Gedichte aus dem Frühjahr
Neue Lyrik von Raphael Urweider, Thilo Krause, Melanie Katz und Ingrid Fichtner
Raphael Urweider: Wildern
In Raphael Urweiders neuem Gedichtband Wildern klingt im Titel eine Unruhe und Wachheit an, die den gesetzlosen Jäger auszeichnet. Ihm vergleichbar ist auch der Dichter voll Unruhe auf der Suche nach der (friedliebenden) poetischen Form. Seinen bislang vierten Gedichtband lässt Raphael Urweider mit dem Kapitel «wintern» beginnen, das den Buchtitel subtil variiert. Es umfasst vierzig zusammen gehörige Zweizeiler, einsetzend mit: «ich bin ein tier», dem wenig später die Zeile folgt: «erkenne die fährten bin jäger». In diesem frostklirrenden Winterstück changiert das lyrische Ich zwischen Jäger und Gejagtem, um sich mehr und mehr in der losen rhythmischen Struktur selbst aufzulösen und vom Subjekt zum Objekt zu mutieren:
[...] der wind
zieht an mir wittert mein dasein verteilt mich
mein nachleben in jede bewachsbare richtung
In der zweizeiligen Strophenform mit meist 11-12 Silben treiben die Verse im Stakkato das lyrische Ich voran und ziehen die Leser mit hinein in die Anteilnahme an dieser winterlichen Szenerie. Der Wind verteilt, schliesst die letzte Strophe, «mein nachleben in jede bewachsbare richtung».
Dieses formale Muster nimmt Raphael Urweider am Ende seines Bandes nochmals auf, jetzt mit dreizeiligen Strophen. «tannen» heisst das Gedicht, an «bannen» erinnernd. In umgekehrter Bewegung entwickelt sich aus dem bewachsenen Urzustand ein Wesen heraus, das die stoffliche Welt sinnlich in sich aufnimmt. Die ersten Klett-Geräusche der Windeln, der Geschmack von Eisblumen und Walnüssen oder der Geruch von Rauch wachsen sich zu Erinnerungen aus:
erinnerung gibt es nur im plural
erinnerungen an den geruch vom rauch
an den händen des vaterserinnerungen die rauen hände
der mutter morgens im
schlaffeuchten elternbett
Allmählich nehmen so Vater und Mutter Form an, eine bäuerliche Welt entsteht aus den Falten kleinster Wahrnehmungen. Sie erhält Gestalt unter der Drohung der zersprengenden Frage, «was atombombe sei».
Zwischen diesen beiden Kapiteln hat Raphael Urweider fünf Gedichtgruppen angelegt, deren Überschriften einem ähnlichen Muster folgen: «orten», «weilen», «winden», «dämmern», «fruchten». Die umfangreichste Gruppe «orten» verwickelt das lyrische Ich ins Zwiegespräch mit verschiedensten Städten rings um den Globus. Es ruft die Stadt als ein Du an, um sich (in) ihr bemerkbar zu machen: sie zu würdigen oder ihre Verschlossenheit zu beklagen. Im Kapitel «dämmern» wiederholt das Ich die Weltreise, indem es gen Osten und in der Uhrzeit zurückweichend der globalen Dämmerung folgt. Beide Abteilungen eignen sich die Welt auf intime poetische Weise an. «Alle Länder sind Träume», zitiert Raphael Urweider zu Beginn Gottfried Benn. Von allen lässt sich träumen, mal in trüber Tönung, mal in hellen Bildern.
Erweitert um Verse der Kontemplation («weilen»), der Variation («winden») und der präzisen Beobachtung («fruchten») präsentiert sich Raphael Urweider hier äusserst vielseitig. Mal harsch, mal sanftmütig demonstriert er seine lyrische Beweglichkeit. Womöglich rührt daher der Titel, der in keinem der Gedichte nochmals auftaucht. Raphael Urweider wildert poetisch in unterschiedlichsten Feldern. Mit der Wachheit des Jägers durchmisst er den Mikro- wie den Makrokosmos.
Melanie Katz: Silent Syntax
«Ich falte die Zeit / wer aus mir trinkt wird ein Reh» — die beiden ersten Zeilen des Titelgedichts klingen so märchenhaft wie grundlegend für den Gedichtband Silent Syntax. Die grammatikalische Satzordnung erlaubt widerstandslos in aller Stille, dass Geheimnisvolles geschieht und unverhoffte Begegnungen sich ereignen. In ihren 29 Gedichten lotet die Lyrikerin Melanie Katz alle Möglichkeiten der poetischen Einbildungskraft aus und beweist so strikten Eigensinn. So wie das Falten der Zeit letztlich etwas gänzlich Neues hervorbringt, so unterliegt ihre Lyrik gemeinhin einem steten Falten, Schichten, Stapeln, Verwirbeln und Verwandeln. Diese poetischen Prozesse setzen alles in Bewegung und verschieben beständig die Grenzen zwischen Wahrnehmung, Traum und Illusion.
