Poetische Experimente 2018

Elisabeth Wandeler-Decks gewürfelter Weg nach und durch Visby und Christian Hallers lyrisch-epische Achterbahnfahrt

Fokus vom 17.07.2018 von Beat Mazenauer

Elisabeth Wandeler-Deck: Visby infra-ordinaire

In einem 1989 posthum erschienenen Aufsatz prägte Georges Perec den Begriff «infra-ordinaire», mit dem er sich gegen den Kult des Extraordinären stellte. «Wo ist das, was wirklich geschieht», fragte Perec: «das Banale, das Alltägliche, das Selbstverständliche, das Allgemeine, das Gewöhnliche, das Infra-Gewöhnliche». Es ist gewiss eine der schönsten Aufgaben von Literatur, genau diesem Infra-Ordinären Ausdruck zu verleihen. Auf eigenwillige und Perec höchst angemessene Weise hat sich das auch Elisabeth Wandeler-Deck in ihrem neuen Buch zur Aufgabe gemacht. Visby infra-ordinaire heisst es, in Anlehnung an Perec und an Jacques Roubauds «Tokyo infra-ordinaire» stellt es sich in die Tradition der Oulipo-Gruppe, die ein ausgesprochenes Faible für die Regelhaftigkeit von Texten pflegt. Ihre «Literatur unter Einschränkungen», wie eine Selbstdefinition lautet, lotet die Potentiale der Literatur mit den Mitteln der Mathematik, des Zaubers und des Zufalls aus.

Daran schliesst Elisabeth Wandler-Deck an. Ausgehend von einem Aufenthalt als Writer in Residence in der gotländischen Hauptstadt Visby unternimmt sie eine systematische Erkundung der Stadt mit beschreibenden Mitteln. Gemeinsam mit der ebenfalls in Visby residierenden Komponistin Margrit Schenker «würfelte» sie sich durch die Stadt. Sie ging dabei wie folgt vor: Ein Würfelwurf bestimmte an einem bestimmten Kreuzungspunkt in der Stadt, ob sie nach rechts (gerade Zahl) oder nach links ging, und (je nach Augenzahl) über wie viele Strassenverzweigungen hinweg bis zum nächsten Standort. Hier hielt sie inne, beobachtete, und notierte, was sich zeigte oder tat. Danach folgte ein weiterer Würfelwurf. In einem späteren Arbeitsgang hat Elisabeth Wandeler-Deck die so gewonnenen Aufzeichnungen kategorisiert, verfeinert und ergänzt. Jedem der Standorte (1.) hat sie weitere Spezifikationen (1.1), spontan auftauchende Gedanken (1.1.1), Zitate oder zuletzt auch eigene Textversuche (1.1.1.1.1.1) beigefügt, die aus der fraglichen Konstellation entstanden sind. Systematisiert und durchnummeriert ist daraus ein höchst sonderbarer, vollends durchstrukturierter, zugleich spielerisch anregender Text entstanden, der sich einer herkömmlichen Lektüre entzieht.

Mit ihrer im Wortsinn aleatorischen Bewegungsformel macht sich Elisabeth Wandeler-Deck so – bereits bei sich zuhause in Zürich ansetzend – auf den Weg nach und durch Visby, um ihre Reise auf «infra-ordinäre» Weise zu dokumentieren. Die Reise per Würfelwurf beginnt wie folgt:

usw.

Der fragmentarische wie fragmentierte Text wird so von Tag zu Tag fortgeschrieben. Das Wort «Rand» beispielsweise überdauert die erste Nacht und wird am 26. Juli weiter variiert. Am selben Tag fällt der Autorin auch das Wort «tapfer» ein und «unterbricht mich in ein weiteres Nichtwissen hinein».
Diese Tapferkeit ist auch den Leserinnen und Lesern für diesen vielfältig geschichteten Text gewünscht, der einen Stadtaufenthalt dokumentiert und zugleich die Bedingungen des eigenen Schreibens mitreflektiert. Das muss nicht, kann aber ein grosses Vergnügen bereiten, die Neugier auf eine literarisches Experiment vorausgesetzt.

