Franz Dodels Langgedicht «Nicht bei Trost»

Interview per Mail

Fokus vom 21.10.2019 von Beat Mazenauer

Das Langgedicht Nicht bei Trost ist ein einzigartiges poetisches Unternehmen. Seit 2002 schreibt Franz Dodel Tag für Tag daran weiter, um festzuhalten, was ihm durch den Kopf geht und in die Schreibhand fliesst. «ich suche Streugut / in weglosem Gelände» heisst es darin einmal. Diese Beiläufigkeit prägt zusammen mit einem rituellen Charakter den Gedankenfluss, im regelmässigen Takt von abwechselnd 5- und 7-zeiligen Versen. Nicht bei Trost ist kein Tagebuch, aber ein fortlaufendes, gelassenes Nachdenken über Leben und Tod, Natur und Kultur, das auf über 39'000 Verse angewachsen ist. Die ersten 36'000 Verse sind in einer Kassette mit sechs Bänden nun integral erschienen.

Beat Mazenauer: Das Langgedicht Nicht bei Trost ist der Anlage nach ein unendliches Unterfangen. Was reizt Sie an dieser unabschliessbaren Form?

Franz Dodel: Ohne Anfang, ohne Ende: das ist in jeder Beziehung unmöglich und widerspricht unseren Alltagsbedingungen. Und trotzdem liegt irgendwo in uns eine Vorstellung über diese natürlichen Begrenzungen hinaus. Das assoziative Gedankengeflecht, in welchem wir uns sogar noch träumend bewegen, und das auch das Konzept dieser Arbeit ist, versuche ich schreibend offenzulegen. Nicht tagebuchartig, nicht in Form einer Écriture automatique, sondern mit einer Art poetisch-philosophischem «Filter». – Dann mag ich auch das Anachronistische dieser Haltung: Heute gilt es Konzepte möglichst effizient durchzuführen, abzuschliessen und das nächste Vorhaben anzugehen. Meine Arbeitsweise hält sich an einen entgegensetzten Duktus. Schreiben aus einer langen Weile heraus, langsam Zeile für Zeile.

Der Titel Nicht bei Trost sendet ein doppeltes Signal aus: Es steckt darin eine Untröstlichkeit; zugleich klingt in ihm ein Wagemut an, ja ein nicht ganz bei Sinnen Sein. Ist diese Ambivalenz ein Antriebskern des Unternehmens?

Sicher. Die oberflächliche Interpretation ist klar: ein auf Unendlichkeit angesetztes Projekt – da muss einer nicht bei Trost sein. Ich will mich nicht durch irgendwelche religiösen, philosophischen oder anderweitigen Trostangebote trösten (im Sinne von beruhigen) lassen. Diese Antwort hängt ja auch irgendwie mit Ihrer ersten Frage zusammen: das Denken, Wahrnehmen und Sichwundern soll offen bleiben; auch wenn das oft mühsam und unbequem ist. In diesem Sinne ist «Untröstlichkeit» für mich ein positiver und oft auch beglückender Zustand.

Ein Haiku ist eine hoch komprimierte dichterische Form, ein Endlos-Haiku verstösst demnach gegen die Norm. Wie ist der Geist des Haiku dennoch in Nicht bei Trost präsent?

Die in nicht-japanische Sprachen eigentlich unübertragbare Form des Haiku (5 – 7 – 5 Silben; im Jap. «Moren») interessierte mich nur, weil damit ein sehr enges und für die deutsche Sprache ein geradezu unrhythmisch sperriges Versmass gegeben war, das jedes leichtfertige und rhythmisch eingängige Verseschmieden ausschloss. Und da ich mich bemühe, auch sprachlich einigermassen sinnvolle Versumbrüche (kein Enjambement) zu machen, ist die Arbeit mit diesem Versmass oft ziemlich aufreibend.
Allerdings: die Form des Kettengedichts ist eine im Japanischen bekannte Form: das Renga. Später wurden die drei Anfangszeilen (die das Thema vorgaben) abgelöst, und es entstand das dreizeilige Haiku. Aber Sie bemerken richtig: Die komprimierte Form des Haiku sprengt mein Text konsequent und lustvoll.

