Zwerge und Riesen auf dem Monte Verità

Die siebte Ausgabe der Eventi letterari Monte Verità «Sulle spalle dei giganti»

Fokus vom 15.04.2019 von Ruth Gantert

Bernhard von Chartres sagte, wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergrösse, sondern weil die Grösse der Riesen uns emporhebt. (Johannes von Salisbury, Metalogicon, 1159)

Sechs Jahre lang stand die Utopie im Titel des jährlichen Literaturfestivals auf dem Monte Verità, das von Joachim Sartorius und Karin Graf geleitet wurde, mit Paolo Di Stefano als Berater. Nun, im siebten Jahr, wurden die Aufgaben in der Leitung vertauscht: Paolo Di Stefano übernahm die künstlerische Leitung, Joachim Sartorius und Karin Graf standen ihm beratend zur Seite. Der neue künstlerische Leiter wählte das eingangs zitierte Gleichnis der Zwerge auf den Schultern von Riesen zum Motto der diesjährigen Eventi letterari, die vermehrt italienischsprachig geprägt und stärker in der Region verankert waren. Auftakt und Abschluss des Festivals fanden im neu erbauten PalaCinema in Locarno statt, die Tessiner Universität USI und die Schulen wurden ins Programm einbezogen.

David Grossmann über Bruno Schulz und Primo Levi

Am Donnerstagabend eröffnete David Grossmann das Festival vor vollen Rängen des Kinosaals. Zwei Autoren nannte der 65-jährige israelische Autor als seine Vorbilder und Inspiration: Bruno Schulz und Primo Levi. Bruno Schulz las David Grossmann allerdings erst, nachdem man ihm auf der Strasse schroff und direkt («wie wir in Israel sind») bescheinigt hatte, er sei stark von diesem Autor beeinflusst. Mit dem ihm eigenen trockenen Humor sagte Grossmann, «da ich von Bruno Schulz beeinflusst war, dachte ich, ich sollte ihn lesen». Bei der Lektüre des 1942 im Drohobyczer Ghetto ermordeten jüdisch-polnischen Autors entdeckte er einen «grossen Bruder». In Schulz bewunderte Grossmann die Fähigkeit, alltägliche Szenen mit einem Twist ins Absurde und Groteske zu versetzen. Der italienische Holocaust-Überlebende Primo Levi hingegen lehrte ihn, die schlimmsten Dinge unsentimental aufzuschreiben. Levi sei zwar emotional, aber er präsentiere Ereignisse und Tatsachen so, wie er sie sehe, mit einem klaren Blick. David Grossmann endete seine Hommage an die beiden «Riesen» mit der Lektüre eines Gedichts von Primo Levi auf Hebräisch. Im Gespräch mit Edoardo Vigna gab er Einblicke in den Schreibprozess zweier so verschiedener Romane wie Kommt ein Pferd in die Bar und Eine Frau flieht vor einer Nachricht (Deutsch in der Übersetzung von Anne Birkenhauer, Hanser Verlag).

Zwei Erstlinge: Erzählungen von Laura Morante und ein Roman von Adeline Dieudonné

Nach diesem starken Auftakt ging es auf den Monte Verità, der in punkto illustrer Vorfahren und Weitsicht nichts zu wünschen übrig lässt. Trotz des frühlingshaften Grüns und der blühenden Magnolien und Glyzinien wehte eine kalte Bise.
Nicht alle eingeladenen Autorinnen und Autoren konnten so pointiert und überzeugend wie David Grossmann erklären, was sie mit ihren Vorbildern verband. Die Schauspielerin Laura Morante, die einen ersten Band mit Kurzgeschichten veröffentlichte (Brividi immorali. Racconti e interludi, Milano, La nave di Teseo, 2018), nannte Robert Walser und Julio Cortázar – für eine Autorin der kurzen Form sicher eine gute Wahl, die sie aber nicht weiter erläuterte. Auch die 36-jährige belgische Autorin Adeline Dieudonné, deren Romanerstling über eine unter dem brutalen Vater leidende Familie La Vraie vie (Paris, L’Iconoclaste, 2018) einen Überraschungserfolg erzielt hatte, bekannte sich zu ihrer Jugendlektüre Stephen King ohne weiter auszuführen, was sie an ihm und seinen Horror-Romanen faszinierte. Dafür machten die ausgewählten Textstellen und die lebendigen Gespräche Lust auf die Bücher: Wie Laura Morante den Filmemacher Federico Fellini und seine Frau Giulietta Masina auferstehen und an einer Hommage an Fellini teilnehmen lässt, ohne dass sie das Wort ergreifen dürfen, und wie Adeline Dieudonnés zehnjährige Heldin das Trauma der Geschwister mithilfe der Leidenschaft für Physik zu überwinden versucht, bleibt zu entdecken.

Historische Stoffe und eine «Hommage» an Carl Spitteler

Mehrere der eingeladenen Autoren befassten sich mit historischen Stoffen: Peter Schneider stellte seinen Roman über Antonio Vivaldi vor, den er ursprünglich als Drehbuch für einen Film konzipiert hatte. Mit Verve berichtete der 79-jährige deutsche Autor von der Beziehung des geweihten Priesters zu den Waisenmädchen, mit denen Vivaldi seine Stücke einstudierte, und insbesondere zu der 32 Jahre jüngeren Sopranistin Anna Giraud. Schneiders Roman erscheint im Herbst – und auch der Film soll noch gedreht werden, unter der Regie von Bille August.