Mit sparsamen Mitteln erzeugt Melanie Katz so schillernde Bilder, die sich kaum eindeutig und einfach auflösen lassen.
Bewegung
Unter der Brust ein Wald
aus Tannenspitzengrün
ab und an streiche ich ihn
mit einem feuchten Lappen
glatt
Das lyrische Ich verwandelt sich natürliche Vorgänge und topographische Kompositionen an, taucht in sie hinein oder versucht sie zu fliehen. In «latin subtropicàl» mischt sich der exotische Traum «auf der haut / eines löwen liegen» mit der Atmosphäre eines Zimmers bei Regen draussen. In «(auf)schichten» wird die Haut zum Fundament einer Welterfahrung, die bis in den Himmel reicht.
Farben spielen eine Rolle, wobei grau und «papierrosa» wiederholt vorkommen; und Tiere in allen Formen und Gattungen als beschützende wie beschützte Kreaturen. Subkutan machen diese Gedichte ein beständiges Ringen spürbar, das sich der eigenen sinnlichen Wahrnehmung versichert und ihr zugleich misstraut.
Das Vergessen und deine Verantwortung
man hatte gesagt
diese gehöre zusammen, ganz un
mittelbar
Schier unscheinbar reisst der fehlende Trennungsstrich über das Zeilenende hinweg („un mittelbar“) eine Lücke auf. Und selbst der orthographische Wechsel zwischen Gross- und Kleinschreibung sorgt für kleinste Unruhen. Die Gedichte in Silent Syntax zielen nicht auf Gewissheit, vielmehr bauen sie auf die Wachheit und Beweglichkeit der Leser und Leserinnen, die sich von den Faltungen und Wirbeln verführen lassen und das Unstete, Ungesicherte für sich zulassen, um bei der Lektüre zwischendurch auf innigen lyrischen Ruheinseln innezuhalten:
Später tropft Mond aufs Papier
Dämmerung legt sich
auf die Lider drei Kubikmeter
Nebel
Ingrid Fichtner: So gegenüber
Wo Melanie Katz ihre Poesie schichtet, faltet und verquirlt, so verfolgt Ingrid Fichtner in ihren neuen Gedichten ein konträres Konzept: Sie bannt tägliche Beobachtungen in lyrisch rhythmisierte Blocksätze von maximal einer Seitenlänge. Ihr Band So gegenüber umfasst 67 Gedichte, die in Gruppen von 21 + 27 + 21 Gedichten einem dreiteiligen Triptychon vergleichbar angeordnet sind. Übers Ganze hinweg decken sie einen Jahreskreis ab, der von Winterkälte und erstem Frühlingserwachen (Abteilung 1) über den hellen Sommer (Abteilung 2) zurück zu Herbstnebel und erstem Schnee (Abteilung 3) führt.
Die Autorin hält sich dabei ganz an ihre Beobachtungen, die sich auf die sie umgebende Natur und den Himmel konzentrieren. Es beginnt so:
Als wäre ich auf hoher See
nur schaue ich nicht hinauf zum Ausguck eines alten Segelschiffs, ich schaue nicht hinauf zu einem Krähennest, mein Blick wandert nur einen Kran hoch; […]
Die Titelzeilen sind stets Teil des lyrischen Erzählens. Was Ingrid Fichtner respektive ihr lyrisches Ich in sich aufnimmt, ist das Wachsen der Pflanzen (Blumen und Bäume), sind die Tiere (Fische und Vögel), ist der sich verändernde Himmel und darüber gebogen die Weite des unendlichen Sternenhimmels. Das lyrische Ich erkennt sich als ein kleinstes Teilchen in einem kosmischen Gefüge, der mehrfach erwähnten «Lokalen Gruppe», einer Ansammlung von Galaxien, zu der nebst der Milchstrasse auch der Andromeda-Nebel gehört. Zwischen dem Universum und den «instrumentalen Signalen» der Vögel tut sich eine Welt auf, in die das beobachtende Ich ganz eintaucht und sich selbst darob vergisst – oder vergessen kann.