Sie warten nicht auf die poetische Eingebung, sondern betreiben Dichtung als tägliches Exerzitium – womit poetische Puristen womöglich ihre Mühe haben. Wie geht ein solches Schreiben vonstatten? Wie wichtig ist daran das Rituelle?

Wenn ich überhaupt auf so etwas Nebliges wie Intuition vertraue, dann die Intuition des Augenblicks im ganz gewöhnlichen Alltag. Mag sein, dass eine Art von Ritual dabei hilfreich ist. Ich setze mich jeden Morgen hin, überfliege die letzten Zeilen und setze ein mögliches, nächstes Wort aufs Papier. Fast immer spüre ich dann den abgelegten «roten» Faden wieder. Die Eingebung besteht eher darin, dass die Aufmerksamkeit während des Tages (auch bei der Lektüre) sich, nicht verbissen, sondern locker, auf den möglichen Anschluss richtet. Ein solcher ergibt sich übrigens auch oft, wenn ich die Anmerkungen im originalen Quellentext überprüfe. Das geschieht eben nicht mit digital präzisem Zugriff, sondern analog, sozusagen immer mit dem Weitwinkelobjektiv.

1969 schrieb Georges Perec: «Es scheint mir, dass die Wahl eines formalen Zwanges […] eine Befreiung meiner Imagination zur Folge hat». Daran erinnere ich mich bei Nicht bei Trost. Hat die Regelhaftigkeit auch für Sie etwas Befreiendes?

Ich glaube, man könnte es fast als eine goldene Regel für Kunstschaffende bezeichnen: Erst die erzwungene oder freiwillige Beschränkung legt das Mögliche wirklich frei. Wobei sich dies in meinem Fall ja vor allem auf das Versmass beschränkt, weniger den Inhalt betrifft. Beim letzteren besteht die «Strenge» darin, dass Banalität, durchhängende Stellen strikte zu vermeiden sind. Es müsste – wenn ich das so sagen darf – stets eine existenzielle Unterfütterung spürbar sein, wobei meines Erachtens eine solche auch bei der Beschreibung eines Grashalms erahnbar sein kann.

Sie sprechen von Lektüren und Quellentexten, die Sie überprüfen und die im Druck Ihr Langgedicht begleiten. Welche Funktionen haben diese Anmerkungen, bilden sie bewusste Zäsuren in einem fortwährenden Gedankenfluss? Sind sie vielleicht auch so etwas wie eine innere Chronik?

Die ausführlichen Anmerkungen (die formal einem wissenschaftlichen Anspruch genügen müssen) sind mir wichtig, weil sie das Geflecht offenlegen, in welchem mein/unser Denken sich bewegt. Wir sind ja ununterbrochen, auch wenn uns dies nicht bewusst ist, daran, Vorgefundenes weiterzuverwerten. In meinem Fall besteht die Aufgabe darin, mir dessen stets bewusst zu sein, wenn ich mit meinem Text Eigenes und Fremdes neu verknüpfe. Andrerseits erlaubt dies den Lesenden auch (besonders wenn ich mit dem ganzen Material Ausstellungen gestalten kann), einen eigenen Weg durch Text und Anmerkungen zu suchen. Man könnte sich durchaus nur durch die Anmerkungen und die Bilder bewegen und so Neues und Bekanntes auf eigene Art und Weise verknüpfen. – Eine Zäsur sind sie insofern, als ich verwendete Zitate und inhaltliche Anspielungen im Originaltext überprüfe (die entsprechenden Bücher allenfalls in der Bibliothek hole) und mich so sehr wohl ablenken lasse durch andere Stellen, Fussnoten etc.

Sie haben erwähnt, dass Sie analog nachprüfen. Nicht bei Trost spielt ja mit der Dualität von analog und digital. Zum einen erscheint das Gedicht analog als formschönes Buch, zum anderen dokumentieren Sie das Anwachsen des Textes fortlaufend digital auf Ihrer Website. Weshalb tun Sie letzteres, und wie wichtig ist Ihnen das?

