Ir Bärner Umgangssprach
Marti, Vogt, Sterchi und «Bern ist überall»
Kurt Marti
In einem Papier für den Berner Schriftstellerverein formulierte Kurt Marti (1921-2017) 1964 «aus dem Handgelenk» sechs prägnante Thesen «zur Situation der bernischen Mundartliteratur». Er bekundete darin seine Skepsis gegenüber der traditionellen Dialektliteratur, die beispielsweise daher rühre, dass sie kein berndeutsches Gedicht enthalte, in dem «ein Auto oder ein Flugzeug vorkommt». Bis dahin hatte sich der damals 43-jährige Pfarrer und Schriftsteller selbst nicht als Dialektautor hervorgetan. Drei Jahre später erst sollte er den Bann brechen – nachhaltig, wie sich erweisen wird. 1967 sorgte sein Buch rosa laui. Vierzg Gedicht ir Bärner Umgangsschprach für literarisches Aufsehen. Kurt Marti ging es mit seinen Mundartgedichten nicht darum, eine Rückbesinnung auf helvetische Sprechweisen einzuläuten, ganz im Gegenteil. Er trat – notabene in einem deutschen Verlag – gegen die idyllisch verklärende Volkstümlichkeit an. Für ihn war das kulturelle Erbe in der Avantgarde aufbewahrt. Hier fand Marti «e schprach / und die wäri / so schtarch / und so frei / dass / sech niemer / getrouti / se z’rede». Entsprechend liess er, neben Naturbildern, auch Vietnam auftreten, die Apokalypse, den Tourismus oder jene Dinge, die sich im finsteren Untergrund abspielen:
z'nacht
i de bankkatakombe
suecht sech
e truurige zinsfuess
ds luschtige zinsbei
vo rüschtigsfabrigge
zum tanz
Mit einem Mal verwandelte sich der Dialekt in Mund-Art und wurde modern, getreu einer Bewegung, wofür Marti zusammen mit Walter Vogt ebenfalls 1967 den Grundstein legte. Als Titel für eine Veranstaltung mit Dialektgedichten prägten sie programmatisch den Begriff der «modern mundart». In seiner hochsprachlichen Einleitung dazu betonte Walter Vogt, dass das Schriftdeutsch in der Schweiz «die am besten beherrschte, dennoch die fremdeste» Sprache geblieben sei. Denn zum einen liege das Schriftdeutsch quer im Mund, zum anderen kenne die Mundart keine «lesbare Transkription». Ob diese These heute noch aufgeht, bleibe dahingestellt. Jene Veranstaltung sowie Kurt Martis rosa laui-Gedichte gaben einen poetischen Impuls, der im Werk von Mani Matter weiterlebte, dessen erste Schallplatte «I han en Uhr erfunde» schon 1966 erschienen war. Und Franz Hohler setzte mit seinem 1967 erstmals vorgetragenen Fantasietext «Ds Totemügerli» noch einen drauf.
Aber es waren vor allem Kurt Martis Gedichte, welche die literarische Moderne in die Schweizer Mundart einbrachten und das poetische Spiel feierten. Der posthum erschienene Band Wo chiemte mer hi? dokumentiert Martis «sämtlechi gedicht ir bärner umgangssprach». Darin enthalten ist auch der 1973 erschienene zweite Band undereinisch, der umfangreicher, doch auch heterogener ausfiel und den Ton von rosa laui in unterschiedliche Richtungen weiter entwickelte. Es finden sich darin Tagebuch-Gedichte, in denen Marti versuchte, das Tagesgeschehen poetisch zu verarbeiten, unter anderem auch den Tod von Mani Matter – «usgrächnet är». Ausgeprägter als in rosa laui wird darin vor allem die spirituelle Seite seines Dichtens spürbar, in der das mitunter wortspielerische dialektische Abwägen im Vertrauen auf Gott aufgeht.
Der Band begründet aber auch die moderne Spoken-Word-Tradition wie beispielsweise im Gedichte «kabbalistik»:
undereinisch
überzwöinisch
innerdrünisch
usserviernisch
hinderfüfnisch
vordersächsischallersiebnisch
Später hat sich Kurt Marti mit seinem Schreiben in Dialekt zurückgehalten, sein Werk ist der Hochsprache verpflichtet, seine beiden Gedichtbände aber haben etwas freigesetzt, was heute vorab in der Berner Literatur in Hochblüte steht. Entsprechend hat der Band rosa laui seine Bedeutung bis heute bewahrt.
Walter Vogt
Ähnlich wie Kurt Marti hat auch Walter Vogt (1927-1988) vornehmlich in Hochsprache geschrieben. Die Hochsprache schützt, notierte er, denn «im Dialekt gibt man sich preis». Umso überraschender ist seine Neuentdeckung als moderner Mundartdichter. Der Band hani xeit mit Texten aus dem Nachlass gibt Einblick in eine verborgene Facette dieses Autors. Vorab in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat Walter Vogt mit der berndeutschen Mundart experimentiert: Gedichte, Prosa, Theatertexte und Radiokolumnen. Es sind Versuche eines Autors, der sich beim Schreiben in der Hochsprache zuhause fühlte. Der Dialekt behagte ihm dabei vornehmlich als Ansprache an ein Gegenüber.