In der Beschränkung liegt der poetische Reiz dieser Gedichte, die Gesehehenes in präziser, knapper, oft abgebrochener Diktion einfängt und Gedanken nur kurz antippt. Die Winterkälte lässt eine leise Melancholie spüren, die sommerlichen Reisen in die Kakteenwüste oder in südliche Meere heben zum Lobpreis des Lichts an, das im Herbst wieder demütig den Nebeln Platz macht. Demut findet auch im leitmotivisch wiederholten und den Titel prägenden «so» ihren Widerhall. In ihm steckt ein «irgendwie so», das nicht Chiffre der Beiläufigkeit und Beliebigkeit ist, sondern Eingeständnis der eigenen Grenzen. Dieses Eingeständnis wird in den zufällig umgebrochenen Zeilen, die sich zum Blocksatz formen, gebannt. Rhythmisierungen, Binnenreine, Alliterationen, Wiederholungen und eine enge Verknüpfung der Motive untereinander bilden das poetische Rückgrat dieser Gedichte.
Zweimal gibt die Autorin Aufschluss über ihr «So nachdenken», allem voran im letzten Gedicht:
Von Zeit zu Zeit
eine Feder in die Hand genommen, einen Bleistift, einen Pinsel oder auch ein anderes Fundstück, und damit ein zwei drei Striche nur getan; ein zwei drei Striche nur, als blosse Möglichkeit, so außerhalb der Dinge Ordnung, entgegen Sinn, entgegen Uhr und Zeiger -
Nur selten offenbart das lyrische Ich seine Empfindungen, etwa als «sich plötzlich dieses Vögelchen in meinen Kummer verfliegt» und später angesichts der funkelnden Perseidenschwärme im August, denn «zu wünschen bleibt mir dabei nichts». Meist jedoch bleiben sie ganz in dem streng geformten Inventar der beiläufigen Wahrnehmungen aufgehoben – gerade deshalb spürbar für die Leser und Leserinnen.
Thilo Krause: Was wir reden, wenn es gewittert
Das Markenzeichen von Thilo Krause ist seine poetische Unerschütterlichkeit und Unaufgeregtheit. Mit Bezug auf seinen neuen Gedichtband Was wir reden, wenn es gewittert könnte auch von morgenfrischer Klarheit und Nüchternheit gesprochen werden.
Und stehe auf und bin
nah an der Stadt
– setzt der lyrische Reigen unter der Überschrift „Zürich, um Null“ ein. Morgenlicht sickert ins Zimmer, das lyrische Ich schaut bei den Kindern vorbei, sucht sich aus den Träumen einen Weg zurück in den Alltag:
So lange verwandeln wir die Dinge zurück
in das, was sie sind – Tisch, Teller und Glas.
Viele Gedichte später heisst es nochmals: «Stieg in den Morgen. Ein Bus, der gänzlich leer war». Darüber steht ein Zitat des Haikudichters Bashō – eine vielsagende Referenz.
Es ist die Genauigkeit und Beharrlichkeit, mit der Thilo Krause das tägliche Tun und Werden betrachtet. Er schaut auf die kleinen Dinge, ohne ihnen besondere Bedeutung beizumessen. Es geht nicht darum, ob sie gross sind oder klein – sie sind einfach, darin liegt ihr Wert. An diesem Umstand ändern auch ferienfarbige «Sardische Notizen» nichts.
Einfache, unumstössliche Ordnung
zu der ich gehöre, durch einen frierenden Körper
der sich an mich schmiegt, das Zittern blauer Lippen.
So unscheinbar sie klingen, die Gedichte bewegen sich dennoch auf einem schmalen Grat des Süss-Sauren, wie es in der leitmotivisch wiederkehrenden Brombeere steckt. Es sind die Übergänge, die den Dichter interessieren: das morgendliche Werden des neuen Tages, das abendliche Zwielicht des vergehenden, der sich abzeichnende gewittrige Wetterumsturz. In diesem atmosphärischen Wechselspiel bleibt der Dichter gelassen. Er bringt diese Momente zur Sprache, die vielleicht auch jene Momente sind, in denen Thilo Krause, von Beruf Asset Manager beim Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, seine poetische Musse findet.
Sein neuer, bislang dritter Lyrikband klingt im Ton vielleicht etwas ruhiger, inniger als die früheren Gedichte. Sie bergen auch etwas weniger Überraschungen, mit einem Zugewinn an Unerschütterlichkeit.
Was ich dir sagen wollte, steht
auf die Wände geschriebenflackert
erlischt
Der Schatten von Thilo Krauses Schrift zeichnet (mit feinem Verweis auf Heines «Belsatzar») kein Menetekel and ie Wand, vielmehr kündet sie, mit souveräner poetischer Geste entworfen, von reiner Zuneigung.