
auf dem Nachhauseweg von der Schule
durch Messerstiche
einer Geistesgestörten
ein Kind.

Kurt Aebli ist ein viel zu gewiefter Dichter, als dass man ihm hier nicht Absicht unterstellen kann: die Störung erfährt eine formale Aufhebung. Zugleich befremdet das Verfahren übers Ganze hinweg. Es wirkt, als ob sich Aebli aus der zeitgenössischen Poetik verabschieden möchte: «Jahrhunderte entfernt» davon, bedeutend und modern zu sein, wie es in ein «Ein Moderner» heisst.
Im Unterschied zur stoischen Gelassenheit früherer Bücher macht sich hier etwas Sperriges bemerkbar, formal wie inhaltlich, als ob der Dichter für sich anerkennt: «Nicht gewachsen / dem Auftrag, / auszulöschen / mit wenigen Zeilen / alles mögliche / Geschreibsel». Harmonie ist nicht die Aufgabe von Poesie.

Eine Fortschreibung erfährt auch die Lyrik von Katharina Lanfranconi in ihrem Band Das brennende Haus. Wie schon in ich schrieb etwas kleines (2016) schrauben sich ihre schmalen Gedichte über die Seiten und geben eine Stimmung zwischen Auf und Ab wieder: «zweifel und scheitern / eingeschrieben / im urtrunk». Die schmale Form, die sich durch Zeilen von meist nur zwei bis vier Worten auszeichnen, verleihen dieser Lyrik eine hohe Konzentration, in der die Dichterin mit Pinsel und Stift Momente und Augenblicke festhält, zuweilen auch festnagelt. Der Augenblick ist oft ein Blick in die eigenen Augen, in den Spiegel, dem das lyrische Ich mit Schalk standhält, aber nie leichtsinnig, wie das das wunderbar zweideutige Herzflimmern ganz am Ende kundtut – mit dem Titel «kammerflimmern»:

von der kammer
wissen wenige

dass mein herz
eine kerze ist

weiß nur ich

Aufregende Experimente und poetischer Übermut wie in Brechbühls frühen Gedichten sind in den jüngsten Bänden der REIHE eher nicht zu finden. Für eine überraschende Ausnahme sorgt allerdings Monika Schnyder mit ihrem Band Auch Götter haben Gärten. Zwar klingt auch hier das Gartenmotiv bereits im Titel an, doch ihre Gedichte erfahren durch die mit genannten Götter eine mythische, kosmische Erweiterung. Die Autorin unterrichtet laut dem Klappentext Ägyptisch-Arabisch, entsprechend erfährt ihre Lyrik eine «Verfremdung» durch die fernen Gärten der Semiramis – sozusagen.
Monika Schnyder wirft alles ins poetische Gefecht: schnellende Alliterationen, gewitzte Wortspiele, rasante Rhythmen, eine formale Wendigkeit und vor allem ein verblüffender Wortreichtum, der sich aus fremden Kulturen speist. Wer weiss schon, dass weder «Mamaliga» noch der «evangelische Speck» poetische Metaphern sind, sondern Speisen aus dem Osten Europas (wie am Schluss angemerkt wird). Die k.u.k. Tradition mischt sich mit dem ägyptischen Götterhimmel, um doch nie die die gegenwärtige Welt mit ihren «sole fabriken im chipformat» und «allenthalben funklöcher» zu verleugnen. Nach verhaltenem Beginn gerät Monika Schnyder mehr und mehr ins Wortwildern und -wuchern, um ein erstes Mal da, «wo gebetsteppiche vom fliegen träumen», ins poetische Grübeln zu geraten: «im spukschloss das herz der königin weiter / schlägt und schlägt und – wie komme ich jetzt da wieder raus ...»
Es will nicht leicht gelingen, im Gegenteil schlägt das vierte Kapitel vollends um in eine ägyptisches Crescendo, das der Form nach wie metaphorisch alle Schleusen öffnet. Schwer zu entscheiden, was Traum ist, was Metapher und was Götterhimmel – auf jeden Fall fühlt sich das lyrische Ich darin durchaus aufgehoben:

BES will ich bleiben. BES-sein ist schön. ich throne umgeben
von tieren: der gewaltigen THOERIS mit ihrem bauch, dem weit
aufgerissenen maul. ach THOT ist da, SACHMET und
BASTET, die katzen. alle stark und ernst und listig. ich
möchte sie pieken, ihr fell zerzausen. das göttliche knistern ...

Zwei Seiten später gerät die Form vollends ausser Kontrolle, wird selbst ausbuchtend bildhaft angesichts von AMMIT, der Göttin des Jenseits, und ihrem Bauch. Danach beruhigt sich der Ton wieder, ohne aber vom quecksilbrigen Spiel mit Binnenreim und Rhythmus zu lassen. «wellen weich / gezeichnet wirbel splint».
Monika Schnyders Gedichte sind eine herrliche Entdeckung. Darin hält das Wilde, Unregelhafte Einzug und verleiht ihnen eine Lebhaftigkeit, die zwar dem entgrenzend Mythischen entspringt, durch dieses hindurch aber wieder auf die Welt kommt: geläutert und gewitzt, und sei es nur in einer Miniatur:

am fenster stehn so
ist es sagt der regen
ich weiß.