Die Dialektik des Dialekts bestand für ihn gerade darin, dass das natürliche Idiom literarisch selbst zur Kunstsprache wird. Deshalb kreisen viele der in hani xeit versammelten Texte um eine kommunikative und mediale Selbstreflexion. In seinen Radiokolumnen thematisiert er immer wieder die Situation, übers Radio bei seinem Publikum anwesend und zugleich abwesend zu sein. Erschwerend kommt ein zweites Paradox hinzu: «Jetz tue n i also zeersch Gschprochches schribe, nachäär Gschribes schprächche», weil die Redakteure Bedenken gehabt hätten, dass zu viel Improvisation auch «zvill Kunschtpouse» erzeugten könnten.
Der Band beinhaltet zwei Radioformate. Während sich Walter Vogt in den drei Minuten «Zum neuen Tag» oft eher unbehaglich anhört, scheint er sich in dreifach so langen Dialektbeiträgen für die spätabendliche Rubrik «Zeitraster» richtig zuhause gefühlt zu haben. Mit der Möglichkeit, ein Thema mit Musse einzuleiten, erhält auch seine Sprache eine ausgesprochen lebhafte Färbung.
Genau dies macht den Reiz seiner Mundarttexte aus. Die Kunst der direkten Anrede gelingt ihm in beredter Weise, allem voran auch im vielleicht bekanntesten seiner Gedichte: «Das Unservater» in der berndeutschen Version. Er demonstriert, wie die rituelle Rhetorik des Gebets zum täglichen Postulat werden kann: «vattr / im himu / häb zu diim imitsch sorg ...»
Walter Vogt hat sich kaum um eine kohärente Schreibweise gekümmert. Genau das macht seine Prosa und seine Gedichte in Mundart so verführerisch lebhaft. Man muss sie genau lesen, ja zum Teil mit kindlichem Spürsinn ertasten, um seine «eigeni kunschtschpraach» zu verstehen. Es sind vergleichsweise wenige Mundart-Texte, die er überliefert hat, doch sie verraten einen Sprachspieler, der das ganze Repertoire «vo chuzzemischt über schissdräkk zu ggügguseich zu brunnz zu schmare und zu hueremischscht» genüsslich beherrscht.
Beat Sterchi
Kurt Martis konkrete Poesie wie in «kabbalistik» hat sich Beat Sterchi in seiner Lyrik auf eigensinnige Weise angeeignet. Nach zwei Gedichtbänden 2010 (Ging gang gäng) und 2016 (U no einisch) ist jetzt ein dritter Band erschienen, Aber gibt es keins, in dem Beat Sterchi seine konkrete Poesie nochmals reduziert und minimiert und konzentriert hat; und in dem er den Dialekt mit hochsprachlichen Texten mischt. Mit Eugen Gomringer liesse sich sagen, dass er vom Vers zur Konstellation gefunden hat. Er scheut nicht, wie dieser es in seinem Programmtext 1954 formulierte, «das radikale, positive gedicht: ein paar worte, die spielen und uns beschäftigen».
Reduktion
Sensation
Munition
Arrestation
Helfe
Gottes Sohn
Der Band beinhaltet zwei poetische Stränge. auf der linken Seite stehen, wie die zitierten Zeilen, kurze und kürzeste Gedichte, die auch mal aphoristischen Charakter haben können. Sie werden jeweils rechts von Bildgedichten begleitet, die gerne mit Wiederholungen oder mit Auslassungen arbeiten. Konkret werden die Zeilen von «Reduktion» rechterhand von grossen Buchstaben begleitet, die aus «DAS OPFER» ein lautes «SO» herausschälen. «Matrjoschkas» nennt Beat Sterchi diese bildhafte Stilfigur. Im einen steckt mal unvermutet, mal bloss übersehen ein vielsagend Anderes.
Auffallend an diesen neuen Gedichten ist, wie Beat Sterchi in der sprachlichen Verknappung gehäuft wieder auf die Hochsprache zurückgreift.
Klang
Mein Klang
Dein Klang
Einklang
Die hohe Variabilität des Mündlichen verhindert, hier beispielsweise, den Gleichlaut, weil «min – din – ein» im Dialekt variiert wird. Das lyrische Spiel, dem sich Beat Sterchi hier ergibt, bezieht sich seltener als in früheren Gedichten auf alltägliche Redeweisen, sie vertrauen eher – so ein Dreizeiler – auf die «Drei Könige aus dem Morgenland»:
Der Sehweise
Der Denkweise
Der Schreibweise
«Aber gibt es kein», steht als Titel über diesem Band. Auch wenn Beat Sterchi hier an einem Nullpunkt seines Schreibens ankommt, der radikalen Verdichtung und Weglassung – ein «Aber» gibt es dennoch. Aller Reduktion zum Trotz wird er nicht in eine poetische Leere fallen. Er sei, lässt er vernehmen, am Schreiben von längeren Prosatexten in Standardsprache. Mag es auch wie ein Zauber wirken, aus der kleinsten Matrjoschka taucht womöglich am Ende wieder eine grosse Figur auf. In der Literatur ist alles möglich.