Als ich 2002 begann, die Arbeit wenn immer möglich täglich auf dem Internet zu aktualisieren, war das Internet eine Möglichkeit der Veröffentlichung, zudem eine, die mich täglich zwang, den Text so zu bereinigen, dass eine solche Veröffentlichung auch verantwortbar war. (Nachträgliche Korrekturen sind wegen des Versmasses immer sehr schwierig.) Inzwischen ist meine Website neu gestaltet und erlaubt es in mehrfacher Beziehung über die ganzen 38 000 Zeilen, die Anmerkungen und über mehr als 300 Bilder zu recherchieren. Für mich selbst ein grossartiges Mittel der manchmal nötigen Orientierung. Obwohl die regelmässigen Zugriffe auf die Seite und immer wieder auch Rückmeldungen zeigen, dass digital gelesen wird, so liegt mir die Umsetzung ins Buch, die Printform, natürlich mehr am Herzen. Das Buch als Medium begeistert mich immer noch.

Ihr Gedicht hat kein Ziel und kein Ende, dennoch begegnet uns darin alle 500 Zeilen zwingend Marcel Proust mit einer Erwähnung oder einem Zitat. Welche Bedeutung hat Marcel Proust für Sie?

Bis zu Zeile 36.000 erwähne ich Proust regelmässig, zwingend jedoch jeweils nach 500 Zeilen. Diese einzige inhaltliche Vorgabe zwang mich – entgegen der sonstigen Freiheit – frühzeitig eine Proust-Stelle auszuwählen, und anschliessend auf diese mit meinem Text zuzusteuern; denn auch sie musste sich inhaltlich in den Textfluss einfügen. – Ich schätze Proust als einen der ganz grossen Autoren des 20 Jahrhunderts. Er bricht die zeitlich-lineare Erzählform auf, breitet einen hochsensiblen Teppich feinster Empfindungen und deren Beschreibungen aus, man schwankt zwischen fast leidenschaftlicher Faszination und Verzweiflung, wenn der Blick sich über Seiten in scheinbare Nebensächlichkeiten vertieft (zum Beispiel die Beschreibung der Garderoben der Damen). Und dann nach Hunderten von Seiten wird plötzlich unverhofft ein an sich unwichtiges Ereignis beschrieben, das eine unergründliche Tiefe aufreisst in das Geheimnis des Erinnerns, also der Zeit (die Madeleine- Szene, der Teelöffel der an die Tasse schlägt, eine unebene Stelle in der Strassenpflästerung etc.). Und natürlich: die oft auch ironische Sicht in die seelisch verkrümmte Innenwelt einer Gesellschaft im Paris der Jahrhundertwende, wobei dieser Blick auch unerbittlich auf den Erzähler selbst fällt.

Auf mich wirkt Nicht bei Trost wie ein grosses, ebenso gelassenes wie intensives Innewerden und Festhalten des eigenen Lebens und der eigenen Vergänglichkeit. Teilen Sie als Autor diesen Leseeindruck?

Ich will es so sagen: Natürlich war und ist dieser Text auch eine Selbsterkundung durch Schreiben. Ich setze mich beispielsweise in Hunderten von Stellen (ich habe sie mir alle einmal herauskopiert) selbstreflexiv mit dem eigenen Schreiben, der Sprache und vor allem deren letztlichen Unzulänglichkeit ES zu sagen, auseinandersetze. Und wenn es um die Sprache und deren beschränkte Möglichkeiten geht, geht es immer auch um Urmenschliches, um das Wesentliche unserer Existenz, die doch weitgehendst aus Kommunikation besteht. Allerdings, dies nur nebenbei, man muss auch aufpassen, dass man sich nicht zu sehr in eine narzisstische Innenschau hineinbohrt, zu lang um einen Punkt herumphilosophiert. Poesie entsteht ja gerade dadurch, dass man Bilder findet, die auf einer ganz anderen Ebene und, so ist zu hoffen, umfassender ausdrücken können, was uns wirklich betrifft und angeht.