Christian Haller: Reise im Korbstuhl. Ein Epos

Eine andere poetische Form legt Christian Haller mit seinem universellen Epos Reise im Korbstuhl vor. Wie der Ich-Erzähler seine Brille aufsetzt, wird er unvermittelt in eine Welt jenseits seiner wohligen Realität in einem bequemen und ererbten Korbstuhl verrückt. Auf einmal «sah ich mich verirrt in einer Landschaft, dunkel und verloren...» – und aus der aristotelischen Dreifaltigkeit von Ort, Zeit, Handlung in einen schwebenden Zustand herauskatapultiert. Sanft schwebend und zugleich rasant in die Tiefe stürzend fliegt er an den «Überresten meiner Bildung» vorüber:

Was sie zusammenhielt – Kalk der Wahrheit –

das hatten Säuren längst zerfressen / ließen
ein bruchstückhaftes Wissen in mir übrig

bedroht jetzt / im Vergessen zu versinken

An der Hand Dantes – oder Vergils? – führt ihn die Reise durch die Höllenkreise der Divina Commedia zurück durch die Geschichte ins Erinnern und Vergessen und hinunter an den Nullpunkt: Ecce Homo.

Christian Hallers Sturz und Schweben durch Raum und Unendlichkeit ist ein kühnes, ungewöhnliches Unterfangen. In einem Schnellrücklauf durch die abendländische (Kultur-)Geschichte, den das Ich traumhaft körperlich und zugleich wie in einer virtuellen Simulation erlebt, lösen sich alle Ordnungen auf. Der Sturz führt zum Höllenloch, das rite de passage ist zum Purgatorium, in dem Beatrice die Führung übernimmt und sie bald einem Fremden überlässt. Dieser – Wittgensteinsch wissend: «keine Wörter können da genügen» – wird als Genie, Scharlatan und Philosoph apostrophiert und gleicht vielleicht doch nur dem erzählenden Ich.

Reise im Korbstuhl ist eine lyrisch-epische Achterbahnfahrt, ein tief Hinunter und hoch Hinaus in die Unendlichkeit des Kosmos, die den Protagonisten am Ende an den Punkt führt, wo alle menschlichen Potenzialitäten zuhause sind: zu sich selbst. Christian Haller zieht alle Register seines nicht geringen «bruchstückhaften Wissens», um sein lyrisches Ich in seiner subjektiven Kosmogonie zu verorten.

jetzt ein erster blick! und ich tat, wie geheissen, schaut, sah mein zimmer, das bett, den schreibtisch, darüber das gemälde (…) ich sah mich selbst in meinem zimmer am schreibtisch sitzen.

So gross und kühn Christian Haller sein Epos anlegt, so sehr erregt seine Lektüre auch Widerspruch.

Nein, schrie ich wütend, genug! Was diese
Installation mir zeigt, ist Halbwissen
beliebig, wie es passt, zum Sinn verknüpft.

Die selbstironische Volte fällt auf das Epos selbst zurück. Seine Dramaturgie wirkt in einzelnen Passagen nicht restlos nachvollziehbar, etwa wenn sich der Höllensturz wiederholt. Vor allem aber weckt die Sprache Widerstand. Christian Haller hält sich weitgehend an ein jambisches Pentameter-Mass, das dem Text eine klassizistische, zuweilen altertümelnde Note verleiht. Das erweist sich stellenweise als produktiv, stellenweise will es aber auch nicht so recht zur virtuellen Inszenierung passen. Wäre eine moderne Sprech- oder Singweise nicht angebrachter gewesen für diese Reise ins kosmische (Ich-)Bewusstsein? Bei aller schwebenden und stürzenden Dynamik bleibt Christian Hallers Epos in einem Zwischenstadium stecken, das als Dichtung die Einheit von Zeit, Stil und Subjekt nicht immer befriedigend herzustellen vermag.