Literatur ohne viel Worte

Neue Graphic Novels in der Edition Moderne

Fokus vom 27.06.2019 von Beat Mazenauer

Aus Anlass der Auszeichnung für besondere kulturelle Verdienste durch die Stadt Zürich an den Verleger David Basler lohnt sich ein Blick auf zwei Neuheiten aus seinem Verlagsprogramm, der Edition Moderne. David Basler ist ein Comic-Pionier in der Stadt, seit vier Jahrzehnten verlegt er erstklassige «Comic-Literatur», zu nennen sind (inter-)national bekannte Namen wie Jacques Tardi, Joe Sacco, Marjane Satrapi, Anna Sommer und natürlich Mike van Audenhove. Mit ins Programm gehört zudem Pirmin Beeler mit seinem Buch Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen.

Seit zehn Jahren zählt auch der Zürcher Zeichner und Autor Matthias Gnehm zu den Verlagsautoren. Seine neue Graphic Novel ist (wie frühere schon) der Gattung Thriller zuzuordnen. In Salzhunger erzählt er eine rasante und zusehends mysteriöse Geschichte um Rohstoffhandel, Macht, Korruption und ein paar Umweltaktivisten, die in Nigeria dem zerstörerischen Treiben auf die Schliche kommen wollen. Paula Hofer und Arno Beder – die früher ein Paar waren – reisen in die nigerianische Millionenstadt Lagos, um den Aktivisten Anthony Nkowo zu treffen und mit ihm die Praktiken des Rohstoffriesen Boromondo zu dokumentieren. Die Drei scheitern, zurück bleibt die diffizile Frage, wer (von ihnen?) die Aktion verraten hat.

Dem Thema angemessen zeichnet Matthias Gnehm seine Geschichte in ausgeprägt ockerfarben-grauer Tönung, die sparsam gesetzten farbigen Einsprengsel fallen einem förmlich ins Auge. Gnehm entwirft auf diese Weise mit Fettkreide eine trübe Projektionsfläche, die zum genauen Hinschauen auffordert. Die Bilder in Grösse und Anordnung stets variierend fliegt er gewissermassen mit dem Flugzeug von oben ins panoramisch gezeichnete Zielgebiet, um in die Details einzutauchen und bei vergrösserten Miniaturen wie dem Ausschnitt eines Gesichts oder einem Finger, der den Anlasser dreht, zu landen. Trotz des flächigen, verwischten Stils, der die Strichzeichnung sehr behutsam und gezielt einsetzt, enthüllen seine Bilder verblüffende zeichnerische und erzählerische Feinheiten. Über weite Strecken bleiben die Bilder stumm, sie sprechen für sich. Matthias Gnehms Figuren geben sich schweigsam – allen voran Arno Beder, der in sich gekehrt an der kriminellen Rohstoffgeschichte nagt und zugleich an der Trennung von Paula.

Matthias Gnehm erzählt realistisch mit Bild und Sprache. Lücken im Text werden bildnerisch ausgefüllt. Genremässig erweist sich Salzhunger als Öko-Thriller, in den eine schwierige Beziehungsgeschichte eingewoben ist – wobei beide Stränge subtil ineinander verfliessen – und, soviel sei verraten, gemeinsam gehörig aus dem Ruder laufen. Das eine ist mit dem anderen verhängt, ohne dass es eine einfache Ausflucht aus dem Dilemma gäbe.

Nebst dem spürbaren Engagement des Autors für seinen politischen Stoff, der die verfänglichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Afrika thematisiert, sind es vor allem die differenziert festgehaltenen Details, die diese Graphic Novel auszeichnen. Dazu gehört auch die Ausstattung des Buches durch den Verlag: Prägedruck auf dem plastifizierten Umschlag, die dreiseitige Schwarzschnittverzierung sowie eine hervorragende Papierqualität, die einen schönen Druck erlaubt. Allesamt Dinge, die gerade bei bilderzählerischen Werken wichtig sind.

Diese formalen Qualitäten zeichnen auch die zweite Neuerscheinung aus der Edition Moderne aus, Nando von Arbs Drei Väter. Stofflich entwirft dieses Graphic Novel-Debüt eine autobiographische Geschichte in drei Kapiteln, die ihre Leserschaft mit einem fulminanten Furioso an Farben und Formen für sich einnimmt. Die Erzählung verlässt sich dabei überwiegend auf die bildnerische Imaginationskraft. Das Ich wächst in einer Patchworkfamilie mit 1 Mutter, 2 Schwestern und 3 Vätern auf. Der eine von ihnen, der leibliche Vater des Erzählers, verlässt die Mutter einer anderen Frau wegen, doch er taucht immer wieder bei den Zurückgelassenen auf, weil ihn die Kinder lieben. Der zweite, Kiko, ist der Vater der ältesten Schwester und unterstützt aushilfsweise die Mutter. Hinzu kommt später der kräftige Zelo, den die Mutter liebt.

Nando von Arb erzählt die Geschichte mit einer förmlich losgelösten Bildsprache. Die Doppelseite wird virtuos gestaltet, mal mit grossen, oft bunten Tableaus, mal mit kleinteiliger Bilderzählung, aber immer ohne klassische Panelstruktur. Formal variiert er zwischen schwarzer Strichzeichnung und grosszügigen Farbflächen, er setzt die Farben satt und knallig ein, oder lässt sie psychedelisch verlaufen. Fulminant überzeugt die Figurenzeichnung, die etwas kindlich Ungelenkes, ja fast art-brut-mässiges hat, doch sofort erkennen lässt, dass es eine künstlerische Handschrift ist, welche Naivität als bildnerisches Mittel einsetzt. Ebenso klingt auch die Spreche kindlich naiv, wenn sie in groben Sprechblasen förmlich in die Bilder hineingerufen wird.

Jede der Figuren zeichnet sich durch eine charakteristische Form / Gestalt aus, die metaphorische Qualität verrät. Die Mutter ist ein grosser beschützender Vogel, Kiko ein Hampelmann mit Gummi-Beinen, der leibliche Vater ein Wolf, Zelo ein archaisch anmutender Klotz – und das Ich ein kleiner Pimpf.

Auch wenn – dies ein kleiner Einwand – vor allem die ganz kurzen Kapitel dramaturgisch etwas Sprunghaftes behalten, überzeugt die hinreissende Graphic Novel mit ihrer kühnen Bildsprache und ihrer frechen Erzählweise. Sie lässt sich durchgehend lesen, wie jede gute Geschichte, sie bietet sich aber auch als ausdruckstarkes Bilderbuch an.

Graphic Novels sind Erzählungen, die gerne sparsam mit Text umgehen, um mehr Raum für die Bilder zu erhalten. Auf unterschiedliche Weise demonstrieren es Nando von Arb und Matthias Gnehm. Narrative Techniken werden bei ihnen vor allem bildlich variiert. In den wild figurativen Bildern von Nando von Arb lässt sich dabei eine metaphorische Rede im Sinn von «er kommt mir vor wie» erkennen, und Matthias Gnehm befolgt die Regeln des Thrillers mit präzisen Unschärfen.