Zuerst einen Film und danach ein Buch widmete der italienische Regisseur und Drehbuchautor Mario Martone dem deutschen Maler Karl Wilhelm Diefenbach und seiner auf Capri lebenden Kommune, die von einem ähnlichen Geist beseelt war wie die damalige Gemeinschaft des Monte Verità. Der Film Capri-Revolution lässt eine junge Ziegenhirtin der Insel im Jahr 1914 zum Maler und seiner Kommune stossen – in Wirklichkeit war Diefenbach 1913 verstorben.
Schliesslich ist Leonardo Da Vinci die Hauptperson in Marco Malvaldis historischem Thriller La misura dell'uomo (Milano, Giunti, 2018), den der Kriminalautor als Auftragsarbeit zum 500. Todestag des Universalgelehrten unter Einbezug mehrerer Experten verfasste.

Die Veranstaltung zu Carl Spitteler als «Hommage» zu bezeichnen war reichlich verwegen, da von den vier beteiligen Personen nur einer – Adolf Muschg – Spitteler gelesen hatte, und dieser eine ihn nicht mochte. Muschg erklärte Spitteler für literarisch «mausetot». Der Wille der Behörden, den Autor nicht vergessen zu lassen, beruhe ausschliesslich auf dem Nobelpreis, den Spitteler für sein Epos Olympischer Frühling bekommen hatte, laut Muschg «ein schreckliches Buch». Was Spitteler rette, sei einzig seine berühmte, mutige Rede zum Schweizer Standpunkt, die im Zuge der geistigen Landesverteidigung wieder wichtig wurde. Acht zeitgenössische Schweizer Autorinnen und Autoren, mit Muschg der ebenfalls anwesende Tessiner Fabio Pusterla, befassen sich in einem von Camille Luscher herausgegebenen Sammelband mit dieser Rede (auf Französisch bei den Éditions Zoé, Deutsch im Rotpunktverlag und Italienisch bei Casagrande).

Melinda Nadj Abondij über Janet Frames sprachschöpferische Kraft

Die gewählte maskuline Form der «Riesen» im Festivalmotto wurde fast durchwegs eingehalten. Dies änderte sich zum Glück mit dem Auftritt von Melinda Nadj Abonji und ihrer engagierten Vorstellung der Neuseeländischen Autorin Janet Frame (1924-2004), die sie dank Jane Campions Film An Angel at my table entdeckt hatte. In ihrer Autobiografie beschreibt Janet Frame, wie ihr die Literatur das Leben rettete: Sie war seit acht Jahren in einer psychiatrischen Klinik interniert und sollte einer Lobotomie unterzogen werden, als der Klinikdirektor ihren Namen in der Zeitung las, da sie einen Literaturpreis erhalten hatte. Janet Frame entging der Gehirnoperation. In Frames Familienroman Owls do cry (Pegasus Press, 1957, Wenn Eulen schreien, Aus dem Englischen von Ruth Malchow, neu bearbeitet von Karen Nölle, C.H.Beck Verlag 2012) erleidet eine ihrer Figuren, die psychisch kranke Daphne, eine Lobotomie. Das Buch wurde als autobiografischer Bericht gelesen, und Janet Frame musste anhand fehlender Operationsnarben beweisen, dass sie das Schicksal ihrer Heldin nicht erlitten hatte. Diese beiden Geschichten dienten Melinda Nadj Abonji als Ausgangspunkt für ihre Überlegungen zur schöpferischen Kraft der Sprache, für die sie mit ihrer Lesung aus dem eigenen Roman Schildkrötensoldat (Berlin, Suhrkamp, 2017) ein eindrückliches Beispiel bot.

Adolf Muschgs flammendes Plädoyer für das animalische Dasein

Das Festival endete, wo es begonnen hatte, im PalaCinema in Locarno, diesmal mit einem Versuch des italienischen Autors Alessandro Baricco, die Auswirkungen der digitalen Entwicklung und insbesondere der Videogames auf unsere Gesellschaft zu beschreiben.
Der eigentliche krönende Abschluss erfolgte aber auf dem Monte Verità mit dem erfrischenden, spontanen und berührenden Auftritt des fast 85-jährigen Adolf Muschg: Muschg improvisierte eine fulminante, halsbrecherische Rede, in der vom letzten Bild des grossen japanischen Malers Hokusai ebenso die Rede war wie von Roger Schawinskis Interview der Prostituierten und Autorin Salomé Balthus, von Aristophanes’ Lysistrata ebenso wie von der Me-Too-Bewegung, von Krieg, Atombombe und Hiroshima ebenso wie von der Comicfigur des Astro Boy, vom nachlässigen Umgang mit Katastrophen wie von der Liebe zum Detail, von Göttern, die zürnen und von Fröschen, die quaken. Muschg zitierte Homer im Original und bedachte Politiker und den Krieg mit Kraftausdrücken, er sprach vom tragenden Element des Meeres und von der Heimkehr und zog am Schluss den Hut vor dem schlichten, animalischen Dasein – dem Recht, das Leben zu geniessen. Und so entliess er sein Publikum einigermassen durchgeschüttelt mit einem Zitat aus Goethes Nachruf auf Winckelmann:

Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?