«Bern ist überall»
Best Sterchi ist seit der Gründung 2003 Mitglied der Autorengruppe «Bern ist überall». Für ihre neueste Produktion «Kosovë is everywhere» hat sich die Gruppe (für einmal ohne Mittun von Beat Sterchi) über die Landesgrenzen hinaus begeben. Der sprachliche Horizont wurde um Albanisch, Romani, Serbisch und Englisch erweitert. Ein Projektbeitrag der Berner Burgergemeinde erlaubte es «Bern ist überall», in einen intensiven Austausch mit Literaturschaffenden aus dem «Kanton Kosovo» zu treten – eine Tournee in beiden Ländern inklusive.
Entstanden ist daraus eine ausgesprochen vielstimmige Audio-CD. Die bewährte Mischung von klanglich untermalten, rhythmisierten Rezitationen mit mehrsprachigen chorischen Vorträgen und musikalischen Zwischenspielen funktioniert auch hier bestens. Die unterschiedlichen Stimmen erzählen oder deklamieren in unterschiedlichen Sprachen und Färbungen, stets subtil und zugleich effektvoll von der Musik begleitet, die den Texten jeweils spezifische Stimmungen verleiht. Die Musik macht hörbar, was durch das beigelegte Textbooklet bestätigt wird: «Kosovë is everywhere» dokumentiert auch den Zusammenprall von zwei literarischen Kulturen.
Die Berner Autoren und Autorinnen beschäftigen sich in ihren Texten mal nüchtern, mal lakonisch, mal absurd witzig mit den Vorurteilen, die das interkulturelle Verhältnis mit dem Kosovo und seinen Menschen prägen. Beispielsweise bei Guy Krneta, der die «typischen» Familienbande mit konkreter Poesie abbildet:
Im Land vo de Cousins
het jede e Cousin wo cha häufe
Im Land vo de Cousins
het jede en Cousin wo eine kennt wo cha häufe ...
Es sind die kleinen Vorurteile, die Misshelligkeiten und Beobachtungen aus dem Alltag, die in den Texten aus Schweizer Perspektive zum Ausdruck kommen und mit erprobter Bühnenrhetorik vorgetragen wird. Spielerisch und mit Bedacht neigen die Texte in Berner Mundart oder in Französisch zu einer feinen Ironie und brüchigen Melancholie.
Demgegenüber präsentieren sich die Beiträge der kosovarischen Dichter und Dichterinnen schonungslos und ungeschminkt, wenn sie die oft pitoyablen Lebensverhältnisse bei sich Zuhause zur Sprache bringen.
Zuerst nageln sie mir den Mund fest zu
Zu ihrem Vergnügen
Und dann befehlen sie mir zu singen!
– heisst es in Kujtim Paçakus «Heuchelei». Das poetische Spiel macht hier einer unverstellten Wut Platz, der das Lachen längst vergangen ist und die daher nicht sarkastische, zuweilen auch pathetische Züge annimmt. So beschreibt Jeton Neziraj «Das Kosovo-Projekt» ingrimmig zum Takt einer Militärtrommel:
Neokolonialisten,
Sozialsöldner,
Arbeitslose und Faule,
Abenteurer und Verzweifelte
Kamen 1999 nach Kosovo
In einer neuen Mission des kapitalistischen Humanismus
Erst recht brisant ist «Der Brief» von Miloš Živanović, der vom Autor auf Serbisch vorgetragen wird und damit auch sprachlich tief in der kosovarische Wunde stochert. In rasanter Diktion erzählt er einen Lebenslauf der Flucht «vor ihnen und vor mir selbst»:
'99 verliess in Belgrad
und ging zum Teufel.
«Kosovë is everywhere» bezieht ihren Reiz aus dem Nebeneinander dieser beiden Spielarten: den stark vom subtilen Wortspiel geprägten schweizerischen Texten auf der einen und auf der anderen Seite jenen leidenschaftlichen Erzählungen über Glanz und Elend im fürsorglich kolonisierten «Kanton Kosovo». Die Audio-CD macht unmittelbar hör- und nachlesbar, wie die Umstände der Lebensrealität das Schreiben und die poetische Optik verändern – eine spannende Entdeckung.
Dass wegen der vielen Sprachen, die das Publikum meist nur teilweise verstehen wird, der unmittelbare Hörgenuss leidet, ist der Preis, der dafür zu entrichten ist. Ein Booklet mit Übersetzungen hilft etwas darüber hinweg. Trotz alledem hat sich Kosovo-Experiment von «Bern ist überall» gelohnt, weil es den (Berner) Horizont wohltuend öffnet.