Solothurn lässt (nicht) tief blicken
Ein Besuch an den 41. Solothurner Literaturtagen 2019
Die Werkschau des Schweizer Literaturschaffens hat sich in den letzten Jahren zu einem eigentlichen Spektakel gemausert. Das althergebrachte Format der Lesung wird zwar weiterhin gepflegt. Doch daneben wird Literatur immer öfter als Performance inszeniert, und die SchriftstellerInnen stellen sich der Begegnung mit dem Publikum im intimen und lockeren Rahmen von Freiluftlesungen.
Über so viel Nähe zu den Kulturschaffenden geraten das Buch, das Lesen und die Literatur manchmal fast ein wenig in den Hintergrund. Aber die Begegnungen erinnern auch daran, dass Kunst nicht nur schön ist, sondern auch ganz schön viel Arbeit macht. Und sie weckt die Neugier am Arbeitsprozess, an den Absichten, Erwägungen, Zweifeln und Nöten, die gehegt und gelitten werden, bis auch nur ein einziges Buch verkaufsfertig ist.
Auch diese Neugier versucht man in Solothurn mit mehreren Veranstaltungsformaten zu stillen. Textwerkstätten, Literaturgespräche, Dialoge und Podien versprechen Einblicke in verschiedene Aspekte der literarischen Produktion. Mit der Hoffnung auf solche erhellenden Einblicke haben wir am Samstag in Solothurn die Veranstaltungen abgeklappert.
Die Reihe «Skriptor» versprach, die Arbeit am lyrischen Text erfahrbar zu machen. Mit Sascha Garzetti, Lea Gottheil, Meret Gut und Klaus Merz war im Säli des Restaurants Kreuz ein Quartett versammelt, das viele lyrische Qualitäten zwischen sich versammelt. Diese DichterInnen wissen, was es braucht, bis ein Gedicht genügend verdichtet, raffiniert komponiert, musikalisch rhythmisiert – oder was auch immer ist, worauf es in der Poesie ankommt.
Wer gehofft hatte, Klaus Merz würde das Geheimnis seiner Poetik der Lakonie lüften, oder Sascha Garzetti würde vorführen, wie er Erinnerung in Lyrik transformiert, wurde bitter enttäuscht. Die Textgrundlage für neunzig harzige Minuten war ein Auszug aus einem Prosatext einer jungen Autorin, dem viele Anwesende ratlos, gleichgültig, oder beides gegenüberstanden. Alle Fragen zu dem Text, ein umständlicher, überformeller «Antrag» auf Auflösung eines romantischen Verhältnisses, verwiesen auf dessen Einbettung in den Werkkontext, über den nichts zu erfahren war. So stocherten die Dichterkolleginnen ein wenig in ihren Leseeindrücken und Assoziationen herum, während Klaus Merz als einziger dazu stand, dass ihm der Text nichts sagte, und dass er diesem ebenfalls nichts zu sagen habe.
Vielleicht ist es ja vermessen, den poetisch-genialischen Funkensprung so ganz umstandslos programmieren zu wollen und zu erwarten, dass sich die Musen ohne Widerstand öffentlich die Gewänder herunterziehen lassen. Eine andere Strategie, der Kreativität auf die Schliche zu kommen, ist, zwei Kunstschaffende vor Publikum plaudern zu lassen, «ohne störende Moderation», so war der Wortlaut.
Bei den Übersetzerinnen (bis auf Fabio Pusterla war das ganze Übersetzer-Programm weiblich besetzt), die es sich im Gemeinderatssaal gemütlich gemacht hatten, funktionierte das ganz gut. Yla von Dach und Camille Luscher konnten sich auf gemeinsame Anliegen einigen – etwa: den Ausgangstext zu respektieren und zugleich die ganzen, kreativen Möglichkeiten der Zielsprache auszuschöpfen – obwohl sie nicht immer einer Meinung waren, etwa zur Notwendigkeit von Übersetzungstheorien oder der Rolle von Studiengängen.
Einer Meinung konnten auch Milena Moser und Matto Kämpf fast unmöglich sein. Er reist mit einem satirischen Büchlein über spätadoleszente Kulturjournalisten herum; sie mit einem reifen ernsten Roman über Missbrauch. Wenigstens machten beide keinen Hehl daraus, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie sich die 45 Minuten um die Ohren schlagen sollten. Mit einem gedehnten «Ähm» begann das Gespräch, das seinen Höhepunkt darin fand, dass sich die beiden als Katzennarren outeten. «Jetzt haben wir endlich ein Thema», sagte Kämpf, der sich auch laut fragte, warum die beiden wohl gemeinsam eingeladen wurden. Die Moderatorin nahm den Wink nicht auf und ergriff das Wort erst wieder zur Verabschiedung.
Dass eine wohlvorbereitete Moderation ein Zwiegespräch ergiebiger macht, zeigte die Stunde mit Lukas Hartmann und Shelley Kästner. Tatsächlich waren hier auch die Themen kongruenter. Kästner hat Juden porträtiert, Hartmann den jüdischen Sänger Joseph Schmidt. Wie gibt man anderen Menschen eine Stimme, die keine ergreifen wollen oder können? Was legitimiert, was hemmt einen dabei? Und wie nebenbei sprudelten die Hinweise auf die Recherche, auf den Umgang mit Hindernissen und auf die Motivation zum Schreiben nur so aus den beiden engagierten Künstlerpersönlichkeiten hervor.
Wem es langsam dämmerte, dass die klassische «Wasserglaslesung», aufgelockert durch einige Fragen von einer wohlvorbereiteten Moderatorin, vielleicht noch lange kein alter Zopf ist, der sah sich an der Abendveranstaltung zu den Schweizer Literaturpreisen bestätigt. Nachdem die Leiterinnen des Übersetzerhauses Looren und des Centre du Traduction Littéraire daran erinnerten, wie wichtig auch für die Übersetzer Treffpunkte, Workshops, Weiterbildungen, Netzwerke und Stipendien sind, gehörte die Bühne der Grand-Prix-Literatur-Preisträgerin Zsuzsanna Gahse.
Gahses Texte mögen auf der Buchseite zuweilen unzugänglich anmuten. Von der Autorin engagiert und lustvoll gelesen, werden sie auf lebendigste Weise anschaulich. Diese Performance ereignete sich ganz in der Phantasie, die sich unter der Kuppe des Stadttheaters ihren Raum verschaffte und alle sehend und fühlen Anteil nehmen liess. Und die Fragen der Moderatorin gaben der Dichterin Anlass, poetologische Überlegungen anzustellen und Produktionsprozesse zu beleuchten. Dabei öffnete sich die Tür zu ihrem vielschichtigen poetischen Universum einen Spalt. Doch nicht so, dass dabei das Geheimnis ihrer Poesie verraten wurde, sondern so, dass sich die Neugier auf dieses literarische Werk und seine Autorin noch vergrösserten. Und mit dieser Neugier liess es sich befriedigt wieder von Solothurn abreisen.